Die Diskussion um den Ausbau der B 85 zwischen Kulmbach und der Autobahn-Anschlussstelle bei Unterbrücklein ist neu entfacht. Der Ausbau sei für die Zukunftsfähigkeit der Region von zentraler Bedeutung, hat Michael Möschel erklärt. Der IHK-Vizepräsident und Vorsitzende des Kulmbacher IHG-Gremiums hat das Vorhaben des Staatlichen Bauamts begrüßt, das durch die Schaffung von einzelnen Überholspuren die Unfallgefahr minimieren will. Möschel hat neben der Verkehrssicherheit auch die Fahrzeit im Blick. Die könne durch die baulichen Maßnahmen reduziert werden. Es gehe dabei mehr um den psychologischen Faktor als um zwei Minuten Zeitgewinn. Die wichtige Pendlerstrecke sei, so Möschel, in der Wahrnehmung der Vielnutzer eine Bummelstrecke.

Je nach Verkehrslage
Ist die B 85 tatsächlich eine Bummelstrecke? In welcher Zeit kann man die knapp acht Kilometer zwischen der A 70 und der Schauer-Kreuzung bei unterschiedlichen Verkehrslagen zurücklegen? Wir sind der Frage nachgegangen und haben bei einigen Fahrten die Stoppuhr betätigt. Die Fahrzeit variiert natürlich je nach Verkehrslage. Im morgentlichen Berufsverkehr haben wir für die Strecke unter Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung neun Minuten gebraucht. Im Feierabendverkehr haben wir sie in sechs Minuten zurückgelegt, am Abend sogar in fünf.

Die erste Testfahrt
Dienstag, 7.15 Uhr, Schauer-Kreuzung - Unterbrücklein; Fahrzeit neun Minuten: Die Ampel an der Einmündung zur Wickenreuther Allee zeigt Rot. Es staut sich. Bei Forstlahm bildet sich eine Autoschlange hinter einem Pkw, der deutlich langsamer als die erlaubten 80 Stundenkilometer fährt. Der Fahrer rechnet wohl damit, dass er an einem Laster, der weit voraus fährt, ohnehin nicht vorbeikommt. Er lässt sich Zeit. Eine weitere Verzögerung ab der Abzweigung nach Schwingen: Der Laster fährt langsam die Steigung hinaus, ab Eichberg rollt der Verkehr nur noch sehr, sehr langsam. Die Ampel an der Auffahrt zur Autobahn zeigtRot.

Die zweite Testfahrt
Dienstag, 7.38 Uhr, Unterbrücklein - Schauer-Kreuzung; Fahrzeit neun Minuten: Die Abfahrt von der Autobahn erfolgt zügig: Der aus Bayreuth kommende Verkehr hat an der Ampel Rot, ein Einfädeln auf die Bundesstraße problemlos möglich. Der Verkehr fließt Richtung Kulmbach in einer langen Kolonne ohne Lücken, aber relativ zügig. Bei Rohr bremst ein Auto der Straßenmeisterei die Autofahrer aus: Bankettarbeiten. Das Vorbeifahren ist wegen des starken Gegenverkehrs nur sehr langsam und vorsichtig möglich. Ab Leuchau rollt der Verkehr deutlich langsamer als 80 km/h - vermutlich schon Auswirkungen der Ampeln im weiteren Streckenverlauf. Die Ampel am Eulenhof zeigt Rot: kurzer Stopp. Auch die Ampel an der Einmündung Wickenreuther Allee zwingt zum Anhalten: der Verkehr staut sich sehr weit zurück (19 Autos sind vor uns, viele dahinter). Noch einmal Stopp an der Fußgängerampel auf Höhe von Schuh-Mücke und an der Ampel an der Schauer-Kreuzung.

Die dritte Testfahrt
Dienstag, 16.33 Uhr, Schauer-Kreuzung - Unterbrücklein; Fahrzeit sieben Minuten: Die Ampel an der Einmündung zur Wickenreuther Allee steht auf grün. Ein Lastwagen fährt einer Autoschlange voraus. Sechs Autos sind vor uns. Der Lkw kommt an der Ampel beim Eulenhof bei Grün gerade noch durch. Die folgenden Wagen müssen bei Rot warten, holen dann aber schnell wieder auf, denn der Laster wird am Anstieg Richtung Forstlahm selbst ausgebremst. Ein Pkw-Fahrer fährt vor ihm, bis zur Anhöhe mit deutlich unter 80 km/h, tritt bergab dann aber auf das Gaspedal. An ein Überholen ist mit Blick auf den Gegenverkehr auf dem gesamten weiteren Streckenabschnitt allerdings nicht zu denken. Mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit geht es zügig unter Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung in Richtung Autobahn.

Die vierte Testfahrt
Dienstag, 16.44 Uhr, Unterbrücklein - Schauer-Kreuzung; Fahrtzeit sechs Minuten: Wir stehen vor der roten Ampel in Höhe der Autobahnauffahrt Richtung Bamberg. Zwei Autos sind vor uns. Bei Grün geht es flott Richtung Kulmbach. Bei Rohr schließt die Autokolonne - hinter uns sind weitere sechs Wagen - auf einen Lastwagen auf, der die auf dem folgenden Streckenabschnitt erlaubten 80 km/h einhält. Ein Überholvorgang ist bis Kulmbach nicht möglich, aber auch nicht nötig, wird die Höchstgeschwindigkeit doch stets eingehalten. An der Ampelanlage beim Eulenhof und bei der Zufahrt zur Wickenreuther Allee ist freie Fahrt. Dann steht auch noch die Ampel bei Schuh Mücke auf Grün. Nach gerade mal sechs Minuten ist die Schauer-Kreuzung erreicht.

Und am späten Abend?
Am Abend rollt der Verkehr reibungslos. Einige Ampeln sind außer Betrieb, keine Lkws bremsen den Pkw-Fahrer aus. Für die Strecke nach Unterbrücklein braucht es gerade einmal fünf Minuten - wenn man sich fast genau an die Geschwindigkeitbegrenzungen hält. Die Rückfahrt dauert mit sechs Minuten nur unwesentlich länger.

Das Fazit
Welche Schlüsse man aus dem Test ziehen kann? Sowohl die Befürworter als auch die Gegner eines Ausbaus werden Argumente finden, die ihre Meinung untermauern. So werden die Befürworter darauf verweisen, dass die Fahrtzeiten durch den Ausbau mit wechselseitigen Überholspuren sicherlich in vielen Fällen verkürzt werden. "Doch zu welchem Nutzen?", werden die Gegner fragen und erklären, dass es Geldverschwendung ist, viele Millionen Euro zu verbauen, nur um zwei oder drei Minuten Zeitgewinn zu erhalten. Gerade im Berufsverkehr, so lautet eines unserer Fazits, würden Pendler wohl kaum einen Nutzen aus einzelnen, mehrere hundert Meter langen Überholspuren ziehen. Denn im dichten Verkehr könnte man dann zwar den einen oder anderen Lastwagen überholen. Wird die B 85 wieder einspurig, wäre der Zeitgewinn aber schnell wieder aufgebraucht, denn die nächste Autokolonne wartet - egal, ob man in Richtung Kulmbach oder nach Unterbrücklein fährt.