Landärzte werden dringend gesucht. Vor wenigen Tagen startete der Ludwigsstädter Bürgermeister Timo Ehrhardt einen entsprechenden Aufruf - in der Hoffnung, einen Arzt motivieren zu können, der in seiner Stadt die Allgemeinarztpraxis von Nora Kindl übernimmt.

Nur wenige Kilometer weiter in Pressig ist Sophia Schirmer zu Hause. Ihr Ziel ist es, im Landkreis Kronach als Landärztin tätig zu werden.

Die 20-Jährige studiert im fünften Semester Medizin. Ihr erstes Staatsexamen, das sogenannte "Physikum" hat sie bereits erfolgreich bestanden. Jetzt, im fünften Semester, lernt sie vertieft die Praxis an der Ludwig-Maximilian Universität (LMU) in München kennen. Deren medizinische Fakultät ist die größte Ausbildungseinrichtung in ganz Deutschland. Dort hat sie bei Hospitationen nun vermehrt Patientenkontakt, sie erfährt ihre Krankheitsgeschichte, führt die körperliche Untersuchung durch und schaut Ärzten in deren medizinischem Fachgebiet über die Schulter. An solchen Stationstagen nimmt sie an Besprechungen und Visiten der Ärzte auf der Station teil.

"Jeder Tag bringt Neues"

Ihr Studium und ihren Alltag beschreibt Sophia Schirmer als sehr spannend. "Jeder Tag bringt etwas Neues. Ich lerne nicht nur medizinische Zusammenhänge kennen, sondern auch den Menschen in seiner Gesamtheit!"

Der Weg zur Ärztin ist lang. Noch sechs Semester muss Sophia Schirmer absolvieren, erst dann kann sie ihr zweites Staatsexamen machen. Anschließend folgt das sogenannte Praktische Jahr und dann das dritte Staatsexamen. Erst danach wird sie approbierte Ärztin sein und eine Facharztausbildung in Angriff nehmen. Je nachdem für welches Fach sie sich entscheidet, werden nochmals fünf beziehungsweise sechs Jahre vergehen, bis sie endlich ihren Traumberuf hat. Ihr Leben in München, die Menschen, die Kliniken, die Universität - für die junge Frau ist es eine gute Zeit, die sie bewusst lebt. "München ist eine schöne Stadt, auf Dauer möchte ich dort aber nicht bleiben!"

Sie will auch nach dem fünften Semester Medizinstudium immer noch zurück in den Frankenwald. "Da geht es ruhiger zu!". Außerdem: "In München fehlt mir die Natur, meine Familie!" Und: "Mit einer Praxis auf dem Land habe ich die Gestaltungsmöglichkeiten in der eigenen Hand!"

Beziehung zu ihren Patienten

Sophia Schirmer hat 2016 am Kaspar-Zeuß-Gymnasium ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,1 bestanden. Somit war der Weg frei für die Verwirklichung ihres Kindheitstraums. Sie erhielt sofort einem Studienplatz. Seitdem sie mit ihrer Mutter beim Kinderarzt war, habe sie diesen Wunsch: "Ich will Landärztin in meiner Heimat werden!"

Ihr ist bewusst, dass sie als Landärztin ihre Patienten und deren Umwelt näher kennenlernt. Bei einer Tätigkeit an einer Klinik sei das nicht der Fall. Es werden sich mitunter Beziehungen entwickeln und die Arbeit wird abwechslungsreich sein. Denn als Landärztin wird sie Husten ebenso wie Krebserkrankungen behandeln. Sie wird helfen bei Alkoholismus, Wasserbeinen und Alzheimer. Alle Generationen werden als Patienten vertreten sein. Sie wird auch mit den unterschiedlichen Bildungs- und Erfahrungshorizonten zu tun haben und sie wird überlegen müssen, was sie ihrem Gegenüber an Wissen zumuten kann.

Region umwirbt Ärzte

Sophia Schirmer weiß, dass sie sich jederzeit im Landkreis Kronach eine Existenz aufbauen kann. Sei es mit einer eigenen Praxis oder in Kooperation mit einem Kollegen, einer Kollegin. Sie hat mitbekommen, dass die Kommunen in der Region dankbar sind über jeden Mediziner, der sich entschließt, in den Frankenwald zu gehen.

Mittlerweile wird auch versucht, den Einstieg durch verschiedene Anreize zu erleichtern. Sie findet, dass die Einstiegshürden gelockert werden müssten. Denn, "um ein guter Arzt zu werden, braucht man kein Einser-Abitur". Es komme vielmehr auf das Engagement und die Einstellung an und auf die Gabe, sich in andere Menschen hinein fühlen zu können.Dass die Politik den Zugang auch bei einem schlechteren Numerus clausus zulassen will, begrüßt sie. Einige ihrer Mitschüler hätten aufgrund der Zulassungsbeschränkung ihren Traum, Arzt zu werden, nicht verwirklichen können.

Bürgermeister Timo Ehrhardt: "Wir brauchen dringend einen Arzt"

Die Stadt Ludwigsstadt ist weiterhin auf der Suche nach einem Nachfolger für die Allgemeinarztpraxis Nora Kindl. "Wir brauchen dringend einen Arzt", sagt Bürgermeister Timo Ehrhardt. Er spricht von einer alternden Bevölkerung und davon, dass er den Ludwigsstädtern weite Wege zum Arzt möglichst vermieden werden sollen. Zudem gilt es, gemeinschaftliche Strukturen aufrecht zu erhalten.

Noch vor wenigen Jahren habe es in der Stadt drei Arztpraxen gegeben. Sollte kein Nachfolger gefunden werden, haben die Ludwigsstädter mit Bernhard Schikora nur noch einen Allgemeinmediziner vor Ort - "entschieden zu wenig für eine Stadt mit 3500 Einwohnern", so Erhardt. Ein Nachfolger würde nicht nur viele Patienten, sondern auch ein qualifiziertes und motiviertes Team übernehmen, wirbt er. Erhardt bietet an, einen neuen Mediziner anzustellen. Es bestehe auch die Möglichkeit, ein kommunales medizinisches Versorgungszentrum zu gründen.