Von wegen verschnarchtes Provinznest! Immer wieder ist man überrascht, wie kulturell lebendig das Leben um die Jahrhundertwende in der 8200-Einwohner-Stadt Kulmbach gewesen ist.

Vom 1. bis 4. Juli 1897 tritt die Wiener Artistenfamilie Franz Knie jun. in Kulmbach auf. Ihre Hochseilshows sind in ganz Europa berühmt. Drei Jahre vorher, im August 1894, haben sie schon mal in der Stadt gastiert. Damals noch mit dem Patriarchen Franz Knie selbst, einem Phänomen: Mit 79 spazierte er noch freihändig auf dem Hochseil.

Nicht minder legendär seine Manneskraft. 34 Kinder nennt er sein Eigen, eine Zahl, die sicher auch manchen Haremsfürsten nicht unbeeindruckt lässt.


Absolute Weltsensationen


Jetzt ist es einer seiner Enkel, der in Kulmbach die Zuschauer in Bann schlägt. Ein zehnjähriger Blondschopf mit Namen seines Großvaters. Im Kulmbacher Tagblatt ist er als der neue Charles Blondin angekündigt worden, in Anspielung auf den todesmutigen Franzosen, der die Niagarafälle auf dem Seil überquert hat.

Zunächst aber zeigen die anderen Akrobaten ihre Tricks. Ein Recommandeur im schwarzen Frack verspricht "absolute Weltsensationen". Vom Erker des Gasthofes Wolfrum (Marktplatz 4) klettern sie aufs Stahlseil, das quer über dem Marktplatz zum "Weißen Ross" gespannt ist.


Halsbrecherische Stunts


In 14 Meter Höhe bieten sie den Zuschauern halsbrecherische Stunts: Balance-Akte mit Stühlen, Fahrten auf dem Ein- und Zweirad mit verbundenen Augen, Aufbau einer Dreimann-Pyramide.

Dann das "Non plus ultra", wie der Recommandeur in seinen Sprechtrichter plärrt: der Auftritt des kleinen Franz Knie. In der Zeitung sind die Nummern genau beschrieben. Sie müssen das Publikum geschockt, gebannt und belustigt haben.

Zunächst jongliert der Zehnjährige ohne Balancestange in gruseliger Höhe. Danach tritt er in vielerlei Maskeraden auf: als Clown, als ein besoffen schwankender Matrose, als ein unschuldig Verurteilter, der an Händen und Füßen mit Ketten gefesselt ist, als Papageno aus der "Zauberflöte", der aus seinem Korb Tauben aufsteigen lässt, als Gigerl , dem Urwienerischen Modegeck, der auf dem Hochseil mit spitzen Schuhen, Spazierstock und Melone umherstolziert.


Huckepack-Nummer als Höhepunkt


Der Höhepunkt der Show ist dann seine Huckepack-Nummer: Mit verbundenen Augen trägt der Knirps die "99-jährige Großmutter" im Sack übers Seil.

Der Preis für den Kick? Bei den Umherstehenden werden 20 Pfennig einkassiert. Zum Vergleich: Exakt 20 Pfennig kostet anno 1897 auch die Maß Bier.