Nach der letzten Chance bekommt der Angeklagte noch eine allerletzte Chance: Weil er das Auto seiner Nachbarin zerkratzt hat, ist ein 41-jähriger Mann aus Kulmbach zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Mann hatte die Tat nicht zugegeben, war aber aufgrund von Foto- und Videobeweisen eindeutig überführt worden.

Obwohl der Angeklagte erst im vergangenen Jahr wegen Diebstahls zu vier Monaten verurteilt wurde, kam er vom dem Kulmbacher Amtsgericht nun erneut mit einer Bewährungsstrafe, diesmal von sechs Monaten, davon. Der Mann habe jetzt eine Arbeitsstelle in Aussicht, außerdem konnte er sich in seinem letzten Wort doch noch zu einer Entschuldigung durchringen, begründet Richterin Sieglinde Tettmann ihr Urteil. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor sechs Monate ohne Bewährung gefordert.


Vom Helfer zum Täter

In früheren Jahren hatte der Angeklagte immer wieder verschiedene Arbeiten im Garten der Nachbarin, einer 70 Jahre alten Rentnerin, erledigt. Irgendwann hatte er dafür wohl keine Zeit mehr, und so musste sich die Frau einen anderen Helfer zum Rasenmähen und Unkraut jäten suchen. Das gefiel dem Angeklagten gar nicht und so soll es dazu gekommen sein, dass er immer wieder mal zu nächtlicher Stunde das Fahrzeug der Frau zerkratzte.


Mit versteckter Kamera

Beweise gab es dafür freilich nicht. Für die Nachbarin war der Fall jedoch klar. Offensichtlich auch für die Polizei, denn die Beamten postierten mehrfach versteckte Kameras im Umfeld des Wagens. Tatsächlich tappte der 41-Jährige am 23. Juli des vergangenen Jahres in die Kamera-Falle. "Die Bilder waren gestochen scharf", sagte der zuständig Polizist. Sogar der Schlüssel blitzte darauf, mit der der Angeklagte einen rund 50 Zentimeter langen Kratzer in den rechten Kotflügel ritzte. Den Sachschaden bezifferten die Beamten auf gut 850 Euro.

Der Angeklagte selbst sagte vor Gericht nicht, dass er es nicht gewesen sei. Er sagte stattdessen, er wisse nicht, was an diesem Abend passiert sei, denn schließlich habe er sich mit Freunden in einer Sportsbar getroffen, dort Fußball geschaut und sechs bis sieben Bier getrunken. Selbst als ihm Richterin Tettmann die Bilder vorlegte, reagierte er nicht etwa überrascht, sondern blieb bei seiner Darstellung. Er berichtete von Erinnerungslücken und Gleichgewichtsstörungen.


Spiegel und Wischer abgebrochen

Zwölf Kratzer habe sie bereits an ihrem Wagen, dazu abgebrochene Spiegel und Scheibenwischer, sagte die Geschädigte. Seitdem sie ihr Fahrzeug regelmäßig in einer Garage abstelle, sei das Auto ihrer Tochter Ziel der Attacken. Auch hier wurden Scheibenwischer geknickt, Radkappen entwendet, und erst vor wenigen Tagen gab es auch hier einen Kratzer. Nachdem die Polizei alle anderen Kratzer wegen fehlender Nachweise einstellte, habe ihr der Angeklagte frech den Einstellungsnachweis hinter die Scheibenwischer geklemmt. Als er die Ladung zur Gerichtsverhandlung bekam, wurde ihre Eingangstür mit rohen Eiern beworfen. Der Angeklagte sei eingeschnappt, weil ich ihn abgewiesen habe, sagte die Frau.

Der Mann, der von Hartz-IV und einigen Jobs lebt, wurde erst im September verurteilt, weil er als Fußballtrainer insgesamt 400 Euro Bargeld aus der Umkleidekabine seiner Spieler und aus der Prämienkasse des Sportvereins entwendet hatte. Schon damals wurde die Bewährung "mit Bedenken" verhängt. Von den damals verhängten 150 Sozialstunden hatte der Mann noch nicht einmal die Hälfte abgeleistet, und auch den Schaden hatte er noch nicht wiedergutgemacht. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft konnte deshalb auch nichts Positives am Verhalten des Angeklagten finden und forderte unter Einbeziehung des letzten Urteils sechs Monate ohne Bewährung.


"Positive Prognose gescheitert"

Die positive Sozialprognose aus dem letzten Urteil sei gescheitert, sagte die Vertreterin der Anklage. Richterin Tettmann machte sich die Entscheidung nicht leicht und entschied schließlich doch auf Bewährung. "Letztmalig und unter Hintanstellung aller Bedenken", wie sie während der Urteilsbegründung sagte. Als Auflagen setzte die Richterin eine Geldzahlung von 1500 Euro an den Bewährungshilfeverein "Fähre" und eine Wiedergutmachung des Schadens durch Zahlung von 850 Euro an die Geschädigte fest.

"Die Vorgehensweise des Angeklagten war hinterhältig, er hat keinerlei Reue spüren lassen", so die Richterin. Trotzdem sei nur der Kratzer vom 23. Juli zu verurteilen, bei allen anderen Taten gelte die Unschuldsvermutung. Außerdem sei er gerade wieder dabei Fuß zu fassen, und habe eine Stelle in Aussicht.

Ob das Urteil Rechtskraft erlangt, wird sich zeigen. Schließlich hat auch die Staatsanwaltschaft die Möglichkeit in Berufung zu gehen, wenn ihr das Urteil als zu milde erscheint.