Auf das in den schwarzen Stein geritzte Antlitz fallen die Regentropfen wie Tränen vom Himmel. Sie rinnen über die Backen des kleinen Mädchens, über die langen Haare und die zu einem Lächeln geformten Lippen. Ein ungewöhnlicher Grabstein, der in die Höhe ragt wie ein mahnender Zeigefinger für ein Leben, das so plötzlich zu Ende ging an jenem 28. Juli 2014 im Himmelkroner Freibad. Hier, auf dem Lanzendorfer Friedhof, hat Vanessa ihre letzte Ruhe gefunden.

Ruhe finden - Vanessas Mutter Ruslana Koska kann das nicht. Nicht, solange die Menschen, die die 41-Jährige für den Tod ihrer Tochter verantwortlich macht, nicht vor Gericht gestanden haben. Gemeint sind der Bademeister, der Dienst hatte am Unglückstag, und die Leiterin der Jugendgruppe des TSV Himmelkron. Eigentlich waren die Kinder für eine Turnstunde angemeldet. Aber weil es ein strahlender Sommertag war, änderte die Betreuerin den Plan. Es ging ins Freibad.


Leblos am Grund

Irgendwann am späten Nachmittag entdeckte ein anderes Mädchen der Gruppe die Achtjährige leblos am Boden des Schwimmbeckens. Keiner kann genau sagen, wie lange Vanessa unter Wasser war. Der Notarzt reanimierte das Kind zwar, doch sechs Tage später starb es im Klinikum Bayreuth, ohne bis dato das Bewusstsein nochmals erlangt zu haben. Hipoxischer Hirnschock, ausgelöst durch fehlende Sauerstoffversorgung, lautet die Diagnose.

Zur menschlichen Tragödie kommt das juristische Gezerre. Rückblick: Die Bayreuther Staatsanwaltschaft sieht zunächst kein Fremdverschulden und will im Herbst 2015 die Untersuchungen gegen die beiden Betroffenen einstellen. Ein tragischer Unglücksfall, gewiss, für den aber niemand zur Rechenschaft gezogen werden könne. Für Ruslana Koska bricht eine Welt zusammen. "Ich will Gerechtigkeit für Vanessa!"


3D-Gutachten herangezogen

Sie zieht vors Oberlandesgericht in Bamberg. Das schließlich zwingt die Staatsanwälte, das Verfahren neu aufzurollen. Die Beschuldigten werden nochmals vernommen, der Unglücksort vom Landeskriminalamt mit 3D-Technik vermessen. Das LKA-Gutachten besagt: Badeaufsicht und Betreuerin hätten zum Zeitpunkt des Unglücks Vanessa von ihren Positionen aus gar nicht sehen können. Damit hätten sie ihre Aufsichtspflicht verletzt. Eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung steht im Raum. Zuständig ist das Amtsgericht Kulmbach.

Eine öffentliche Anklage und Verhandlung - Ruslana Koska atmet auf. Aber lange währt ihre Hoffnung nicht, denn: Die zuständigen Richter überlegen, die Angelegenheit auf dem Strafbefehlsweg zu klären. Noch sei dazu keine endgültige Entscheidung ergangen, heißt es aus dem Amtsgericht dazu.

Gegen die Klärung rein auf schriftlichem Weg verwahrt sich Anwalt Gert Lowack, der Vanessas Mutter vertritt. Er schreibt: "Damit würde von vornherein die Strafe auf maximal ein Jahr Freiheitsstrafe mit Bewährung begrenzt. Eine solche Strafe kann weder den Folgen der Tat noch den Tatumständen gerecht werden. Insbesondere aber auch nicht im Nachtatverhalten. Bislang fehlt es an jeglicher Einsicht der Beschuldigten, von Reue und Geständnis ganz zu schweigen." Nicht einmal zu einer Entschuldigung habe es gereicht, sagt er.

Eine andere Sicht der Dinge legt der Rechtsanwalt des Bademeisters an den Tag. Oliver Heinekamp, Jurist aus Bayreuth, verneinte jüngst in der medialen Berichterstattung eine Schuld seines Mandanten. Er wird zitiert mit den Worten: "Auf eine lückenlose Überwachung hat kein Badegast Anspruch." Heinekamp bekundet, er glaube nicht, dass der Tod des Mädchens hätte verhindert werden können, hätte sich sein Mandant anders verhalten. Das Mädchen habe eine Taucherbrille dabei gehabt und sei damit ins tiefere Wasser gegangen - obwohl es nicht schwimmen konnte. Dies aber habe Vanessa angeblich den Betreuern gegenüber verschwiegen. Im Gegenteil: Sie habe behauptet, die Prüfung zum Seepferdchen abgelegt zu haben. "Selbst wenn mein Mandant am Beckenrand gestanden hätte, wäre es fraglich, ob er in der kurzen Zeitspanne überhaupt bemerkt hätte, dass das Kind keine normalen Tauchübungen macht", sagt der Anwalt.


Harte Strafe gefordert

Für Ruslana Koska sind das juristische Scheingefechte, die sie in ihrer Absicht nur noch mehr bestärken. "Diese beiden Menschen dürften nie wieder mit Kindern zusammen arbeiten. Ich will, dass sie hart bestraft werden. Ich habe auch ,lebenslänglich' in meiner Trauer."

Sie sagt, ihr gehe es nicht um Geld - "auch wenn das im Ort behauptet wird". Schmerzensgeld von der Versicherung hat sie bekommen; die Hälfte sei an Vanessa Vater gegangen, von dem sich die 41-Jährige trennte. "Er war damit zufrieden, ich nicht." Sie hegt Zweifel am Rechtssystem. "Ich warte seit fast drei Jahren. Sieht so Gerechtigkeit aus? Sind wirklich alle gleich vor dem Gesetz?"

Ruslana Koska bezieht sich auf einen Vorfall in Hof. Ein Junge, acht Jahre alt, wie ihre Vanessa, auch ertrunken im Schwimmbad. Auch tragisch - mit einem Unterschied: Dieser Fall wird nun gerichtlich verhandelt, die Schuldfrage geklärt. "Warum geht das dort und bei mir nicht?" Die 41-Jährige hebt die Stimme am Ende des Satzes, ihr Blick verliert sich an den Fotos ihrer Tochter an der Wand. "Macht es einen Unterschied, wo so etwas passiert? Das darf doch nicht sein!"