Nichts ist so anziehend wie das Verborgene. Dazu braucht man nicht Siegmund Freunds Psychoanalyse bemühen, der Blick auf den Alltag zeigt es.

Nehmen wir als Prüfstück einen geheimnisvollen Bretterzaun am Rehberg. Bis zu seinem Abbruch 2008 war er ein einziges Mysterium. Man möchte gern wissen, wie viele Jungs herumgeschlichen sind, um durch ein Astloch lugen. Verlustieren sich da nicht die Nudisten, die hinter der Wand dieses und vor allem jenes treiben?

Voyeuristischen Phantasie und Vorurteile haben den Kulmbacher Naturheilverein seit seiner Gründung vor 110 Jahren begleitet. Als Auftakt und zur weiteren Mitgliederwerbung bietet der Verein für den 28. April 1906 einen Vortrag an, der aus einem heutigen Health-Magazin stammen könnte: "Die Erhaltung der Gesundheit durch zweckmäßige Ernährung".


Weg mit dem Korsett


Doch das Interesse der Kulmbacher ist gleich null. Ein paar Monate später, am 27. September, versucht es der Vorsitzende Hermann Pfäfflin mit einem Kracher. Er lädt Emil Lehmann aus Leipzig ein, einen Redner, der überall die Säle füllt. Er soll über "Mode-Torheiten in Kleidung und Sitte" sprechen, mit speziellem Blick auf die der Damenwelt.

Ein brisantes Thema, für das die beiden Kulmbacher Zeitungen auch kräftig Reklame machen. Doch das Vereinshaus bleibt gähnend leer. Fehlende Neugier dürfte der Grund nicht gewesen sein, eher die Angst, beobachtet zu werden und als frivol und sittenlos dazustehen.

Immerhin verdanken wir einem braven Journalisten des "Kulmbacher Tagblatts" die genaue Mitschrift des Vortrags: Lehmann wettert gegen die Einschnürung der weiblichen Brust. "Weg mit dem Korsett!", fordert er, "denn das Tragen ist Unsinn und hygienisch Sünde". Der Brustpanzer deformiere die inneren Organe, schädige die Gebärmutter und verursache Verstopfungen. Dringend empfiehlt er seinen weiblichen Zuhörern, "Reformkleidung" zu tragen: weite, hochknöpfbarer Röcke, hosenartige Kittel, bequeme Schuhe statt hühneraugenfördernder spitzer Modelle.


Ins Freie, ins Licht


Frauen sollten das Haar möglichst offen tragen, es Luft und Sonnenlicht aussetzen. Ebenso sollten sie auf die übergroßen, oft mit Federn und Tüllschleiern dekorierten Hüte verzichten. Auch den Herren legt er eine gesündere Lebensweise nahe: Sie sollten den Spazierstock weglegen, er begünstige nur Fehlhaltungen, den Biergenuss einschränken und das Zigarrenrauchen ganz seinlassen.

Das Allerwichtigste für den Redner ist es jedoch, regelmäßig Sport zu treiben. Am besten "Nacktsport". Es gebe nichts Gesünderes als Sonnenstrahlen. Deswegen begrüße er die Einrichtung eines "Licht-, Luft- und Sonnenbades" auf dem Rehberg.


Viel Spott


Lehmanns Gedanken sind weder sensationell noch neu. Es sind Grundpositionen der Lebensreform-Bewegung, die um die Jahrhundertwende viele Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller begeistert hat, vor allem auch die akademische Jugend. 1913 werden Tausende mit der Parole "Ins Freie! Ins Licht!" auf den Hohen Meißner (Nordhessen) ziehen.

Wichtige Wegbereiter der Körperkultur waren Vinzenz Prießnitz (1799 - 1851) und Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 - 1897). Beiden gemeinsam ist der Glaube an die Heilkraft des Wassers in Verbindung mit gesunder Ernährung, Bewegung, Licht und Luft. Der nach Prießnitz benannte Bund fasste 1903 auch in Kulmbach Fuß, ging jedoch in den Naturheilverein auf.

Der kleine Verein (17 Gründungsmitglieder; auch später wird er über drei Dutzend Aktive nicht hinauskommen) muss viel Spott über sich ergehen lassen. Max Hundt hält in seiner Chronik fest, dass die modebewussten Frauen die empfohlene Kleidung als "Reformsäcke" abgelehnt hätten und nicht auf die neuesten übergroßen Hutmodelle verzichten wollten, für die die fünf Kulmbacher "Putzgeschäfte" ständig in den Zeitungen Reklame machten.


