Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben: Fans jenseits der 40 oder 50 tanzen den Pogo, schubsen sich wie in alten Jugendtagen freudetrunken über das Tanzparkett, stellen am Freitagabend noch einmal ihren stachligen Irokesenschnitt zur Schau oder haben sich die Lederkluft von anno dazumal übergestreift.

Wer hat in der proppenvollen Bahnhofsgaststätte "Bockela", durch die ein Hauch von Nostalgie weht, an der Uhr gedreht? Es ist die Gruppe "Euroschäck"! Als würde eine Endlosbandmaschine ablaufen, prasselt zur Freude der rund 100 Fans der altbekannte Slogan "Leben ist Fleisch und wir sind die Fleischer" immer und immer wieder auf die Fans herab, ertönt der Klassiker "Dies und Das" gleich im Doppelpack.

Bereits an Weihnachten 2012 hatte die Kulmbacher Musiklegende ihr 30-jähriges Bestehen in der Altenkunstadter Kleinkunstkneipe "Nepomuk" mit einer rauschenden Punk-Rock-Party gefeiert. Einer aus der Originalbesetzung hatte damals gefehlt: Bassist Stefan Eggmaier. Bedauert er es, an diesem für die heimische Musikszene historischen Moment nicht teilgenommen zu haben? "Ein bisschen schon. Vor allem nachdem sie mir erzählt hatten, wie gut es war. Aber an Weihnachten reise ich traditionell zum Wandern in wärmere Gefilde."

Entspannt und voller Vorfreude

Seine Gefühlslage vor dem Konzert beschreibt er als völlig entspannt und voller Vorfreude auf einen coolen Abend. Der Kulmbacher, der in diesem Jahr 50 Jahre alt wird, räumt ein, seit acht Jahren kein Instrument mehr in die Hand genommen zu haben. Deshalb wurde eifrig geprobt. Neben drei offiziellen Trainingseinheiten mit Schlagzeuger Markus Köstner, der in Berlin eine zweite Heimat gefunden hat, war Improvisieren angesagt: "Ich übte regelmäßig mit Ed Bergmann, der in Peesten wohnt, in meinem Wohnzimmer." Die alten Akkordfolgen seien noch immer vorhanden gewesen. "Alte Sachen, die im Langzeitgedächtnis abgespeichert sind, vergisst man nicht so schnell."

Das stellt der Musiker, begleitet von Ed Bergmann an der Gitarre, Markus Köstner am Schlagzeug und Brandy Schäck am Mikrofon eine halbe Stunde später eindrucksvoll unter Beweis. Die Gruppe "Euroschäck" spielt auf wie in alten Zeiten. Doch zuvor entführt der Berliner Schrammelfolkpoet Harry Coltello, Freund der Kulmbacher Musikszene seit Urzeiten, Alt und Jung in die skurrile Gedankenwelt seines autobiographisch angehauchten Romans "Einige Abenteuer und seltsame Begegnungen vom Leben des stillen Kommandeurs", in dem auch die Gruppe "Euroschäck" auf witzige Art und Weise ihren Platz zwischen Realität und Fiktion findet.

Die erste Geige spielt an diesem Abend nicht das gesprochene, sondern das gesungene Wort. Von letzteren gibt es reichlich. "Euroschäck" servieren ihren Fans, die sich ein Jahrzehnt lang in Abstinenz üben mussten, all ihre Klassiker aus den 80er und 90er Jahren. Das beklemmende Stück "Arbeitslos", das an Aktualität nichts eingebüßt hat, ist ebenso dabei wie der legendäre Kultsong "B.S.S.", bei dem sich Schunkelglückseligkeit und Ekstase auf wundersame Weise paaren. Selbstverständlich blicken die Fans - im übertragenen Sinne - auch in Brandys nimmermüde "Augen" aus denen eine bilderreiche Sprache funkelt.

Die Punkmusikfreunde feiern ausgelassen und machen Frontmann Brandy zu seinem 52. Wiegenfeste das schönste Geburtstagsgeschenk. Doch damit nicht genug: Ein weiblicher Fan, der nicht namentlich genannt werden will, überreiche Brandy im Beisein von Harry Coltello eine Torte. Kurz darauf schallt es aus der tanzenden Menge in breitestem Fränkisch und mit weiblicher Stimme: "Mensch, is des schee!"