"Ich selber lasse mir diesen Schutz seit über 20 Jahren geben, auch wenn ich selber ein sportlicher Mensch bin und auch nicht zur Gruppe der chronisch Kranken gehöre." Wer aber etwa Diabetes hat oder eine bereits bekannte Herzschwäche, dem rät Weiß dringend zur Vorbeugung in Absprache mit dem behandelnden Arzt.
Der größte Fehler, den Menschen begehen, sei eine Verharmlosung der Erkrankung. "Influenza ist keine Erkältung. Man muss sich vorstellen, dass in den ersten Tagen hohes Fieber auftritt, um die 40 Grad. Der Puls bewegt sich zwischen 120 und 140 Schlägen pro Minute. Das ist ein Wert, den ein halbwegs sportlicher Mensch aufweist, der gerade einen 10 000-Meter-Lauf hinter sich gebracht hat, ohne sich dabei voll zu verausgaben. Aber: Grippekranke haben diesen hohen Puls etwa 72 Stunden lang. Wer da bereits mit einem geschwächten Herz oder einer angegriffenen Immunabwehr vorbelastet ist, für den kann es dann wirklich gefährlich werden."


Schutz innerhalb der Generationen

Der Kulmbacher Mediziner rät zu einer Impfung auch aus einer "sozialen Indikation" heraus. Weiß meint damit, dass seit einigen Jahren die Behörden einen Schutz für Kindergarten- und Schulkinder empfehlen. Warum das? "Gesunde Kinder gehören zwar nicht selber zur Risikogruppe, aber sie können natürlich das Virus haben und auch übertragen. Wenn dann etwa der kranke Enkel seinen geschwächten Opa anhustet, kann damit eine unheilvolle Kette in Gang gesetzt werden."
Dringend zu einer Impfung rät Weiss medizinischem Personal, etwa in Arztpraxen, sowie Menschen, die beruflich regelmäßigen und direkten Kundenkontakt haben. "Ich würde auch Bewohner in Seniorenheimen mit einem entsprechenden Impfschutz ausstatten, sollte gesundheitlich nichts dagegen sprechen."


Gute Verträglichkeit

Geimpft wird mit einem Tot virus. "Das wird für gewöhnlich komplikationslos vertragen", sagt Weiss. Bisweilen könne ein leichtes Impffieber auftreten, manchmal kommt es zu Schwellungen an der Einstichstelle.

Andere Fachleute warnen vor gefährlichen Impflücken in Deutschland. Zuletzt war nur jeder Zweite der besonders gefährdeten Über-60-Jährigen geimpft, wie das Robert Koch-Institut (RKI) zusammen mit dem Paul-Ehrlich-Institut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mitteilte. Unter chronisch Kranken zwischen 18 und 59 Jahren - bei denen das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs ebenfalls höher ist - waren demnach lediglich 24 Prozent geimpft.
In Deutschland gibt es keine Impfpflicht. Vor allem Ältere, Schwangere und chronisch Kranke sollten sich jedoch gegen Grippe impfen lassen. "Bei ihnen ist das Risiko höher, dass die Krankheit besonders schwer verläuft", sagt Susanne Glasmacher vom Robert Koch-Institut. Der ideale Zeitpunkt für eine Impfung sind die Monate Oktober oder November, da die Grippewelle in der Regel um den Jahreswechsel ausbricht.


Millionen Arztbesuche prognostiziert

Im aktuellen Influenzasaison-Bericht des RKI rechnen die Mediziner für 2015/16 mit 6,2 Millionen Arztbesuchen während der Grippewelle. Die geschätzte Anzahl der grippebedingten zusätzlichen Krankenhauseinweisungen beträgt rund 31 000. Diese Zahlen liegen nur wenig unter den Werten der schweren Influenza-Saison 2012/2013.
Die recht geringe Impfquote in Deutschland ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass viele dem Impfen skeptisch gegenüber stehen. Überzeugte Impfgegner tauschen sich in Onlinforen aus, gehen für ihre Meinung sogar auf die Straße.


RKI warnt vor Internet-Seiten

Im Internet existieren zudem zahlreiche Seiten, die sich mit den möglichen Nebenwirkungen auseinandersetzen. Dort werden vertuschte Impfschäden "aufgedeckt", oder die Alternativen für ein gesundes Leben aufgezeigt. "Viele dieser Internetseiten enthalten nur Behauptungen, die nicht wissenschaftlich belegt sind", sagt Susanne Glasmacher. Die Gründe, warum so viele Menschen dem Impfen kritisch gegenüberstehen, sind vielfältig. Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Thematik. Sie fand unter anderem heraus, dass man im Internet sehr schnell impfkritische Websites findet.


Sinkende Bereitschaft

Betschs Studie besagt, dass schon eine sehr kurzes Verweilen von fünf bis zehn Minuten dazu führen, dass die Bereitschaft zur Impfung deutlich sinkt. Zudem hätten Menschen meist mehr Angst vor der Immunisierung als vor der Erkrankung an sich.

Was ist Influenza und was kann jeder zur Vorbeugung tun?


Infektionskrankheit
Die Influenza oder "echte" Grippe ist eine Viren-Infektionskrankheit. Gefährlich sind besonders bakterielle Folgeinfektionen, da der Organismus bereits geschwächt ist. Als Komplikationen können unter anderem Gehirnentzündungen oder Herzmuskelentzündungen auftreten.

Empfehlung Die saisonale Influenzaimpfung wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für gesunde Kinder, Jugendliche und Erwachsene unter 60 Jahren nicht explizit empfohlen (außer in der Schwangerschaft und bei beruflicher Indikation). Die STIKO-Empfehlungen der Influenzaimpfung für bestimmte Personengruppen bedeutet jedoch nicht, dass die STIKO von einer Influenzaimpfung anderer Personen ausdrücklich abrät. Jeder, der sich impfen lassen möchte, sollte dies mit seinem Arzt besprechen.

Schutzmaßnahmen Auf der Internetseite www.infektionsschutz.deinformiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) über einfache Hygienetipps die helfen, das Ansteckungsrisiko zu verringern. Dazu gehören unter anderem: regelmäßiges und gründliches Händewaschen mit Seife; Husten und Niesen in die Ellenbeuge oder ein Taschentuch; Abstand halten zu erkrankten Personen; regelmäßiges Lüften von Räumen; im Krankheitsfall zu Hause bleiben und sich auskurieren.