Der Fall des Borreliose-Patienten aus dem Landkreis Kulmbach, der in angeblicher Ermangelung eines Bereitschaftsarztes vor Ort zu einer Infusionsbehandlung am Wochenende nach Bayreuth ins dortige Dok-Haus geschickt wurde (BR vom Samstag), schlägt hohe Wellen. Zunächst hatte sich die SPD-Kreistagsfraktion zu Wort gemeldet und eine Bereitschaftsdienstpraxis am Kulmbacher Klinikum gefordert. Das wiederum rief nun niedergelassene Ärzte aus Kulmbach sowie den Landkreis auf den Plan. Sie sind der Ansicht: Eine Klinikusmpraxis würde an der aktuellen Situation überhaupt nichts ändern.

Eine Medizinerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung genannt haben möchte, zeigte sich verwundert darüber, dass besagter Patient allen Ernstes nach Bayreuth geschickt wurde. "In diesem Fall hat wohl der diensthabende beziehungsweise der behandelnde Hausarzt das Kulmbacher Bereitschaftsmodell nicht verstanden - aber dass der Mann zunächst an die Fachklinik in Stadtsteinach verwiesen wurde, ist Quatsch."


"Dienste sind klar geregelt"

Das von der Ärztin erwähnte Modell regele klar die Bereitschaftsdienste im Kreis Kulmbach. "Es gab 2014 einen Beschluss der niedergelassenen Ärzte in Abstimmung mit der Kassenärztlichen Vereinigung. Demnach ist der Bereitschaftsdienst an Wochenenden folgendermaßen vergeben: Zwei Kollegen machen im Wechsel Dienst, jeweils sechs Stunden. Ein Arzt hat vormittags von 10 bis 12 Sprechstunde, der andere Kollege übernimmt in dieser Zeit den Fahrdienst und kommt zu den Patienten nach Hause. Umgekehrte Rollenverteilung dann am Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr."

Ab 20 Uhr werden keine festen Praxiszeiten mehr angeboten, prinzipiell gibt es aber sieben Tage in der Woche zwei Ärzte, die rund um die Uhr gleichzeitig Dienst tun.


Dok-Haus als Ergänzung

Würde für den besagten Fall mit dem Borelliose-Patienten bedeuten: "Es wäre in jedem Fall ein Arzt da gewesen, der natürlich auch die Infusionen hätte legen können. Das hat ja bisher auch tadellos funktioniert." Das besagte Dok-Haus in Bayreuth, wo sich verschiedene Ärzte zusammengeschlossen haben und auch am Wochenende Patienten behandeln, sieht die Medizinerin sogar als sinnvolle Ergänzung und komfortable Bereicherung an.

"Für manchen unserer Einwohner liegt Bayreuth näher als eine unserer Praxen. Wer freilich im Oberland wohnt, der muss mit dem Umstand leben, dass er überall hin eine gewisse Distanz überbrücken muss. Das liegt dann aber an der geografischen Lage und nicht am System des Bereitschaftsdienstes. Damit müssen sich alle zurechtfinden - auch ich als Arzt."


Ein Riesengebiet abzudecken

Zusätzlich habe sich durch den Ärztemangel das Dienstgebiet für einen Bereitschaftsarzt nochmals spürbar ausgeweitet. "Ich selber fahre zu Einsätzen bis nach Waischenfeld in die fränkische Schweiz. Wir haben ein Riesengebiet abzudecken." Den Ärzten sei das vor dem Hintergrund des Ärztemangels als alternativlos verkündet worden. "Insofern hat sich natürlich auch für die Patienten etwas verschlechtert."

Bereitschaftsdienst zu leisten, das ist für niedergelassene Ärzte prinzipiell verpflichtend. Wer sich befreien lassen will, muss triftige Gründe vorlegen. Die Ärztin berichtet, dass sie monatlich einen Dienst am Wochenende oder unter der Woche zu stemme habe. "Was keiner berücksichtigt: Wir müssen am nächsten Tag morgens weiterarbeiten, egal wie viele Kilometer wir in der Nacht vorher abgespult haben." Aus ihrer Sicht müssten Politiker, aber auch die KV als Standesvertretung der Ärzte auf die Belange der Mediziner Rücksicht nehmen. "Wir sind keine Maschinen. Leider wird monetären Überlegungen oft höhere Priorität eingeräumt."

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der fairen Entlohnung des Geleisteten bestehe bei den niedergelassenen Ärzten kein besonderes Interesse an einer Gemeinschaftspraxis am Klinikum, "die wir vielleicht auch noch mitfinanzieren sollen. Wir haben eigene Praxen, in die wir die Patienten einbestellen können - aber diese Praxen blieben dann zwangsweise verwaist. Das ist doch blanker Unsinn." In die gleiche Kerbe schlägt Ralph Aman. Der Facharzt für Orthopädie aus Kulmbach hält den derzeitigen Praxisdienst für funktionsfähig. "Wir brauchen keine Doppelstruktur mit einer Klinik-Praxis, die nur zusätzliche Kosten verursacht und den niedergelassenen Ärzten noch weniger Entlohnung pro Patient lässt. Man muss ja bedenken: Der Topf, aus dem alle diese Leistungen bezahlt werden, wird nicht größer. Also werden manche Abstriche machen müssen - oder die Versicherungsbeiträge müssten steigen."

Aman hielte es für zweckmäßiger, den Fahrdienst zu stärken und das Personal dafür aufzustocken. "In ländlichen Regionen wie der unseren ist das doch das Hauptproblem. Die Distanzen bedeuten ja nicht nur weite Fahrtstrecken für den Bereitschaftsarzt, sondern zugleich lange Wartezeiten für die, die ärztliche Hilfe benötigen."

Die niedergelassene Hausärztin macht ihrerseits einen Vorschlag: "Ich wäre dafür, die Bereitschaft in einer eigenen Fachgruppe zusammenzufassen und Extra-Praxen in zumutbaren Entfernungen einzurichten. Dafür bräuchte es freilich Extra- Mediziner, die rein diese Bereitschaft übernehmen. Wir niedergelassenen Ärzte wären aus diesem Modell raus. Im Zuge einer immer weitergehenden Spezialisierung der ärztlichen Versorgung wäre das eine zeitgemäße Entwicklung. Und: Man könnte so auch junge Mediziner für ländliche Regionen gewinnen." Wenn die Sonderdienste nämlich weiterhin unverhältnismäßig schlecht vergütet würden, brauche man sich nicht zu wundern, wenn der Medizinernachwuchs die Stadt dem Land vorziehe.