Vor genau hundert Jahren saß Ludwig Thoma in seinem Haus am Tegernsee und versuchte, die schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten, die er als Sanitäter an der Ostfront im Ersten Weltkrieg hatte. Ob ihm das schließlich gelang, weiß niemand. Gewiss ist aber, dass er in dieser Zeit eine Geschichte zu schreiben begann, die noch heute die Menschen bewegt.

Die Idee, das Weihnachtsevangelium kurzerhand in seine bayerische Heimat zu verlegen kam ihm auf der Jagd: "Im Wald is so staad, alle Weg san vawaht." Dazu erdachte er sich noch einen bayerischen Kunstdialekt und verfasste mit der "Heiligen Nacht" ein besinnliches, in Teilen auch durchaus sozialkritisches Werk.

"Lassen Sie sich von diesem Werk zurückführen", forderte Enrico de Paruta daher das Publikum auf, "zu einer Begegnung mit sich selbst, zu den Erinnerungen an Ihr ganz eigenes Weihnachten." Und das fiel den Besuchern in der voll besetzten Kulmbacher Petrikirche nicht schwer. Mit sanften Harfenklängen von Caroline Schmidt-Polex und einfühlsamen Gitarrenmelodien von Perry Schack untermalt, machte sich Enrico de Paruta mit seiner anheimelnden Stimme auf die Reise, um den Zimmermann Josef und seine Frau Maria auf dem beschwerlichen Weg zum Rentamt zu begleiten. Denn dort müssen sich alle einschreiben, "ma treibt's von die kloana Leut zam, des is halt a so auf der Welt." Stimmgewaltig und doch besinnlich ergänzte Tenor Benjamin Grund mit Liedern wie "Panis angelicus" oder "Adeste fideles" das Quartett.


Solo für Ronja Kull

Das Publikum lauschte verzückt, eine stimmungsvolle Beleuchtung tat ihr Übriges, und so konnten die Zuschauer genüsslich den Auftritt der Engelsstimme (Ronja Kull) erwarten, die in ihrer Heimatstadt ihren Soloauftritt hatte. Als Preisträgerin des Gesangswettbewerbs musica Bavariae unter dem Ehrenvorsitz von Carolin Reiber im Jahr 2014 ist sie im zweiten Jahr bei dieser musikalischen Weihnachtsproduktion dabei, die durch ganz Bayern tourt. "Als sich Ronja als eine von 300 Mitstreitern bei uns beworben hatte, kristallisierte sie sich schnell und ganz eindeutig als Siegerin heraus", sagte Enrico de Paruta über seinen jungen Schützling. "Sie gehört zu den Besten."

Damit mochte er recht haben, denn mit reinem, klarem Sopran trat die Zehnjährige vor ihr Publikum und sang sich mit "Stille Nacht, heilige Nacht" in die Herzen. Dabei war die Schülerin, die den musischen Zweig des MGF Kulmbach besucht, "schon ein bisschen aufgeregt, auch wenn sie bereits seit Anfang Dezember mit Enrico de Paruta durch Bayern tourt", verriet Moderator Rainer Ludwig zu Beginn der Vorstellung.


"Ich will mal Sängerin werden"

Aber das ließ sich Ronja nicht anmerken, schließlich hatte sie ja auch fleißig geübt, und das nicht nur mit ihrem Opa Hans Kull, der zusammen mit Herbert Dörfler die Zuschauer musikalisch auf die Darbietung eingestimmt hatte. "Ab September ging es jeden zweiten Samstag zu Proben nach München, ab November sogar jeden Samstag", berichtete die Schülerin. Das sei zwar manchmal schon anstrengend gewesen, habe aber auch riesigen Spaß gemacht. "Schließlich will ich auch mal Sängerin werden."

Doch nicht nur singen muss eine "Engelsstimme" können, auch schauspielerisches Talent ist gefragt. "Denn in der großen Fassung ist auch das Schauspiel Teil der Vorführung", so Enrico de Paruta, der von dem Engagement der heuer 14 Kinder hingerissen ist. "Sie sind mit Feuereifer bei den Proben, dafür bewundere ich sie."
Aber nicht nur das: Musik zu machen und einmal auf einer Bühne zu stehen - noch dazu als Solist - das präge ein Kind für das ganze Leben. "Durch unsere Arbeit dazu noch junge Talente zu fördern, das ist eine erfüllende Aufgabe."

Enrico de Paruta und seine Musiker bereiteten dem Publikum in Kulmbachs ältester Kirche einen glanzvollen und besinnlichen Weihnachtsabend, der mit Standing Ovations belohnt wurde.