Zurückhaltend gesagt: Die Aufführung war fantastisch. Auf vielleicht fünfzehn Quadratmetern vor einem schwarzen Vorhang, dahinter in der Ferne der Altar mit dem Auge Gottes über allem, spielten sich die Szenen um Erinnerungen und Zweifel der Frau des Lot ab, die sich nicht um richtig und falsch kümmert, sondern daran zweifelt, ob (irdisches) Recht und Gesetz etwas Unumstößliches sind - ob es wirklich göttliche Gebote sind oder nur menschgemachte Zweckmäßigkeiten zu Macht und Herrschaft, die notfalls mit Vertreibung, Mord und Zerstörung durchgesetzt werden.

Jana Schmück hat das Stück für zwei Frauen adaptiert und choreografiert. Zinzous Text ist nur zu hören, man ist nicht wegen einer Sprecherin abgelenkt. Ange Aoussou und Paula Führer - jede für sich und als kongeniales Duo - stellen die Gedanken der Frau des Lot in höchst intensiven Bewegungen dar; es ist weder Tanz noch Pantomime, aber doch wieder auch beides. Montagen aus Musik von der Renaissance bis New Age und Simple Listening unterstreichen und verstärken die so dargestellten Situationen. Wenn man in das Stück eintauchen kann, dann ist man höchst beeindruckt und mitgezogen in die Welt der Frau des Lot, die zwar erstarrt erscheint und nichts zu sagen hat - aber doch nicht schweigt.


Der Frage nach dem Warum nachgehen

Nach den alten Überlieferungen hat die Frau des Lot nicht einmal einen Namen. Das will sagen, dass sie niemand Erwähnenswertes ist. Sie ist nur ein Anhängsel Lots, das nicht aus dem Untergang Sodom gerettet wurde. Laut Bibel blickte sie "sich hinter ihm um und ward eine Salzsäule" (1. Mose, 19), laut Koran wurde sie nicht gerettet, weil sie "vertändelte (trödelte) und zurück blieb" (7. Sure, 84). Mehr ist von ihr nicht berichtet.

Die Frau des Lot ist bei Zinsou aber ein eigenes Universum. Sie steht in seinem Stück für die Frage nach dem Warum von Terror(ismus), Verfolgung und Zerstörung im Namen irgendeiner metaphysischen Vorstellung. Und sie steht für eine als weiblich verstehbare Eigenschaft: Beziehungen möglichst zu erhalten. So sieht sie sich nicht als eine auf der Flucht Zurückgebliebene. Sie stellt lapidar fest "Ich bin eine Salzstatue, mitten in den Ruinen ... Ja, meine Familie hat mich als erstes verlassen, um zu einem Ort zu fahren, von dem ich keine Ahnung habe." Als Autor und Dramatiker und aus der Sicht und mit der Erfahrung eines selbst vor einem Vierteljahrhundert aus seinem Heimatland Togo Geflohenen, stellt er die von ihm ersonnene Geschichte der Frau des Lot in mehreren Szenen auf eine Bühne.


Ein politisches Statement

Und er gibt kein theologisches oder juristisches, sondern ein politisches Statement ab, indem er die Frau des Lot verkünden läßt: "Deshalb wehre ich mich. Im Namen von euch allen, Frauen aus allen Ländern ... weil sie von den Gesellschaften, den Religionen, den Gesetzen und den Ideologien verurteilt wurden" - verurteilt zu Salzsäulen oder Burka-Pflichtigen, die kaum wahrgenommen werden und nichts zu sagen haben. Sie zweifelt sogar, ob es wirklich Engel (Gottgesandte) sind, die ihr Mann Lot getroffen und ins Haus genommen hat. (Hier spielt Zinzou auch auf Sextourismus an, indem er erwähnen lässt, dass die beiden als Ausländer, also anders Aussehende, für die Leute in Sodom begehrenswerte Wesen sind, man ihnen aber keinen sicheren Unterschlupf gewähren will, wenn sie in Bedrängnis sind).

Der Frau des Lot widerstreben die als Engel angepriesenen, denn sie gebieten, sofort alles liegen und stehen zu lassen. Sie befehlen im Namen einer höheren, aber für sie selbst nicht greifbaren Macht, in ein entferntes, völlig fremdes Kaff zu ziehen. Sie fragen nicht einmal. Dagegen wehrt sich die Frau des Lot. Aber sie kann auch vergessen und vergeben, als ihre beiden Töchter zu ihr als Salzsäule zurückkehren. Sie kommen mit ihren Kindern, die sie inzestuös von Lot haben. Nicht einmal das erschüttert die Frau des Lot, denn, wie auch immer, sie sind trotzdem ihre Enkel. "Wir sind doch eine Familie."

Ob Salz nur ein Material einer starren Säule darstellt oder es das Salzige der Tränenflüssigkeit (des Weinens vor Zweifel) sein könnte oder ob es das Salz der Erde im Sinn der Bergpredigt meint - das kann einen auf dem Nachhauseweg allenfalls beschäftigen, um die Emotionen aus der Aufführung wieder einigermaßen zu glätten. Das fließende Blau der Kostüme, die geniale Ausstattung der Tänzerinnen durch die Presseckerin Edina Thern - die Darstellerin als Salzsäule in einem flexiblen Ganzkörperschlauch gleich zu Beginn - bleibt einem noch länger im Auge. Dass die evangelische Kirchengemeinde eine, sich an die biblische Geschichte anlehnende, aber nicht christentum-unkritische Aufführung im ehrwürden Gotteshaus ermöglichte, sei als weiteres respektvolles Kompliment angefügt.