Gegen 14 Uhr ist es heute noch ruhig am Kulmbacher Marktplatz - ungewöhnlich viele kleine Menschengruppe haben sich gebildet, alle scheinen auf etwas zu warten. Ohne ein vernehmbares Signal setzten sich einige in Bewegung, schnell bildet sich eine Menschen-Traube vor dem Rathaus, auf dem Boden breiten sich sieben grüne Schlauchboote aus, Holzlatten werden herangetragen, Kamera-Attrappen aus Kartons geholt, im Hintergrund erklingen rhythmisches Trommeln, und jeder scheint genau zu wissen, was er zu tun hat - die innerhalb weniger Wochen geplante Kunstinstallation von Andreas Schobert ist in vollem Gange.

Zeichen gegen Abschiebung

Der Künstler will damit ein deutliches Zeichen setzen: Für ein Bleiberecht junger, gut integrierter afghanischer Flüchtlinge, die in Kulmbach angekommen sind und alles für eine sichere Zukunft hier tun würden. Unterstützt wird Schobert von Hans-Werner Fischer und Karin Fischer-Sandhop. Als Lehrer in der Integrationsklasse an FOS und Berufsschule haben die beide mittlerweile eine sehr emotionale Bindung zu dem Thema - denn die Abschiebung droht auch Schülern, die täglich bei ihnen im Unterricht sitzen.

Karin Fischer-Sandhop beobachte seit einiger Zeit, wie diese sich verändern. "Sie fallen in eine regelrechte Depression - fühlen sich ohnmächtig", sagt sie. Sie wollte nicht länger, dass nur über die Flüchtlinge geredet wird, sondern diese selbst etwas tun und auch sagen können - so entstand in Zusammenarbeit mit Schobert das Projekt. Anders als bei Mahnwachen, die beispielsweise in Kronach aus dem selben Anlass stattgefunden hätten, sei es ihr wichtig, dass die Jugendlichen bei der Kunstaktion selbst aktiv werden und damit etwas gegen ihre Ohnmacht tun könnten. Mit ihren Schülern - die Lehrerin unterrichtet Deutsch als Fremdsprache in der Integrationsklasse der FOS - hat sie Lose gefertigt, die heute am Marktplatz ausgeteilt wurden.

Das Los der Abschiebung

Jedes Los steht für einen Schüler, sein Schicksal und die damit verbundenen Ängste, Hoffnungen und Wünsche. "Ich habe Angst, dass ich hier immer ein Fremder bleibe" steht auf einem der Lose. Die Ängste von Danial Musswai sind noch konkreter: "Wenn wir zurück nach Afghanistan müssen, erwartet mich keine Wohnung, kein Wasser, keine medizinischen Versorgung - nichts " Der 21-Jährige will, dass die Menschen verstehen: seine Heimat ist nicht sicher - entgegen dem, was die Bundesregierung entschieden hat. Danial hat ebenso wie sein 19-jähriger Mitschüler Ehsan Sakhizada einen Abschiebebescheid erhalten. Doch der Weg zurück nach Afghanistan ist für die beiden undenkbar - mit den Taliban als tägliche Bedrohung wollen die beiden nicht leben. Dass sie Deutschland wieder verlassen müssen, ist Ehsan ein Rätsel: "Ich frage mich, warum? Wir sind doch alle Menschen, deswegen verstehe ich es nicht."

Klare Symbolik vor dem Rathaus

Nach rund zwei Stunden wird es heute Nachmittag ruhiger am Marktplatz - die Installation ist fertig. Sieben Schlauchboote stehen auf Paletten vor dem Rathaus, in jedem sitzt eine kleine Figur, über ihr schwebt eine Überwachungskamera.

Viel Symbolik steckt in den einzelnen Elementen - vor allem das Schlauchboot assoziiert man schnell mit den schrecklichen Bildern vom Mittelmeer aus der Vergangenheit. "Genau so sind wir gekommen - und es war niemand da, der uns hilft", erklärt Danial und zeigt auf eines der Schlauchboote.

Bis Montag soll die Installation, die noch heute auf den Platz vor der Petri-Kirche umgezogen ist, stehen. "Wir wollten Aufmerksamkeit erregen - und das ist uns, glaube ich, gelungen", so Andreas Schobert.