Es sind viele kleine Särge, in denen sich die sterblichen Überreste deutscher Soldaten befinden: Alfred Ganzleben verfolgt die Umbettung der Kameraden, die im April 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Kessel von Halbe ums Leben gekommen sind. Erinnerungen werden wach - an tausende Tote, an unsägliches Leid. "Man kann mit Worten nicht beschreiben, was sich bei Halbe abgespielt hat. Es war die Hölle", sagt der 88-Jährige aus Wonsees. Auch heute, 70 Jahre nach Kriegsende, werden 40 Kilometer vor den Toren Berlins immer noch die Gebeine vieler Verstorbener gefunden.

280.000 Rotarmisten

Es war wenige Tage vor der deutschen Kapitulation: Die schwer angeschlagene 9. Armee sollte Berlin aus der Umklammerung befreien. Es gab verheerende Gefechte zwischen deutschen Truppen und der Roten Armee. Über 280.000 Rotarmisten standen 80.000 Wehrmachtssoldaten gegenüber.

Bis zur letzten Patrone

"Uns war klar, dass der Krieg verloren war. Viele konnten gar nicht mehr. Vom Führer gab es aber den Befehl, bis zur letzten Patrone zu kämpfen", berichtet Alfred Ganzleben, der als 18-Jähriger mit in das Inferno getrieben wurde. Es war im Zweiten Weltkrieg die größte Schlacht auf deutschem Boden, die als eine der sinnlosesten in die Geschichtsbücher einging. Die Wehrmachtssoldaten wurden von den Rotarmisten in dem Kessel um die heutigen Ortschaften Märkisch-Buchholz, Hammer, Lübben und Halbe eingeschlossen. Bei blutigen Kämpfen starben rund 30.000 deutsche Soldaten, dazu geschätzte 10.000 deutsche Zivilisten sowie viele sowjetische Zwangsarbeiter. Die Rote Armee verlor 20.000 Männer.

Über 20.000 sind begraben

Einer der wenigen, die aus der Hölle herausgekommen und noch am Leben sind, ist Alfred Ganzleben. Der Wonseeser ist jetzt der Einladung zu einer Gedenkfeier nach Halbe gefolgt, mit der auf der größten Kriegsgräberstätte Deutschlands an das schreckliche Geschehen erinnert wurde. "Wir, die Nachgeborenen, können uns dieses Grauen kaum vorstellen ", sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede auf dem Waldfriedhof, auf dem über 22.000 Soldaten begraben sind.

"Überall waren Granatsplitter"

Alfred Ganzleben ist lebend aus dem Kessel herausgekommen. Der Wonseeser kam im Herbst 1944 mit seiner Einheit an die damals schon bröckelnde Ostfront. Er war Ladeschütze in einem Jagdpanzer vom Typ "Hetzer", der Ende April 1945 bei Halbe von den Rotarmisten abgeschossen wurde. "Überall waren Granatsplitter", berichtet Ganzleben, der im Gesicht und an der rechten Hand schwere Verletzungen davontrug. Als später russische Tiefflieger kamen, seien alle in den Wald geflohen. Ein Kamerad, der getroffen wurde, habe ihn gebeten, ihn zu erschießen. Der Mann starb ohne Kugel. "Ich hatte zum Glück gar keine Waffe mehr. Die lag im abgeschossenen Panzer. Ich hätte ihn nicht erschießen können."

Die Drohung des SS-Mannes

Es sei ein Kampf ums nackte Überleben gewesen, berichtet Ganzleben. Als der Kessel immer kleiner wurde, habe er in einem Erdloch Schutz gesucht. "Da hat mich ein SS-Mann entdeckt und mich mit vorgehaltener Pistole aufgefordert, weiter zu kämpfen." Sein Kopf sei wegen seiner Verwundung eingebunden gewesen. Als er dann noch seine kaputte Hand gezeigt habe, "ist er abgezogen".

Das Grauen ging weiter

Am Tag der Kapitulation wurde das Morden beendet, doch das Grauen ging weiter. Als endlich Stille einkehrte, waren Straßen und Wälder übersät mit Leichen. Stahlhelme, Gewehre und Pistolen lagen in den Gräben. "Es gab tausende Tote und viele Verwundete, die ums Überleben kämpften. " Die Rote Armee habe ihren Sieg mit Leuchtraketen gefeiert. "´Hitler kaputt` haben die Russen gerufen." Kriegsgefangene, aber auch Bewohner der angrenzenden Orte hätten die Toten in Massengräbern verscharren müssen. Ein unerträglicher Verwesungsgeruch lag Ganzleben zufolge in der Luft.
Der heute 88-Jährige kam nach seiner Gefangennahme erst nach Cottbus, dann in eine zum Lazarett umfunktionierte Schule in Gleiwitz. "Die hygienischen Umstände waren verheerend. Würmer sind aus unseren Wunden gekrabbelt", berichtet er. Mit 40 Soldaten habe er sich ein Zimmer teilen müssen. Viele seien ihren Verletzungen erlegen. Alfred Ganzleben hat überlebt. Nach einem weiteren Lazarett-Aufenthalt in Breslau wurde er im Oktober 1945 aus der Gefangenschaft entlassen.
Der damals 18-jährige machte sich zu Fuß auf den 400 Kilometer weiten Heimweg, der ihn über Thüringen nach Bayern führte. Von Bayreuth aus wollte er mit dem Zug nach Hollfeld fahren. "Doch da fuhr kein Zug. Der Bahnhof war ja völlig zerstört."
In Eckersdorf stieß er auf den Wonseeser Hans Fischer, der mit dem Fahrrad unterwegs war. "Er hat mich die letzten Kilometer auf der Stange seines Rads mitgenommen." Als Ganzleben zuhause ankam, war die Überraschung groß. "Keiner hatte damit gerechnet, dass ich noch am Leben bin."
Zwischen Leben und Tod lagen im Kessel von Halbe - auf deutscher und russischer Seite - oft nur wenige Zentimeter. Nachdenklich steht Alfred Ganzleben heute auf dem Waldfriedhof. Der 88-Jährige gedenkt bei der Umbettung seiner Kameraden, die vor 70 Jahren nicht so viel Glück hatten wie er und im Brandenburgischen ums Leben gekommen sind.

"Auch ich könnte hier liegen"

"Ich könnte auch hier liegen", sagt der 88-Jährige, als Bundeswehrsoldaten die sterblichen Überresten an ihre letzte Ruhestätte bringen.