Schüchtern und blass sitzt das schmächtige Bürschlein auf der Anklagebank. Der junge Mann, der bald zwanzig wird, würde auch als 15-Jähriger durchgehen. Richter und Schöffen, Staatsanwalt, Verteidiger, eine ganze Reihe von Gutachtern und Experten, Zeugen, Zuhörer und Presse - insgesamt 20 Erwachsene, alle viel größer als der Angeklagte - beschäftigen sich mit seinem Fall. Was alles andere als einfach ist, wie Amtsgerichtsdirektor Christoph Berner feststellt: "Es ist ein sehr ernster Tag für uns alle."

Reporter lebt gefährlich

Die Taten, die dem 19-Jährigen zur Last gelegt werden, räumt er im Wesentlichen ein. Da ist ein Zwischenfall am 31. Dezember vor einem Jahr. Er geht, stark angetrunken, auf einen Mitarbeiter der Bayerischen Rundschau los, der für seine Silvesterreportage mit dem Fahrrad in Kulmbach unterwegs ist.

Der Angeklagte stößt den über 50 Jahre älteren Mann in der Oberen Stadt zu Boden, dass er sich Platzwunden, Prellungen und einen Rippenbruch zuzieht. Darin sieht das Gericht eine vorsätzliche Körperverletzung.

Einen Monat später dringt der 19-Jährige, diesmal mit etwa drei Promille im Zustand des Vollrausches, zu nachtschlafender Zeit in mehrere Keller in der Nachbarschaft ein und klaut Bier und Schnaps. Er setzt sich in ein fremdes Auto, das er nicht zum Fahren bringt. Er hat keinen Führerschein und kennt sich nicht aus. Aber der Wagen rollt ein paar Meter und bleibt dann stecken. Der gesamte Tatkomplex wird als fahrlässiger Vollrausch gewertet.

Mehrere Selbstmordversuche

Wenn der 19-Jährige, der mehrere Suizidversuche hinter sich hat, kaum vernehmbar mit brüchiger Stimme spricht, ahnt man nicht, welches Bündel von Problemen er mit sich rumschleppt. "Ich sehe ihn als Opfer am Ende einer Entwicklung, in der viel falsch gelaufen ist", sagt der psychiatrische Sachverständige, Chefarzt Christoph Mattern vom Bezirksklinikum Kutzenberg. Er bescheinigt dem Angeklagten eine ausgeprägte dissoziale Persönlichkeitsstörung. Er halte sich nicht an soziale Normen. "Er muss nachlernen, was ihm nie beigebracht wurde: das kleine Einmaleins des Alltags." Für ihn gebe es keine Therapie, er brauche aber eine grundlegende Umorientiertung, Struktur in seinem Leben und Arbeit, um zu lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Der zweite Gutachter, Leitender Diplom-Psychologe Jürgen Melzer aus Kutzenberg, stuft die Wahrscheinlichkeit als hoch ein, dass der 19-Jährige auch künftig straffällig wird. Durch seinen exzessiven Alkohol- und Tablettenkonsum werde seine Aggressivität noch verstärkt.

Freiheit steht auf dem Spiel

Das ist niederschmetternd für den Angeklagten, der unter Betreuung steht und seit einem halben Jahr im Soziotherapeutisches Förderzentrum und Wohnheim Kutzenberg untergebracht ist: Jetzt steht das letzte bisschen Freiheit für ihn auf dem Spiel. Er ist mehrfach und einschlägig vorbestraft und hat die jüngsten Taten während einer laufenden Bewährung begangen. 14 Monate lautet das Urteil des Amtsgerichts Passau wegen verschiedener Einbrüche und Sachbeschädigung.

Doch sein Betreuer, seine Bewährungshelferin, die Heimleitung in Kutzenberg und die Jugendgerichtshilfe setzen sich für den jungen Mann ein. Es gebe Anzeichen, dass er sich öffnet und seinen Problemen stellt.

Sein Verteidiger Hilmar Lamprecht aus Bayreuth plädiert dafür, die begonnene Therapie in Kutzenberg fortzusetzen. "Dieses Fundament, das ihn noch trägt, sollten wir ihm nicht wegziehen", so der Anwalt. Ohne günstige Sozialprognose, betont aber Staatsanwalt Ludwig Peer, komme Bewährung nicht in Betracht. Er fordert 20 Monate Jugendstrafe.

Wenn er trinkt, ist er fällig

Das Gericht gibt dem Angeklagten eine allerletzte Bewährungschance. Berner: "Das wirkliche Problem des Verfahrens ist: Was können wir tun, dass Sie keine Straftaten mehr begehen?" Dafür muss der Verurteilte eine Reihe von Auflagen erfüllen: bei seiner Therapie aktiv mitwirken, eine Ausbildung oder Arbeit aufnehmen und das strikte Drogen- und Alkoholverbot beachten. "Wenn Sie wieder trinken, sind Sie fällig."