Wie oft hörte man ältere Stadtsteinacher wettern: "Wenn der Fritz Baur sein Versandhaus in Stadtsteinach gebaut hätte, ständen wir heute anders da." Ob Baur jemals daran dachte, sein Imperium in seiner Geburtsstadt aufzubauen, ist fraglich, doch die Vorstellung geisterte Jahrzehnte lang in der ehemaligen Kreisstadt herum.


Ralf Czapla - ein echter Kenner


Auf Einladung der CHW-Bezirksgruppe Stadtsteinach referierte Professor Ralf Georg Czapla von der Universität Heidelberg zum Thema "Friedrich Baur - vom Kriegsgefangenen zum Unternehmer". Wie kein anderer beschäftigte sich Czapla rund zehn Jahre mit der Familie Baur. In seinem 2015 erschienenem Werk "Die ungleichen Geschwister" entführt er den Leser auf 448 Seiten sprachlich genial, detailliert und fundiert in all seinen Facetten in das Leben des Unternehmers Friedrich Baur.

Sein Vater Arthur war königlich-bayerischer Notar in Stadtsteinach und wohnte mit seiner Frau Amélie von 1887 bis 1894 in der heutigen Hauptstraße 5. Friedrich kam 1890 zur Welt, es folgten fünf Geschwister.

Den Eltern lag viel an einer religiösen und musischen Erziehung mit Literatur, Kunst und vor allem Musik, die alle Kinder ewig prägten. Der junge Friedrich besuchte die Volksschule in Neu-Ulm, das humanistische Gymnasium in München und das Alte Gymnasium in Bamberg. Obwohl er ein begabter Schüler war, brach er mit 17 Jahren seine höhere Bildung mit der Mittleren Reife ab.

Nun folgte der Dienst beim Königlich-Bayerischen Infanterie-Regiment. Anschließend wartete die Offizierslaufbahn, die er im Jahre 1910 mit der Ernennung zum Leutnant und anschließend zum Reserveoffizier beendete. Friedrich Baur, getrieben, neue Erfahrungen und ferne Länder zu erkunden, verließ Deutschland, denn ein längerer Verbleib beim Militär kam für ihn wenig in Frage.


Weltkrieg durchkreuzte Pläne


Hongkong, eine Kronkolonie unter britischer Verwaltung mit seiner Freihandelszone in Ostasien, war seine nächste Station, um im Außenhandel tätig zu werden. Baur spürte hier neue Märkte für die europäische Wirtschaft und beschloss, für längere Zeit zu bleiben.

Doch der Ausbruch des Weltkrieges im Juli 1914 machte seine Ziele als Außenhandelskaufmann in Hongkong zunichte. Die Engländer internierten alle Deutsche in Lager und verschifften sie anschließend nach Australien. Im Februar 1915 landete er mit weiteren 287 deutschen Gefangenen in Sydney, später in Holsworthy. Als Baur Ende Mai 1919 nach Deutschland abgeschoben wurde und im Juli wohlbehalten im Hafen von Rotterdam landete, suchte er zielstrebig neue Herausforderungen. Er fand im Juni 1920 in Burgkunstadt seine neue Heimat und sollte diese idyllische Kleinstadt prägen wie kein anderer. Da Burgkunstadt schon eine lange Tradition für die handwerkliche Herstellung von Schuhen vorweisen konnte, begann Friedrich Baur 1921 seinen Versandhandel zu planen. Mit der Einführung der Reichsmark 1924 war die Ausgangslage für Firmengründungen günstig, auch wenn manche seine Idee für unrealistisch hielten. "Schuhe kauft man beim Schuster nach Maß und sie müssen wie angegossen passen - wer kauft schon Schuhe aus der Ferne auf Verdacht", sagten Kritiker.


Erfolg auf vier Säulen


Sein Verkaufskonzept stand auf vier wichtigen Säulen. Zuerst sollten alle Schuhe qualitativ hochwertig gearbeitet sein. In Katalogen mit detaillierten Beschreibungen, die von besten Zeichnern erstellt wurden, konnte sich der Betrachter bestens informieren. Alle Schuhe wurden einer sehr strengen Kontrolle unterzogen.

