Wer ist die geheimnisvolle Schöne auf der Russen-lok? Gewiss ein Modell, ein Mannequin, ein Filmstar. Die beiden Herren jedenfalls genießen den Damenbesuch. Der rechts am Regler grinst mit Strahlelachen aus dem rußgeschwärzten Gesicht. Der links mit Tschapka und dem Roten Stern als Kokarde träumt sich mit Wolgablick in die Ferne. Doch wer ist der Einäugige, der aus dem Dunklen linst? Ist es ein Lauscher, ein KGB-Mann?


Ein einmaliger Schnappschuss


Das Foto ist ein einmaliger Schnappschuss, entstanden während der Dreharbeiten zu Fritz Umgelters Kultfilm "Soweit die Füße tragen" im November 1958 im Sägewerk der Maineuser Spinnerei. Die sechsteilige TV-Serie, die 1959 über die Schirme flimmert, ist der erste große Straßenfeger der bundesdeutschen Fernseh geschichte. Erzählt wird die grandiose Flucht des deutschen Kriegsgefangenen Clemens Forell aus einem sibirischen Straflager in seine bayerische Heimat.

Zur Verfügung gestellt hat uns das Foto der heute 94-jährige Neuenmarkter Lokführer Hans Oxenbauer, der für den Dreh in Mainleus eigens angeworben worden ist. Dem Bahnhistoriker Jürgen Goller hat er die Geheimnisse des Bildes verraten.


Tochter des Spinnerei-Direktors


Die attraktive junge Frau auf dem Foto ist Ingrid Lipowsky, die Tochter des Spinnerei-
Direktors Dr. Ernst Lipowsky, die mit dem Filmregisseur Fritz Umgelter liiert ist. Als Regie-Assistentin ihres Mannes wird sie sich bei Produktionen wie "Am grünen Strand der Spree", "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" und "Schüsse aus dem Geigenkasten" einen Namen machen. Sie jobbt als Radio- und TV-Moderatorin. "Ingrid war absolut Zug-närrisch", erinnert sich Oxenbauer. "Sie wollte immer nur auf der Lok mitfahren. Das war zwar strikt verboten, aber wir nahmen sie gerne mit und hatten gemeinsam Spaß während der vielen stundenlangen Wartezeiten. Gedreht wurde fast vier Wochen, abwechselnd bei Tag und bei Nacht."

Er selbst ist im Film nicht zu sehen. "Wenn die Kamera lief, mussten die Lokmänner - unser Heizer Siegmund Dietzel und ich - wegtauchen. Wir sahen zu europäisch aus. Aus dem Führerstand schaute stattdessen Machmud Turdi, der Mongole, der in der Mainleuser Spinnerei arbeitete und für die Rolle ideal war", so Oxenbauer. Turdi spielt in einer weiteren Rolle einen russischen Bahnhofsvorsteher, der Forell bei der Flucht hilft.


Mit Blechattrappen verblendet


Goller erfährt auch, mit wel chem Aufwand eine normale DB- Lok der Baureihe 57 1741 des Betriebswerks Neuenmarkt für den Film umfunktioniert worden ist: Auf der Rauchkammertür wird ein großer roter Stern angebracht, auf den Führerstand in kyrillischen Lettern "CCCP" gemalt, die Staatsbezeichnung der Sowjetunion. Der unpassende Schornstein wird mit Blechattrappen verblendet. Da deutsche Dampfloks mit Steinkohle befeuert werden, die russischen hingegen mit Holz, verdeckt man den Kohleberg auf dem Tender durch große Holzscheite.

Über die Dreharbeiten am Gleisanschluss des Sägewerks weiß der ehemalige Lokführer viel Aufregendes zu berichten. Zum Beispiel, wie der Darsteller von Clemens Forell, Heinz Weiss, immer wieder knapp vor den Puffern des fahrenden Zuges herumgeturnt und von den Waggons auf- und abgesprungen ist. "Es war gefährlich und riskant", meint Oxenbauer, "ohne Stuntmen wäre es heute unvorstellbar." An eine Einstellung erinnert er sich noch heute mit Frösteln: die Szene, als Heinz Weiss mit voller Montur wiederholt durch den Stausee bei Burghaig schwimmen musste (im Film wird es ein russischer Fluss sein). Und das im November, bei sibirischer Temperatur.