Er muss sie gerettet haben. Aus einer brennenden Synagoge geholt. Von der Straße aufgelesen, wo man sie mit Stiefeln in den Dreck getreten hat. Es muss ihm gelungen sein, sie in den Jahren der Verfolgung vor den Schergen versteckt zu halten. 1946 schließlich, als er nach Kulmbach kommt, hat er sie im Rucksack dabei: drei Fetzen von einer Thora-Rolle, die wie verschrumpeltes, schmutziges Fensterleder aussehen. Für ihn aber eine Kostbarkeit, etwas Heiliges, das Wort Gottes.


Jüdischer Immigrant aus Polen


Die Überbringung der Thora-Fragmente und die Geschichte ihrer Herkunft zählt zu den großen Rätseln des Kulmbacher Stadtarchivs.

Klar ist nur, dass ein jüdischer Immigrant aus Polen die Kostbarkeit 1948 vor seiner Ausreise nach Palästina dem damaligen Stadtarchivar Wilhelm Lederer übergeben hat.

Für Andreas Angerstorfer von der Katholischen Fakultät der Uni Regensburg, der die Stücke untersucht hat, steht außer Zweifel, dass es sich um Relikte einer Thora-Rolle aus einer zerstörten Synagoge handelt. Offen bleibt, wann und wo die Fragmente gerettet worden sind, ob nach der "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 im Reichsgebiet oder nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1939 in Polen nach Kriegsbeginn.


Schrift stark verblasst


Auch wenn die Schrift teilweise stark verblasst ist, ist für den Wissenschaftler klar, dass es sich um eine äußerst wertvolle Thora wohl aus dem 16. Jahrhundert gehandelt haben muss. Sie ist wie üblich mit Federkiel und schwarzer Tinte auf Pergament geschrieben, das aus Häuten koscherer Tiere gefertigt worden ist.

Die Höhe der Textblöcke der Relikte beträgt 28 Zentimeter. Angerstorfer konnte die Stücke genau bestimmen: Fragment 1 stammt aus dem ersten Buch Mose, in dem es um Jakob und seine Brüder geht. Nach der letzten Zeile "Noch drei Tage, dann wird der Pharao dich vorladen" ist das Pergament mit Gewalt zerfetzt worden.
Fragment 2 ist die direkte Fortsetzung. Fragment 3 ist aus dem vierten Buch Mose herausgerissen worden. Der Abschnitt beschreibt die Wanderung der Israeliten durch die Wüste, angeführt von Moses und Aaron.

Für rechtgläubige Juden bleibt auch eine gefledderte, geschändete Thora etwas Heiliges. Nach jüdischem Gesetz müsste sie auf einem jüdischen Friedhof rituell bestattet werden. Warum das nicht geschehen ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise hat bei der Odyssee in den Westen die Gelegenheit gefehlt.


Überlebende des Holocaust


Der Unbekannte ist einer der Juden, die bei Kriegsende nach Kulmbach kommen. Mit den Mitgliedern der früheren jüdischen Gemeinde von Kulmbach haben sie nichts zu tun. Es sind Überlebende der Shoa. Von den Amerikanern werden sie "displaced persons" genannt, heimatlose Ausländer. Viele von ihnen sind körperlich schwer geschädigt, zum Skelett abgemagert und traumatisiert.

Sie haben Jahre in Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern hinter sich oder in Verstecken oder unter falscher Identität überlebt. Die ersten, die 1945 eintreffen, werden im Baracken-Lager Seidenhof untergebracht. Anfang 1946, als ihre Zahl auf 50 angestiegen ist, werden sie auf die Plassenburg verlegt. Im Juli 1946 erreicht ihre Zahl mit 100 Personen den Höchststand.


Wiedergutmachung angesagt


Die Leitgedanke von US-Militärregierung und Stadtverwaltung heißt Wiedergutmachung. Schon Mitte Oktober 1945 wird im Kreiswohlfahrtsamt, Kronacher Straße 5, eine "Betreuungsstelle für KZ-Leute" eingerichtet, die bei der Beschaffung von Essen, Kleidung, Unterkunft, Überbrückungsgeldern und Arbeitsplatz helfen soll. Anfang 1947 wird Kulmbach der Status einer "Betreuungsstelle für rassisch, religiös und politisch Verfolgte" zuerkannt. Die jüdischen Neusiedler organisieren sich als "Komitee", das durch ihre Sprecher - Samuel Bernstein, Meier Zamovrechi, Abraham Latowicz und Eisig Tannenbaum - von der Stadt ein Gemeindehaus fordert.

Mit der "Parkschänke", dem heutige Hotel Ertl, ist die Lösung gefunden. Im ersten Stock ist ein großer Versammlungssaal vorhanden, die Gästezimmer können als weitere Unterkünfte dienen. Am 29. August 1946 wird das Gemeindehaus mit einer Ansprache des zweiten Bürgermeisters Fritz Schönauer (SPD) eröffnet, der selbst Jahre in Internierungshaft verbracht hat. Über zwei Jahre lang lebt in Kulmbach jüdisches Brauchtum auf. Gemeinsam feiert man Sabbat. Die großen Feste werden begangen, Hochzeiten werden geschlossen, Kinder geboren.


Enthusiastische Feier


Doch entgegen aller Bekundungen ist jedermann klar, dass an eine dauerhafte Bleibe nicht zu denken ist. Die Juden hoffen auf die Gründung eines eigenen Staates in Palästina durch die UNO und möchten dorthin auswandern. Als der Staat Israel am 14. Mai 1948 von David Ben Gurion proklamiert wird, feiern die 82 DP-Mitglieder enthusiastisch in der "Parkschänke". Die Kulmbacher DP-Gemeinde löst sich rasch auf: Fast alle Männer schreiben sich bei Jewish Agency für die israelische Armee ein, darunter wohl auch der Thora-Überbringer. Wie 22 000 andere Holocaust-Überlebende ziehen sie freiwillig in den Krieg gegen die arabische Übermacht.

Der Stadt Kulmbach bleibt nur noch, einen Schlussakkord zu setzen: Am 15. November 1948 verabschieden Oberbürgermeister Georg Hagen und Nathan Spitzer vom Israelitischen Zentralkomitee die Verbliebenen mit einer Feierstunde.