Die zweite Säule war ein bezahlbarer Preis. Nach einer Idee der Bekleidungsfirma C&A aus dem Jahre 1906 war Baur der Meinung, ein Paar Schuhe dürften nicht teurer sein als der Wochenlohn eines Arbeiters, der 1925 etwa bei 25 Reichsmark lag. Der Versand gewährte noch dazu die Möglichkeit der Teilzahlungen in zehn zinslosen Monatsraten.


Sammelbestellung importiert


Eine dritte Neuerung war die Sammelbestellung. Sie hatte Baur in Australien kennengelernt. Familien, Betriebe, Behörde, ja ganze Dörfer erhielten über "Hauptkunden" eine Pauschalvergütung von sechs Prozent. Und auch das Porto konnte geteilt werden. Natürlich versuchte jeder Hauptkunde, seine Aufwandsentschädigung zu steigern und warb mit dem Katalog bei Bekannten und Verwandten.

Seine vierte Idee war das nach Kriegsende eingeführte garantierte Rückgaberecht und die kostenlose Rücksendung der Schuhe. Anfangs als unkalkulierbar eingestuft, hielt sich der prozentuale Anteil der Rücksendungen in Grenzen und war stets verkraftbar.


Im Schlachtraum verpackt


Im ehemaligen Schlachthaus seines Schwiegervaters Georg Schuh richtete Baur seinen ersten Verpackungsraum ein, als Lager dienten vorerst eine Scheune und ein Wellblechschuppen. Seine Frau Kathi Schuh aus Burgkunstadt, die unter Kinderlähmung litt, heiratete Baur im Jahre 1934. Beiden war klar, dass sie kinderlos bleiben würden. Seine Kathi war für Friedrich Baur nicht nur Ehefrau und Freundin, sondern stets Mitarbeiterin, Bürokraft, Geschäftspartnerin und gleichgestellte Teilhaberin, nicht nur weil sie eine bedeutende Mitgift mit in die Ehe brachte.

In seiner wachsenden Firma herrschte ein für die damalige Zeit revolutionäres Arbeitsklima. Er behandelte alle Mitarbeiter familiär. Im Gegenzug fühlten sich alle Bediensteten ihrem Chef und dem Unternehmen verpflichtet.
Friedrich Baur suchte eine Gemeinschaft, in der er sich unabhängig, fern von Ideologie geistig frei entfalten konnte. Er fand diese Nische bei den Freimaurern, denen damals viele bedeutende Persönlichkeiten angehörten. Schlagworte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität wurden dort gelebt. Die Kulmbacher Loge war äußerst karitativ. Nach 1948 verließ er die Vereinigung wieder.

Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1930 wurden der Sozialdemokrat Friedrich Baur und weitere Mitglieder des Stadtrates von Burgkunstadt ihrer Ämter enthoben. Für Baur begann ein langer Kampf mit Hetzkampagnen und Repressalien. Er, der in seinem Unternehmen gewerkschaftlich dachte und handelte, war den Nazis ein Dorn im Auge. Man titulierte ihn Ausbeuter, Wucherer und Marxistenfreund. Es gelang jedoch nicht, seinen Erfolgsweg zu bremsen.

Nach Kriegende erhielt Friedrich Baur von der Militärregierung die Erlaubnis zur Fortführung seiner Geschäfte, und die Währungsreform im Juni 1948 brachte wieder den gewohnten Aufschwung.


Baurs Stiftungen leben weiter


Durch die Schließung der Kaufwelt haben viele Menschen ihre Arbeit verloren. Doch Baurs Stiftungen leben weiter. Im Friedrich-Baur-Institut in München wird bei der Erforschung der Kinderlähmung Hervorragendes geleistet. Auch in der Akademie der schönen Künste in München fließt ein Fünftel seiner Stiftung.

An ihn erinnern eine eigene Mitarbeitersiedlung mit Jugendheim, Kindergarten, Altenheim und Sportanlagen in Altenkunstadt und Burgkunstadt und viele karitative Spenden. Friedrich Baur starb vor 50 Jahren am 30. Oktober 1965.