Eigentlich unvorstellbar: Noch drei Wochen vor Ausbruch des großen Krieges entspannte sich der wichtigste General des Zaren in Bad Kissingen. Zusammen mit seiner Ehefrau logierte Alexej Brussilow im "Hotel Fürstenhof". Für den Prominenten und weitere 500 russische Badegäste wollte die Kurverwaltung ein besonderes Highlight bieten: Man errichtete im Park die Kreml-Mauer als Attrappe, davor spielte das Orchester. Zum Finale wurde die russische Nationalhymne "Gott, schütze den Zaren!" angestimmt und ein Feuerwerk abgefackelt. Doch die Raketen landeten auf der Papp-Kulisse, die sofort in Flammen aufging. Ob Vorsatz oder nicht: Die Musiker stimmten vor dem eingeäscherten Kreml jetzt die Kaiserhymne an - "Heil dir im Siegerkranz". Die deutschen Kurgäste jubelten. General Brussilow war empört und ließ sofort packen.

Ab nach Kulmbach

Die Mehrheit der Russen setzt trotz der täglich aggressiveren Töne zwischen Deutschland und Russland die Kur fort. Als am 1. August der Krieg wirklich ausbricht, hoffen die Badegäste, als Zivilisten verschont zu werden. Doch am 23. August zerplatzt die Illusion: Das Generalkommando Würzburg verkündet, dass sie als Gefangene gelten. Gleichzeitig werden sie ultimativ aufgefordert, sich am nächsten Tag um 12 Uhr in der Wandelhalle einzufinden. Zum Abtransport nach Kulmbach.

Auch dort regiert das Diktat des Militärs. Erst vier Tage vor ihrem Eintreffen am Bahnhof wird der Kulmbacher Stadtmagistrat über die Abschiebeaktion instruiert. Die Plassenburg bietet zu diesem Zeitpunkt ein erbärmliches Bild. Seit Schließung des Zuchthauses 1909 ist sie verwaist. Das Inventar ist ausgeräumt. Die Sanitäranlagen, die Gas- und Wasserleitungen sind marode.

Feldbetten und Notaborte

Der Kulmbacher Bürgermeister Hofrat Wilhelm Flessa erweist sich in der Turbulenz der ersten Kriegswochen als der große Macher. Er organisiert Feldbetten, Matratzen, Wolldecken, Strohsäcke und Nachtgeschirr. Er ordert für die 60 Mann starke Wachkompanie des 7. Infantrie-Regiments Spinde, Notaborte und Pissoires. Er stellt Installateure, Putzfrauen und Köche ein. Dass Flessa sein Manager-Talent nicht unter den Scheffel stellt, zeigt der Bericht, den er nach Abschluss der "Russengeschichte" ans Bayerische Innenministerium schickt und doppelt in Druck gibt.

Wenige Stunden vor Einfahrt des Zuges am 24. August abends um 22.15 Uhr die nächste Überraschung: Flessa erfährt aus Bad Kissingen, dass von den angekündigten 500 nur 337 wirklich reisefähig sind: 136 Männer, 179 Frauen und 22 Kinder. Doch auch unter ihnen befinden sich kritische Fälle - eine Hochschwangere, ein Säugling, Über-70-Jährige. Für eine etwaige Versorgung hat Flessa Ärzte und Sanitäter zum Bahnhof bestellt. Einige wenige Fuhrwerke stehen für die Herzkranken bereit, alle Übrigen müssen mit Gepäck zu Fuß auf die Burg steigen.
Einer davon ist der Nürnberger Rabbiner Dr. Arnold Klein. Nachdem die Russen fast ausnahmslos jüdischen Glaubens sind, soll er für ihre "Pastorierung" sorgen. Der eigentlich zuständige Distrikt-Rabbiner aus Bad Kissingen, Dr. Seckel Bamberger, hat ihn darum gebeten - und sich den Hass der Betroffenen zugezogen. Man hat Bamberger in Verdacht, die Abschiebeaktion auf die Plassenburg heimlich unterstützt zu haben, um sie los zu sein.

Deutschland Hurra!

Der Zug auf die Burg muss ein schauerliches Spektakel zur Geisterstunde gewesen sein. Tausende Schaulustige sind auf den Beinen, um die "Gefangenen" in ihrer leichten Sommerkleidung zu bestaunen. Eskortiert vom Wachkommando der Plassenburg werden sie wie Top-Terroristen auf die Burg geführt.

Was danach im Kasernenhof abläuft, taugt fürs groteske Theater: Der Burgkommandant ermahnt die Versammelten zu Ruhe und Ordnung. Ein Sprecher der Gruppe verbeugt sich kräftig: "Deutschland marschiert an der Spitze der Kultur", so sagt er. "Wir sind wahrhaftig nicht deutschfeindlich gesinnt, denn als Juden werden wir in Russland unterdrückt, geknechtet und entrechtet." Es folgt ein dreifaches Hoch auf Deutschland.

Für die Zivilgefangenen haben die Organisatoren einen Imbiss à la Kulmbach vorbereitet - Brot und Kulmbacher Schweinsbratwürste. Als Willkommensgeste gedacht, stößt dies auf flammenden Protest des Rabbiners: Die 75 Prozent "Rechtgläubigen" würden lieber sterben als unkoschere Kost berühren, so gibt er zu verstehen. Die Mehrkosten für rituelle Kost würden sie gern aufbringen. Sein Protest bleibt nicht ohne Wirkung. Ab dem 28. August wird auf der Plassenburg eine eigene koschere Küche eingerichtet. Geschächtetes Fleisch wird täglich aus Nürnberg angeliefert.

Flanieren und zoffen

Überraschend für Flessa ist, über welche Barmittel die Zivilgefangenen verfügen: 100 000 Mark insgesamt, so findet er heraus. Einige Kulmbacher Händler wittern ein Geschäft. Sie errichten im Schönen Hof Verkaufsstände und bieten Delikatessen und Frischware an. Auch die Bewachung wird täglich laxer. Man erkennt, dass die Russen eher harmlose Touristen sind als Staatsfeinde: Sie können um die Burg flanieren, im Buchwald spazieren gehen oder einfach im Gras die Zeit überbrücken.

Zunehmend bricht jedoch Zoff unter ihnen aus. Die Bessergestellten - Geschäftsleute, Ärzte, Apotheker, Lehrer - die sich als liberale Juden verstehen und oft auch Deutsch beherrschen, grenzen sich von ihren orthodoxen, kaftantragenden Landsleuten ab. Sie wollen einen eigenen Schlafsaal, der ihnen von Flessa auch zugestanden wird. Die Frauen zeigen ihre Klamotten vor, vor allem aber ihren Schmuck - Brillanten, Ohrgehänge, Broschen, Bernstein-Armreifen. Flessa ist befremdet: "Von Geschmack keine Spur, alles darauf berechnet, möglichst in die Augen zu fallen und Aufsehen zu erregen", so vermerkt er in seinem Bericht.

Auch wegen der zunehmenden Konflikte ist der Stadtmagistrat dringend interessiert, die Fremden wieder loszuwerden. Für sie in der Kriegs-Situation Asyl zu finden, ist äußerst schwierig. Flessa verhandelt tagelang mit dem Innenministerium und den Militärbefehlshabern verschiedener größerer Städte, um jeweils ein kleines Kontingent unterzubringen. Anderen Russen gelingt es, über private Kontakte im neutralen Ausland (Schweiz, Dänemark) Fuß zu fassen.

Am 9. September kann Flessa nach München telegrafieren: "Seit gestern Nachmittag ist Plassenburg geräumt. Wachkommando nach Bayreuth zurück".