Poetry Slam unter freiem Himmel - das Experiment ist geglückt. Die Temperaturen beim Dichterwettstreit waren tropisch, doch das Publikum kam zahlreich zum Burggut in der Waaggasse und erlebte am Freitag einen unterhaltsamen Sommerabend mit besonderer Atmosphäre.

Erlebnisse als Erzieher im Kindergarten, türkische Kulturmomente, großväterliche Geheimnisse oder die Machtergreifung der modernen Technik in unserer Gesellschaft - beim 1. Open Air Poetry Slam, den Julian Kalks aus Nürnberg für sich entschied, war für jeden Geschmack etwas dabei. "Ich fordere mehr Panik für jede Art von Veränderung in unserem Leben", sagte Tom Schildhauer aus Köln in seinem offenen Brief an die "Pegida". Dabei hielt er die moderne Technik für viel schlimmere Eindringlinge in unsere Gesellschaft als Ausländer, "denn die meisten kommen ja wohl aus wirtschaftlichen Gründen hierher", nämlich in Form von Smartphones, Videorecordern oder Küchenmaschinen.

Mehr als blamieren ...

Ebenfalls der modernen Technik kritisch gegenüber stand Evi Weier aus Kulmbach in ihrem Gedicht über Facebook-Nutzer. Nachdem sie im Rahmen der Sommerkunstwochen kurz zuvor an einem zweitägigen Poetry-Slam-Workshop teilgenommen hatte, wagte sie sich zum ersten Mal auf die Bühne und bekam von der Jury gleich 16 Punkte. "Mehr als blamieren kann ich mich nicht", lautete ihre Devise, obgleich sie ergänzte, bei dem Workshop wirklich viel gelernt zu haben.

Ebenfalls von dem Workshop profitierte Frank Walther aus Kulmbach, auch ein absoluter Neuling. "Ich kannte Poetry Slam bislang nur von YouTube", sagte der "Rookie", das ist der Kosename der Slammer für Anfänger in der Szene, und er schloss eine Wiederholungstat nicht aus. "In dem Workshop bekam ich vier Begriffe genannt, aus denen ich einen Text basteln musste", erzählte der Newcomer. Und daraus wurde dann ein Erinnerungsstück an seinen verstorbenen Großvater.

Mit dem Alter setzte sich auch Tom Schildhauer auseinander, wenngleich auf ganz andere Weise. "Ich bin zu alt für diesen Scheiß", witzelte der Slammer aus Köln, der mit Simone Bilz, der Veranstalterin des Slams, den zweitägigen Workshop geleitet hatte. "Wir haben toll gearbeitet", sagte der Kursleiter.

Wo ist der Nachwuchs?

Dem konnte Simone Bilz nur zustimmen, wiewohl sie sich auch ein paar mehr jugendliche Teilnehmer gewünscht hätte. "Der Workshop war ja für Teilnehmer bis 21 Jahre kostenfrei. Da hat es mich schon überrascht, dass es nicht mehr Anmeldungen aus der jungen Nachwuchsecke gab."

Aber vielleicht braucht so eine Veranstaltung auch einfach etwas Zeit zum Wachsen. Zumindest in Sachen Publikumszahlen konnten sich die Poetry-Slam-Abend bislang von Mal zu Mal steigern und haben inzwischen eine eingeschworene Fangemeinde.

Das wussten auch die übrigen Slammer des Abends zu schätzen, die sich einem durchaus kritischen, aber auch begeisterungsfähigen Publikum gegenüber sahen. Ob nun Emir alias Helmuth Steierwald aus Nürnberg, der sich über die sprachlichen Knifflichkeiten des Arabischen und Persischen ausließ, Wilma aus Augsburg, die über das Einhorn, das Phallussymbol unserer Kindheit, sinnierte, oder Julian Kalks aus Nürnberg, der eigentlich zu schüchtern war, um auf der Bühne zu stehen - die Slampoeten brachten Geschichten auf die Bühne, die die Zuhörer ansprachen. Viele Frauen konnten die Probleme von Kaddi Cutz nachvollziehen, die einfach nicht den Richtigen findet, oder die lustigen Anekdoten von Konstantin Turra aus Dresden verstehen, der sich als Erzieher im Kindergarten mit all den "Rotzlöffeln" überfordert sah.