Es ging ganz offensichtlich um die Ehre der Familie: Weil ein afghanischer Staatsangehöriger eine junge Türkin "körperlich bedrängt" haben soll, wollten deren ältester Bruder, zwei Cousins und ein Bekannter den vermeintlichen Angreifer zur Rede stellen.

Weil das zweifelhafte Unterfangen ausgeartet war, mussten sich alle vier Männer im Alter zwischen 18 und 19 Jahren wegen Körperverletzung vor dem Jugendrichter verantworten. Dort wurde das Verfahren a gegen Arbeitsauflagen eingestellt.


Opfer erschien nicht


Grund dafür war, dass sich der ganze angeklagte Sachverhalt vor Gericht einigermaßen relativierte, dass keiner der vier jungen Männer vorbestraft ist, alle vier die Vorwürfe einräumten und vor allem, dass der Geschädigte trotz Ladung nicht vor Gericht erschienen war. Sein Aufenthalt gilt als unbekannt, wahrscheinlich ist er längst nicht mehr in Deutschland.

Der Afghane habe seiner Schwester unter anderem nachgestellt und sie begrabscht, behauptete der Bruder vor Gericht. Genauso wie die beiden Cousins und der Bekannte musste aber auch er zugeben, dass er das nicht von der Schwester direkt, sondern nur über mehrere Ecken erfahren hatte. Im Jugendzentrum habe man dann am 12. März des vergangenen Jahres beschlossen, den Afghanen zur Rede zu stellen.


Zweimal zugeschlagen


Gesagt, getan: Unter einem Vorwand lockten sie das spätere Opfer aus dem "Fritz"-Einkaufszentrum, wo sich der Afghane plötzlich einer Front von vier Männern gegenüber sah. Übereinstimmend sagten die Beteiligten aus, dass der Verfolgte zuerst begonnen habe, sie zu schubsen. Da habe er zweimal zugeschlagen, so der 18-jährige Cousin, einmal in Richtung Gesicht, einmal an den Oberarm. Dem ersten Schlag habe das Opfer noch ausweichen können, dann flüchtete es.

Zuvor habe man noch versucht, miteinander zu reden, was allerdings an der Sprachbarriere scheiterte. Auch ein herbeigerufener "Dolmetscher" konnte wenig zur Beruhigung der Lage beitragen. Man habe zu keiner Zeit eine Schlägerei beabsichtigt, sagte der andere Cousin. Ziel sei es lediglich gewesen, Furcht zu verbreiten.


Es war blöd, dumm und unnötig"


Vor Gericht bereuten alle vier das Geschehen. "Es war blöd, dumm und unnötig, was wir gemacht haben", sagte der Cousin, der als einziger von den vier Angeklagten zugeschlagen hatte. Er hatte sich nicht nur wenige Tage danach selbst bei der Polizei gestellt, sondern auch zwei Wochen später bei dem Opfer entschuldigt. Die Entschuldigung sei angenommen worden.

Trotz des naheliegenden kulturellen Hintergrundes sei das Ganze keine Bagatelle gewesen, sagte Richter Christoph Berner. Er sprach vielmehr von einer schwierigen Art der Konfliktbewältigung und bezeichnete die Angeklagte als vier Hitzköpfe.


Nicht vorbestraft


Trotzdem war keiner von ihnen bisher mit dem Gesetz in Konflikt geraten, so dass der Richter mit Staatsanwalt Julius Klug übereinkam, das Verfahren gegen Arbeitsauflagen vorläufig einzustellen.

Der Cousin, der zugeschlagen hatte, muss 60 unentgeltliche Arbeitsstunden nach Weisung der Geschwister-Gummi-Stiftung ableisten, die anderen drei jeweils 40 Arbeitsstunden.