Nur eine Tischbreite trennt die Angeklagte und die Nebenkläger am Dienstag im brechend vollen Gerichtssaal - aber zwischen ihnen liegen Welten: hier die junge Frau, die nach dem Kulmbacher Bierfest einen 30-jährigen Mann aus dem Weißenbrunner Ortsteil Eichenbühl überfahren und getötet hat - dort die Eltern, die durch eine tragische Verkettung unglück licher Umstände ihren Sohn verloren haben.

Etwa 50 Zuhörer - Familie und Freunde des Getöteten wie der Angeklagten - interessieren sich für die aufwendige Hauptverhandlung, die den ganzen Tag dauert. Es ist mucksmäuschenstill, als die 21-Jährige aus dem Landkreis Kulmbach das letzte Wort hat. "Ich weiß, dass ich schuld bin ...", stammelt sie, und es fällt ihr nicht leicht, die Eltern anzusehen. Sie will noch etwas sagen, sichtlich bewegt bringt sie aber nicht mehr heraus als den einen Satz.

Dann zieht sich das Jugendschöffengericht Kulmbach zur Beratung zurück: 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit, zweimaliges Drogenscreening, Fortsetzung der psychotherapeutischen Behandlung und noch drei Monate Entzug der Fahrerlaubnis, die ihr bereits am 4. August 2012 abgenommen worden ist - so lautet der Urteilsspruch nach dem Jugendstrafrecht.

Die Studentin, die einen lockeren Umgang mit Alkohol und Haschisch einräumt, sei durch den Unfall aus dem "Partymodus", in dem sie sich befunden hat, jäh abgestürzt, stellt Amtsgerichtsdirektor Christoph Berner fest. "Sie bereut das Geschehen, es ist ein Wesenswandel eingetreten: Sie ist eine junge Frau geworden, die mit den furcht baren Folgen ringt", so Berner.

Jede Hilfe kommt zu spät

Was ist an jenem Unglücksmorgen geschehen? Der junge Mann will nach dem Bierfest zu Fuß nach Hause laufen - 19 Kilometer bis Eichenbühl. Er läuft auf der B85 und kommt nur vier Kilometer weit. Um 4.45 Uhr wird er bei der Kreuzung Ziegelhütten/Niederndobrach vom Mercedes der Anklagten angefahren und in den Straßengraben geschleudert. Für ihn kommt jede Hilfe zu spät. Schädelbruch, Knochenbrüche überall, Blutergüsse - er erstickt an seinem eigenen Blut.

Auch die junge Frau befindet sich auf dem Heimweg vom Bierfest. Dort hat sie Alkohol getrunken und dabei den Überblick verloren. Ursprünglich will sie in Kulmbach übernachten. Weil keiner von ihren Freunden mehr anzutreffen ist, fasst sie den folgenschweren Entschluss und setzt sich mit mindestens 1,4 Promille ans Steuer. Sie erklärt, den Aufprall bemerkt zu haben, "danach kann ich mich an nichts mehr erinnern".

Sie fährt nach Hause und weckt ihren Vater, gemeinsam suchen sie die Unfallstelle und finden bei Ziegelhütten einen Schuh auf der Fahrbahn. Jetzt erst werden Polizei und Notarzt alarmiert, aber der Mann stirbt um 6.02 Uhr. "Seine Augen, ich weiß noch, wie sie aussahen", sagt die 21-Jährige. Die Erinnerung lässt sie nicht los.

Zu spät gesehen, um anzuhalten

Warum sie nicht wegen fahrlässiger Tötung, sondern nur wegen vorsätzlicher Trunkenheit im Verkehr und unerlaubten Entfernens vom Unfallort verurteilt wird, ergibt sich aus dem Gutachten des Sachverständigen. Dekra-Ingenieur Stefan Luther kommt zu dem Ergebnis, dass der Unfall auch für einen nüchternen Autofahrer nicht vermeidbar gewesen wäre. Die Angeklagte sei sehr weit rechts und vorschriftsmäßig mit 60 bis 70 km/h gefahren. Im Abblendlicht habe sie den dunkel gekleideten Mann erst 15 bis 20 Meter vor dem Aufprall gesehen. Zu spät, um anzuhalten oder auszuweichen. Dazu hätte sie höchstens 30 oder 35 km/h fahren dürfen.

Im weiteren Verlauf der Verhandlung wird klar, was damals noch alles unglücklich gelaufen ist. Für den 30-Jährigen ist kein Platz in dem Auto, mit dem sein Bruder heimfährt. Die Mutter will er nicht anrufen, ein Kronacher Taxifahrer nimmt die Fuhre aus der Nachbarstadt nicht an, und in Kulmbach ist kein Taxi zu bekommen. Trotzdem hätte er nicht zu Fuß gehen müssen. Der 20-jährige Bruder weckt, daheim angekommen, gleich die Mutter, gemeinsam fahren sie nach Kulmbach. Unterwegs haben die Brüder auch noch Telefonkontakt. "Plötzlich war das Gespräch weg", erinnert sich der 20-Jährige. Mutter und Bruder kommen an der Unfallstelle vorbei, ohne zu ahnen, was geschehen ist.

Der Vertreter der Nebenkläger, Rechtsanwalt Till Wagler aus Kronach, betont, dass der Unfall nicht geschehen wäre, wenn die Frau in der Fahrbahnmitte gefahren wäre. Besonders aber thematisiert er die Frage, dass sie kein Fernlicht eingeschaltet hat. Dann wäre der Mann viel eher zu sehen gewesen. Dazu, so das Gericht, sei man laut Straßenverkehrsordnung jedoch nicht verpflichtet.

Auch Gustl Mollaths Verteidiger

Verteidiger Thomas Dolmány, der früher auch Justiz- und Psychiatrieopfer Gustl Mollath vertreten hat, verweist auf eine Mitschuld des Getöteten. Auch er sei mit 1,33 Promille angetrunken gewesen - nicht nur seine Mandantin. Und er sei auf der falschen - rechten - Fahrbahnseite gelaufen. Bei seinem Plädoyer fühlt sich der Nürnberger Rechtsanwalt nicht wohl in seiner Haut. Er will die Gefühle der Eltern nicht verletzten.