Schule, Berufsausbildung, Meisterschule - "gewöhnlich haben wir hier andere Typen sitzen", sagt Vorsitzender Richter Michael Eckstein zum Angeklagten. Vor dem Landgericht Bayreuth muss sich ein 23-jähriger Mann aus dem Landkreis Kulmbach verantworten, den die Strafkammer nicht als typischen Täter aus dem Drogenmilieu einstuft. Kurz vor seiner letzen Prüfung fliegt der angehende Handwerksmeister aber auf und wird im November festgenommen.

Der Polizei ist es gelungen, einen ganzen Ring von Drogenhändlern und Konsumenten in Kulmbach auffliegen lassen. Allein der polnische Hintermann, der den Stoff geliefert hat, befindet sich noch auf freiem Fuß.

Der Angeklagte betreibt einen schwunghaften Handel. 2400 Gramm Marihuana und Haschisch verkauft er nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bis Mitte 2015 an seine Kunden. Die Geschäfte gehen in seiner Wohnung oder in einem Kulmbacher Lokal über die Bühne. In einem Jahr verdient er so die läppische Summe von 2400 Euro. Für die paar Kröten geht er nun lange in den Knast.


Zerknirscht und geläutert

Was dem Gericht unerklärlich ist: "Warum machen Sie so einen Mist?", fragt Eckstein. Fünf Vorverurteilung haben nicht gefruchtet. Nicht mal von einer laufenden Bewährung - zwei Jahre Jugendstrafe - hat er sich beeindrucken lassen. "Ich kann es nicht mehr nachvollziehen", sagt der Angeklagte. Er gibt sich zerknirscht und geläutert. Was er angerichtet hat, habe er erst begriffen, als seine Freundin schwanger geworden ist.

Bei der Geburt seiner Tochter ist er dabei - zwei Tage zuvor aus der Untersuchungshaft entlassen. Das Kind wird aber erst mal ohne den Vater aufwachsen. Denn nach der gestrigen Verurteilung darf er den Knast wohl erst verlassen, wenn das Mädchen schon in den Kindergarten geht.

Offenbar hat das Geld gelockt. Mit 650 Euro Meisterbafög lassen sich keine großen Sprünge machen. "Das Geld hat hinten und vorne nicht gereicht", gibt der Angeklagte zu. Da trifft es sich gut, dass er einen neuen Kollegen kennenlernt. Der Mann aus Polen ("ein netter Kerl") leiht dem Kumpel auch mal Geld und weiß, wie man sich etwas dazuverdienen kann. Er besorgt Marihuana und Cannabis, und der Kumpel übernimmt den Weiterverkauf in Kulmbach. Bis man ihm durch einen Tipp aus der Szene auf die Spur kommt.

Eine aufwendige Beweisaufnahme kann sich das Gericht sparen. Der Angeklagte gesteht alles.


Kriminelles Vorleben

Daher bezeichnet Staatsanwalt Daniel Götz die Höhe der Strafe in seinem Plädoyer als springenden Punkt. Er verweist auf das erhebliche kriminelle Vorleben des Angeklagten. In viereinhalb Jahren seien mehrere Gerichtsverfahren gegen ihn gelaufen. "Darum hat er sich nicht geschert." Im Gegenteil, der mehrfache Bewährungsversager habe seine Geschäfte immer weiter betrieben und sogar noch ausgeweitet. Götz fordert eine Gesamtstrafe von vier Jahren und zehn Monaten.

Viel zu hoch, meint Verteidiger Werner Brandl, Kulmbach. Eine solche Strafe würde seinem Mandanten die Zukunft verbauen. Zwei Jahre und acht Monate seien ausreichend und würden ihm eine Perspektive eröffnen - auch, um zu seiner Familie zurückzukehren. Immerhin habe der Angeklagte ("sehr mutig") den bisher nicht bekannten Namen seines Hintermannes genannt. Sein Mandant, so der Rechtsanwalt, habe nur mit "weichen Drogen" gehandelt. Und es sei für ihn schwer gewesen, selbst vom Rauschgift wegzukommen.

Das Gericht bleibt salomonisch in der Mitte und verurteilt den jungen Mann zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis. Über die Vorstrafen könne man nicht hinweggehen, stellt Eckstein fest und fragt: "Wie viele Warnschüsse wollen Sie noch haben?"


Wie bei Uli Hoeneß

Allerdings meint es das Gericht gut mit dem Angeklagten. "Wir brauchen eine Lösung, die Ihnen eine Zukunftsperspektive gibt", so Eckstein. Sein Auftreten vor Gericht, der Rückhalt in seiner Familie und die Aussage seiner Freundin, die zu ihm hält, hätten sich positiv ausgewirkt. Der Richter sieht Chancen, dass der 23-Jährige bei den zwei Jahren Jugendstrafe, die er am nächsten Montag antreten muss, in den Genuss der Halbstrafenregelung - wie Uli Hoeneß - kommt. Von der neuerlichen Verurteilung müsse er aber zwei Drittel verbüßen, bis es Bewährung geben kann. Eckstein: "Das sind zusammen drei Jahre und sechs Monate. Ihre Tochter wird schon ganz schön alt sein, wenn Sie rauskommen."