Neben Kronach, Nürnberg und Coburg muss auch Kulmbach als Cranach-Stadt in Franken genannt werden. Ein während des Zweiten Markgrafenkriegs (1552 bis 1554) aus der am Konraditag (26. November) 1553 zerstörten Stadt Kulmbach geborgenes Stück eines Tafelbildes, das einen Ausschnitt aus der Predigt Johannes des Täufers zeigt, wird derzeit im Prinzenpalais in Oldenburg gezeigt. Die Tafel befindet sich in Besitz des Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Das Bild ist seit 1807 in der Sammlung der Großherzöge von Oldenburg nachzuweisen - und Teil der eigentlich im zur Zeit wegen Restaurierung geschlossenen Augusteum beim Schloss beherbergten Gemäldesammlung Alte Meister.

Es ist ein Fragment eines auf Buchenholz geschaffenen Gemäldes, das offenbar recht grob von einer größeren Bildtafel abgetrennt worden ist, so dass das Kunstwerk heute 79 Zentimeter hoch und 19,5 Zentimeter breit ist. Laut Sebastian Dohe, der im Rahmen des Projekts "Großherzogliche Gemäldegalerie" diese Bildtafel erforscht, lässt sich auch an diesem Fragment noch immer die hohe Qualität der Malerei Cranachs erkennen.

Wahrscheinlich zeigte das ursprüngliche komplette Gemälde eine Predigt Johannes des Täufers in der Wildnis, dem die versammelte Menge lauscht. Ein Holzschnitt von Cranach von 1516 sowie mehrere seiner Gemälde zeigen ebenfalls eine Darstellung der Johannespredigt, in der sich jeweils eine Menschenmenge am rechten Rand versammelt hat, während Johannes links auf einer improvisierten Kanzel aus Ästen und einem Baumstumpf steht. Ein Motiv mehrfach zu wiederholen, war eine geläufige Arbeitsweise der Cranachwerkstatt.

Dargestellt auf dem Kulmbacher Exemplar ist eine Menge von Menschen, die im Begriff sind, dem (nicht mehr vorhandenen) Johannes dem Täufer, der auf der linken Bildhälfte zu sehen wäre, bei seiner Predigt zuzuhören. Doch eine Gemeinde im heutigen Sinne, die aufmerksam und gebannt nur dem Wort des Predigers lauscht, hat Cranach hier nicht in Szene gesetzt. Die Menge besitzt eine gewisse Dynamik, nicht alle Köpfe sind dem Täufer zugewandt, eine Mutter säugt im Vordergrund ihr Neugeborenes; eine andere Frau mit modischer Frisur des frühen 16. Jahrhunderts fasst am rechten Bildrand einer Sitzenden an die Schultern. Eine zentral stehende, mit Pelz verbrämten Mantel und Schmuck als reiche Dame ausgewiesene Trägerin einer weißen Haube mit einer das Gesicht halb verdeckenden Kinnbinde, wendet sich mit dem Kopf über ihre linke Schulter blickend vom Prediger ab.

Im Vordergrund am Boden sitzend, lauscht eine in Rot gewandete Mutter zweier Kinder mit Stein geschmücktem Halsband und weißer Haube konzentriert der Predigt, während sie ihr Kleines unter ihrem Mantel schützend birgt. Ihr zur Seite sitzt ein etwas größeres Kind, barfüßig eine Flöte in der Linken haltend.

Die Männer sind auf diesem Gemäldeteil eher im Hintergrund, am rechten Bildrand blickt ein bärtiger Her mit rotem Barett und zerhauener (geschlitzter) Krempe den Betrachter direkt an. Hier wird sogar ein frühes Selbstporträt von Lukas Cranach vermutet. Von zehn weiteren Männern sind nur die Köpfe zu sehen, aber fünf weitere haben sich auf einen knorrigen Baum gewagt, der zwischen der Menschenmenge und der Landschaft im Bildhintergrund von Cranach platziert wurde. Die Handhaltung und der faltige Ärmel eines barfüßigen Kletterers, dessen großes rotes Barett das Gesicht verdeckt, erinnert an ebensolche Handhaltung und Faltenwurf im 1510 geschaffenen Dessauer Fürstenaltar.