Herrlicher Ausblick


1907 genehmigte der Stadtmagistrat das "Lust- und Sonnenbad" auf dem Rehberg. Private Spender halfen bei der Finanzierung, auch die Stadt Kulmbach gab einen Zuschuss von 150 Mark. Zur Eröffnung am 23. Juni 1907 ist die Bevölkerung eingeladen, die Anlage zu besichtigen. Was es zu sehen gibt, ist eine Idylle hinter der Bretterwand: ein sonniger Südhang mit herrlichem Ausblick auf den Plosenberg und Mangersreuth.

Erkennbar hat man Wert gelegt auf saubere Moral. Die beiden Liegehallen sowie die Kabinen sind strikt getrennt nach Geschlechtern. Mitten durch die terrassierte Liegewiese verläuft der gleiche Zaun wie um die Anlage selbst. Die linke Hälfte ist den Männern vorbehalten, die rechte den Frauen.

Auch was Prießnitz-Kneippsche Abhärtung heißt, können die Besuchern sehen: Angelegt sind eine Wassertretanlage und ein eisiges Tauchbecken, dazu eine Kalt- und Warmdusche. Das Sonnenbad steht jedermann zur Verfügung, nicht nur den Mitgliedern. Die Öffnung für die Allgemeinheit ist für den Naturheilverein auch in finanzieller Hinsicht wichtig, kann man doch jährlich mit gutem Argument bei der Stadt Kulmbach einen Zuschuss für den Unterhalt des Sonnenbades (800 Mark) beantragen.

Zu einem Spaß- und Eventbad ist die Anlage aber bis zu ihrer Schließung um 1970 nie geworden. Es bleibt eine Fitness- und Wellness-Einrichtung einer gesundheitsbewussten, alternativen Minderheit.


Interview mit einem Zeitzeugen


Otto Haberstumpf, Jahrgang 1935, der am Rehberg wohnt, hat seit frühester Jugend den Badebetrieb im "Luft- und Sonnenbad" wie kein anderer beobachten können. Im Gespräch mit der Bayerische Rundschau lüftet der gelernte Elektroingenieur einige Geheimnisse.

Viele Jungs im Sturm-und-Drang-Alter sind ja um den Bretterzaun des "Sonnenbades" geschlichen. Hand aufs Herz: Haben Sie auch einmal durch ein Astloch gelinst?

Einmal? Oft! (lacht). Doch nicht durch ein Astloch haben meine Kumpel und ich geschaut. Wir sind auf die Bäume gegenüber geklettert mit bester Sicht auf die Liegewiese. Interessiert hat uns natürlich nur die rechte Hälfte, wo die Frauen lagen - ohne alles.

Waren Sie auch mal im Bad selber?
Ja, wir sind oft am Abend nach der Beendigung des Badebetriebs über den Zaun gestiegen und haben uns warm geduscht. Bei uns auf dem Bauernhof gab es keine Brause, wie auch sonst nicht. Die tolle Dusche im Sonnenbad wurde von einem großen Blechbassin auf einem Holzgerüst gespeist. Durch die Sonneneinstrahlung war das Wasser brühwarm. Die Buben und Mädchen aus unserer Nachbarschaft stellten sich drunter.

Was waren das für Personen, die das Bad besucht haben?
Hauptsächlich Angehörige des gebildeten Mittelstandes - Geschäftsleute, Lehrer, viele jüngere Frauen. An den Wochenenden wurden für die vielen Ausflügler, die damals auf den Rehberg hinaufspaziert sind, von der Theke am Eingang Bier und Limo verkauft. Das war ein ziemlicher Auflauf vor dem Zaun.

Der Naturheilverein hat die Nazi-Jahre unbeschadet überstanden. Auch der Badebetrieb ist weiter gelaufen. Was haben denn die Amerikaner nach dem Krieg gesagt?

Zunächst haben sie es beschossen, unwissentlich. Es ist eine verrückte Geschichte: Als die Amis die Stadt am 13. April 1945 besetzt haben, hat ein bekannter Kulmbacher Geschäftsmann vom Rehberghang eine Panzerfaust auf einen Sherman-Panzer abgefeuert, der an der Landwirtschaftsschule stand. Die Amerikaner haben sofort mit ihrer Haubitze zurückgefeuert und das Haus von Hans Herold getroffen. Durch die Wucht der Explosion haben sich Granatsplitter auch ins Holz des Sonnenbads schräg gegenüber gefressen. Bis zum Abbruch des Gebäudes 2008 konnte man sie sehen.

Haben die Amerikaner selbst das Bad genutzt?
Ja, auf besondere Weise (lacht). Mancher GI hat die abgeschiedene, idyllische Lage und die bequemen Holzliegen genutzt für ein Techtelmechtel mit einem deutschen "Fräulein". Ich gebe zu: Auch da haben wir gern von unseren Bäumen aus zugeschaut.