Es war ein tragischer Unglücksfall. Eine Reaktion darauf mit dem Strafgesetzbuch ist schwer, wenn nicht gar unmöglich. Nicht zuletzt deshalb wurde ein 55-jähriger Arbeiter gestern vor dem Amtsgericht in Kulmbach freigesprochen. Der Wertstoffsortierer war auf einem Betriebsgelände in Kulmbach mit dem Gabelstapler rückwärts gefahren und hatte einen Kollegen überrollt. Der Man starb später im Klinikum an den Folgen seiner Verletzungen.

Fahrer unter Schock

Sichtlich mitgenommen saß der Arbeiter auf der Anklagebank. Er könne seitdem kaum noch schlafen, sagte er. Ein Polizeibeamter berichtete, dass der Mann nach dem Unfall einen schweren Schock erlitten hatte. Vor Gericht ließ er erst einmal seinen Verteidiger Frank Stübinger sprechen. Sein Mandant habe zuerst über die Schulter nach hinten geblickt, dann in den rechten, in den linken und noch einmal in den rechten Außenspiegel. Dann erst sei er losgefahren, nach hinten.

Genau dort lag der Kollege, der schon öfter über Gleichgewichtsstörungen und Schwindel geklagt hatte und kurz zuvor offensichtlich unfreiwillig zu Boden gegangen war.

Entscheidend für die strafrechtliche Bewertung war das Gutachten eines Sachverständigen aus Bindlach. Auf die Frage, ob der Angeklagte seinen Kollegen hätte sehen müssen, hatte aber auch er keine eindeutige Antwort. Es gebe schon eine Art toten Winkel, in dem man liegende Personen nicht sehen kann, sagte der Ingenieur und weiter: "Je näher sich die Person am Gabelstapler befindet, desto weniger kann ihn der Fahrer sehen." Unter zwei Metern sei praktisch gar nichts zu sehen. Eindeutig fest stand für den Gutachter allerdings, dass das Opfer liegend überrollt wurde. Der Mann wurde also nicht etwa umgefahren. Einen Augenzeuge für das Unglück gab es nicht.

Der Angeklagte sei kreidebleich auf ihn zu gerannt und habe nur "Notarzt, Notarzt" gerufen, sagte ein 40-jähriger Kollege, der gerade an einer anderen Stelle auf dem Betriebsgelände beschäftigt war.

"Notarzt brauchte ziemlich lange"

Der Zeuge berichtete auch, dass der Notarzt ziemlich lange gebraucht habe, weil der sich angeblich zunächst verfahren haben soll. Nach entsprechenden Wiederbelebungsmaßnahmen sei der Mann dann ins Klinikum gebracht worden.

Laut ärztlichem Untersuchungsbericht hatte das Opfer schwerste innere Verletzungen, mehrere Knochenbrüche, innere Blutungen und einen Beckenbruch erlitten. Ein ermittelnder Kriminalbeamter aus Bayreuth berichtete, dass das Opfer tatsächlich unter Gleichgewichtsstörungen litt.

Einig waren sich Verteidiger Frank Stübinger und Staatsanwältin Sibylle Zwanzger in ihren Plädoyers mit dem Antrag auf einen Freispruch. "Die Frage, ob der Unfall vermeidbar gewesen wäre und der Angeklagte das Opfer hätte sehen müssen, lässt sich nicht mehr klären", so die Anklagevertreterin.

Richterin Sieglinde Tettmann sah das genauso. Die Ursache für das tragische Ereignis habe zwar der Angeklagte gesetzt, doch ein Schuldvorwurf könne ihm nicht gemacht werden. Sie sprach von einem tragischen Ereignis und von einem völlig atypischen Fall, weil der Getötete offenbar aufgrund seiner Gleichgewichtsstörung hinter dem Stapler zu Fall gekommen sei. Das habe der Angeklagte nicht vorhersehen können.