Wie der Oldenburger Forscher mitteilt, habe schon der berühmte Kunsthistoriker Wilhelm von Bode 1888 "die Eigenhändigkeit der Ausführung und die Entstehung in der früheren besten Zeit des Cranach" gelobt. Lucas Cranach der Ältere, um 1472 in Kronach, geboren, arbeitete neben seinen Hauptauftraggebern aus der sächsischen Dynastie der Wettiner auch vielfach für das in Brandenburg und Franken beheimatete Haus Hohenzollern.

Kardinal Albrecht von Brandenburg, der große Gegner Martin Luthers, gehörte ebenso zu seinen Kunden, wie Markgraf Joachim I. Nestor aus Berlin und Markgraf Kasimir von Brandenburg-Kulmbach, dessen Porträts von Cranach und seiner Künstlerwerkstatt heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, im Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlung in München und im Kunsthistorischen Museum in Wien zu finden sind.
Der Sohn Kasimirs, Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach, brach 1552 den Zweiten Markgrafenkrieg, auch Bundesständischer Krieg genannt, vom Zaun, in dessen Verlauf die Stadt Kulmbach zwei Mal belagert und am 26. November 1553 schließlich von Truppen aus Böhmen, Braunschweig, Nürnberg, Bamberg, Würzburg, Speyer und Sachsen erobert und zerstört worden ist. Eigene Soldaten des Markgrafen sollen Teile der Stadt dabei noch selbst in Brand gesteckt haben.

Dieses Feuer scheint nach bisherigen Forschungsergebnissen auch Spuren auf der Bildtafel hinterlassen zu haben, wie aus Oldenburg verlautbarte. Die Rückseite des Gemäldes trägt neben üblichen Farb- und Schmutzspuren auch Brandspuren, die bereits im selben Jahr 1553 im Zentrum beiseite gewischt wurden, um einer handschriftlichen Notiz Platz zu machen. In acht dürren Zeilen wird berichtet, warum das Gemälde nur noch als Fragment vorhanden ist. Die noch nicht vollständig entzifferte Notiz berichtet von der oben beschriebenen Plünderung der Stadt Kulmbach am 26. November 1553.

Demzufolge ist eine Altartafel mit Brandschaden aus einer der Kulmbacher Kirchen gerettet und zerteilt worden. Das Oldenburger Fragment wurde dann weiterverschenkt und später verkauft. Dass selbst das Bruchstück noch einen hohen ästhetischen Wert besitzt, muss auch schon im 16. Jahrhundert so gesehen worden sein, sodass man es gewinnbringend wiederverwerten konnte. Es wurde von einem gewissen Wilhelm Kinhof unmittelbar nach der Zerstörung der Stadt für sieben Taler gekauft. Offenbar war es schon lange vor dem Erwerb für die Grossherzogliche Gemälde-galerie wertvolles Sammelobjekt.

Die Einzeltafel war sicher Teil eines umfangreichen Altarwerks mit mehreren Bildern, die von Cranach geliefert worden sind. Doch woher stammt die Gemäldetafel? Diese Frage beschäftigt die Forscher derzeit, gab es doch innerhalb Kulmbachs und am Stadtrand fünf Gotteshäuser, die für einen Cranach-Altar in Frage kämen. Neben der großen Stadtpfarrkirche St. Petri gab es in der protestantischen Stadt ja noch die Spitalkirche, die Kirche des Augustinerklosters, die Nikolaikirche und nicht zu vergessen die katholische Katharinenkapelle des Langheimer Amtshofs. Aus der Schlosskirche oben in der Plassenburg dürfte das Altarbild kaum stammen, da die Festung der Belagerung noch bis in den Sommer 1554 standhielt. Eine weitere noch zu kärende Frage ist, ob ein Kulmbacher ein wichtiges religiöses Kunstwerk während des Angriffs rettete, oder das Bild im Rahmen der Plünderung zerteilt und das Fragment entwendet wurde.