Schon von weitem fällt der Blick auf das weiß getünchte Haus mit seinen gelb eingerahmten Fenstern und dem von einem Herz umringten Awo-Schriftzug, das in der Mainleuser Mühlstraße auf einer kleinen Anhöhe thront. Für Ingrid Wagner ist die Einrichtung, die sie leitet, ein "Bienenstock der Gesellschaft". "Ob alt oder jung, ob krank, behindert oder gesund, ob Einheimischer oder Flüchtling - viele fliegen hier ein und aus und finden ein dauerhaftes Plätzchen."

Zusammen mit Projektleiterin Joana Kasszian und Adelheid Wich, der Vorsitzenden des Awo-Ortsvereins, bildet sie ein Trio, das einem Imker gleicht, der den Bienenstock hegt und pflegt, steuert und lenkt.
Die 56-jährige Kulmbacherin nimmt einen Bleistift in die Hand und fängt an zu zeichnen. "Innovation, Tradition und die Angebote von Selbständigen sind die drei Bausteine des Hauses", sagt sie. Unter Innovation versteht sie die lokale Allianz für Menschen mit Demenz und anderen Krankheitsbildern, bei der mit zwei örtlichen Pflegediensten kooperiert wird. "Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen in Mainleus und Umgebung möglichst lange und gut umsorgt zu Hause wohnen können", erklärt die Expertin.

Der Helferkreis für häusliche Betreuung, die Angehörigengruppe und die Betreuungsgruppe, die sich allesamt an Menschen mit Demenz und anderen gerontopsychiatrischen Erkrankungen wenden, dienen diesem Ziel.
Aus dem einstigen Bürgerzentrum der Awo wurde 2008 das MGH. Die Angebote des Ortsvereins wie der Seniorentreff, die Seniorengymnastik oder die Gardegruppen wurden in das Programm mit aufgenommen. Wagner spricht vom Baustein der Tradition, der ebenfalls dazu beitrage, den demografischen Wandel hin zu einer älter werdenden Gesellschaft abzufedern. Baustein Nummer drei bilden Selbstständige wie Marion Erhard, die im MGH unter anderem einen Yoga-Kurs für Schwangere anbietet.


Glücklich im Beruf

Mehrgenerationenhäuser sind Begegnungsorte. Das Miteinander der Generationen wird aktiv gelebt. Schüler der Mainleuser Mittelschule unterstützten Senioren beim Fahren mit Elektromobilen oder singen bei Festen der Awo mit mehreren Damen und Herren aus der Demenzgruppe. Hier, wo sich die Generationen begegnen, darf Ingrid Wagner wirken. "Ich kann mir keinen schöneren Ort zum Arbeiten vorstellen", sagt die gelernte Heilpädagogin.

Warum? - "Weil ich in der Mitte meines Lebens stehe und alle Generationen um mich herum habe. Weil ich auf ältere Mitbürger treffe, die mir Mut fürs eigene Altwerden machen und ich auf junge Menschen treffe, die mich mit ihrer Unkompliziertheit und ihren frischen Ideen begeistern." Zu den Mutmachern gehört für sie die 90-jährige Helga Ficker aus Mainleus, die alleine lebt. "Im Mehrgenerationenhaus, in dem mich mit anderen Senioren treffe, erlebe ich Gemeinschaft."

Man spürt, wie die gepflegte ältere Dame, die man zehn Jahre jünger schätzt, hier aufblüht und die anderen mit ihrem fröhlichen Wesen ansteckt. Wenn die 90-Jährige, die aus Essen stammt, Gedichte vortragen darf, dann ist sie in ihrem Element.

Eine, die für ihr Alter ebenfalls noch rüstig und fit ist, ist die 88-jährige Betty Knorr aus dem Ortsteil Rote Kelter. Jeden Donnerstag trifft sie sich mit anderen Senioren zur Gymnastik und zum Tanzen. "Ich schätze die Geselligkeit und brauche die Gymnastik, denn wer rastet, der rostet." Die 79-jährige Maria Mahr kann ihr da nur zustimmen: "Nach einer Turnstunde fühle ich mich viel gelenkiger."

Auch die Jugend fühlt sich im Mehrgenerationenhaus pudelwohl. Am Freitagabend toben sich die Young Diamonds aus. "Das ist ein toller Ausgleich zur Schule", meint die elfjährige Lara Kassel aus Kulmbach, während die ein Jahr ältere Celina Schmidt aus Mainleus findet: "Nach dem Tanzen bin ich ausgepowert, durchgeschwitzt und glücklich." Die Flüchtlingswelle bescherte dem Mehrgenerationenhaus in Zusammenarbeit mit der Caritas einen Helferkreis für Asylbewerber, der sich am ersten Montag im Monat trifft. Zum harten Kern von zehn Leuten, die sich ehrenamtlich engagieren, zählen Susanne Witzgall aus Willmersreuth und Katharina Krauß aus Pölz.

Auf spielerische Art und Weise haben sie Asylbewerberkindern die deutsche Sprache nahegebracht. Bei Witzgall war die christliche Nächstenliebe der Auslöser, sich in den Dienst der guten Sache zu stellen. Das Interesse an der Arbeit mit Flüchtlingen und an anderen Kulturen bewog Krauß, sich der Gruppe anzuschließen. Die junge Dame studiert in Bamberg Islamwissenschaften. 300 Personen besuchen laut Wagner im Durchschnitt jede Woche das Mehrgenerationenhaus, in dem rund 50 Ehrenamtliche tätig sind. "Die Einrichtung finanziert sich aus Fördermitteln des Bundes, des Freistaats und der Kommune", erläutert sie. Der Ortsverein wiederum trage sich durch die Mitgliedsbeiträge. Die Selbständigen zahlten eine Raumnutzungsgebühr und bei der lokalen Allianz für Menschen mit Demenz und anderen gerontopsychiatrischen Krankheitsbildern flössen Gelder aus dem Topf der Krankenkassen, so die Expertin.
Mehrgenerationenhaus darf sich übrigens nicht jeder nennen. "Man muss mindestens 20 Stunden in der Woche einen offenen Betrieb vorweisen", nennt Wagner eine wichtige Voraussetzung. Bei den jährlichen Überprüfungen, die das Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus vorsieht, muss man mit guter Arbeit und einem guten Konzept punkten. Das ist in Mainleus bislang gelungen. Auch an neuen Ideen, die das MGH weiter voranbringen würden, mangelt es Wagner nicht: "Der Aufbaue einer lokalen Ehrenamtsbörse liegt mir am Herzen, bei der sich alle vorstellen könnten, die sich uneigennützig in den Dienst der Allgemeinheit stellen."