Ein außergewöhnlicher Vortrag findet am Donnerstag in Kulmbach statt: Der als Flüchtlingskind auf der Plassenburg geborene Hajo Kunze erzählt ab 19.30 Uhr im Festsaal der Burg von seinen Erlebnissen aus der Nachkriegszeit (Eintritt frei). Wir haben mit ihm im Vorfeld gesprochen.

Sie sind nach dem Krieg in einer Baracke für Flüchtlinge auf der Burg geboren und aufgewachsen.
Es war so, dass mein Vater im August 1945 nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Kulmbach kam. Ursprünglich stammen meine Eltern aus Breslau in Schlesien. Kurz vor Kriegsende hatte er noch gesagt: Wenn ihr flüchtet, dann nach Oberfranken, weil dort die Amerikaner sind. In Kulmbach hat mein Vater die Familie wiedergefunden. Gemeinsam kamen sie auf die Burg in die Flüchtlingsbaracke. Dort waren wir auf 27 Quadratmetern untergebracht - mit einer Toilette für zehn Familien. 58 Leute lebten in der Baracke. Ich wurde im Februar 1948 auf der Burg geboren. Das war eine echte Hausgeburt ohne Hebamme und Arzt.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit auf der Burg?
Meine Erinnerungen sind begründet durch meine Kindheit positiv. Ein Kind empfindet das Leben auf einer Burg als tolle Sache. Aber ich kann mich noch gut an Hunger und sehr kalte Zeiten erinnern, weil es keine Winterkleidung gab. Und an das Hänseln der eingesessenen Kulmbacher. Die erkannten mich an der alten Kleidung als Flüchtlingskind. Klar, die Kulmbacher hatten auch Sorgen, weil auf einen Schlag zigtausend Flüchtlinge in die Stadt kamen. Für meine Eltern war es eine schlimme Zeit der Entbehrung, weil sie uns nur durch Improvisieren am Leben halten konnten. Wenn Amerikaner auf der Burg waren, musste ich als Knirps Essen holen, und es gab ein Stück Schokolade. Meine Mutter hat das Essen so gestreckt, dass es eine Woche reichte. Ich habe so gelernt, dass man im Leben nichts erreichen kann, wenn man sich nicht selbst engagiert, und dass man sich nicht auf andere verlassen sollte.

Wann und warum zogen Sie aus Kulmbach weg?
Im Oktober 1966 habe ich Kulmbach verlassen. Ich wurde zur Bundeswehr einberufen und wollte unbedingt zur Luftwaffe. Dort habe ich meine technische und fliegerische Ausbildung absolviert, und von Erding aus, wo ich stationiert war, bin ich 1969 nach Freiburg versetzt worden. Trotz der Entfernung bin ich alle zwei Monate nach Kulmbach heimgefahren. Ich bin dann aber in Freiburg sesshaft geworden, habe dort geheiratet. Nach dem Studium wechselte ich zur Kriminalpolizei und bin dort bis zur Pensionierung geblieben.

Die Verbindung zu Kulmbach ist aber nie abgerissen.
Ich komme regelmäßig nach Kulmbach, auch wenn ich jetzt rund 540 Kilometer entfernt wohne. Wenn ich in Kulmbach bin, dann habe ich bei jedem Besuch ein festes Ritual.

Wie sieht das aus?
Als erstes zum Marktplatz und ein Paar Bratwürste im Ganzen mit Senf. Das ist klar. Dann gehe ich auf die Plassenburg hoch zu meinem Geburtsort und suche anschließend den Kirschbaum auf, den mein Vater für mich nach der Geburt dort gepflanzt hat. Für mich wichtig, dass der Baum gesund ist, er ist für mich eine Verbindung zu meiner Plassenburg. Ich bin und fühle mich als stolzer Franke und bin sowohl Club-Fan als auch Freiburg-Fan. Ich sehe die Plassenburg als mein Lebensfundament. Die Besinnung auf einen Grundwert ist ganz wichtig - und das ist für mich Kulmbach.

Was erwartet die Besucher Ihres Vortrags?
Zu sehen gibt es Bilder aus meiner Vergangenheit und aus dem Stadtarchiv. Es gibt zudem Bilder von heute. Ich will aufzeigen, was sich verändert hat und meine Gefühle schildern, die mich mit Kulmbach verbinden. Ich halte den Vortrag auch, weil es nicht mehr viele Kulmbacher aus der Zeit gibt und ich der Auffassung bin, dass Zeitgeschichte sehr wichtig ist und nicht vergessen werden soll. Das gilt auch für die Stadtgeschichte.

Was würden Sie sich für die Plassenburg wünschen?
Dass mehr Leben auf der Burg einkehrt, dass die Jugend eingebunden wird, dass die Burg attraktiver wird - auch für Touristen. Schön ist, dass die Gastronomie aufgelebt ist. Aus der Ferne beobachtet denke ich, dass zu wenig auf die Burg und ihre Attraktivität hingewiesen wird.

Der Vortrag ist für einen guten Zweck.
Der Eintritt ist frei, wer etwas geben will, kann das tun. Das Geld wird für Kinderprogramme auf der Plassenburg verwendet, um Kinder an die Burg heranzuführen. Das können zum Beispiel kleine Ritterspiele sein. Und wenn später nur einer zu den Freunden der Plassenburg kommt, ist das schon ein Erfolg.