"Geh' nie zum Kabarett, das ist so ein erbärmlicher Beruf" - Familienoberhaupt Julius Droller wollte, dass seine älteste Tochter studiert. Aber schon in jungen Jahren war klar, dass Alice Schauspielerin werden wollte. Beginn der 1930er Jahre startete die jüdische Künstlerin ihre vielversprechende Laufbahn unter dem Pseudonym Alice Dorell. Ihre ersten kleinen Rollen spielte die Mannheimerin in ihrer Heimatstadt am Nationaltheater. Die Machtergreifung veranlasste sie mit ihren Eltern und Bruder Oskar zur Flucht in die Niederlande. Trotz des schwierigen politischen Umfelds stellt sich für die Kabarettistin Ende der 1930er Jahre mit eigenen Texten endlich der gewünschte Erfolg ein. Doch die Invasion der Wehrmacht beendete 1940 erneut ihre Aktivitäten. 1942 stirbt sie in Auschwitz. Auch ihre Eltern und zwei ihrer Geschwister überleben den Nazi-Terror nicht.

Am Freitagabend stellte die Germanistin Katja Zaich in der Kronacher Synagoge das Leben und Wirken von Alice Dorell vor. Zaich war in Kronach aufgewachsen und landete nach einem Studium der Germanistik und Romanistik 1996 in Amsterdam. Hier absolvierte sie ein Aufbaustudium Lexikographie und promovierte auf dem Gebiet der Exilforschung über deutsche Bühnenkünstler im niederländischen Exil. Über einzelne dieser Künstler hat sie anschließend tiefergehend geforscht, darunter auch Alice Dorell. "Sie fiel in mehrerer Hinsicht aus dem Rahmen", erklärte Zaich. So habe man Kabarett damals in den Niederlanden fast ausschließlich mit amüsanter Unterhaltung verbunden. Dorell aber habe anspruchsvolles Kabarett machen wollen: literarisch, intellektuell, politisch und kritisch.
"Das war schwierig, da in dem Land politische Aktivitäten von Ausländern unerwünscht waren", betonte Zaich. Zudem habe Dorell weder eigene Referenzen noch guten Kontakt zu anderen deutschen Künstlern gehabt und sei in den Niederlanden völlig unbekannt gewesen. Dennoch habe sie ihren Weg gegen den allgemeinen Trend beharrlich verfolgt - bis zum bitteren Ende! Einige von Dorells leider nur wenigen erhaltenen Texte - wie "Tempo, Tempo" - trug Beate Weidenhammer, ebenfalls eine gebürtige Kronacherin, vor. Mit großer Sensibilität und Einfühlungsvermögen lieh sie der Künstlerin ihre Stimme und gab so einen beeindruckenden Einblick in deren Seelenleben.

Weidenhammer ist seit 2012 Ensemblemitglied des Theaters Lüneburg. Sie wirkte bei den Faust-Festspielen als Gretchen im Faust oder Hamlet ebenso mit wie in bekannten Fernsehserien. Aktuell steht sie in Lüneburg als Medea in der Euripides-Tragödie auf der Bühne. Gemeinsam gelang ihnen ein ebenso spannendes wie ergreifendes Portrait dieser großen Persönlichkeit, die - gegen alle Widerstände - mutig und unerschütterlich an ihrer Idee eines literarischen Kabaretts festhielt. "Kabarett ist mehr. Es lässt die Menschen denken", so Dorells Überzeugung. Man spiele kein Instrument, keine Rolle wie ein Musiker oder Schauspieler, sondern gebe nur das, was man sei.


Alice Droller wurde am 27. Juli 1907 in Mannheim geboren, wo sie als ältestes von fünf Kindern in einer liberal-jüdischen Familie aufwuchs. Sie erhielt zunächst privaten Schauspiel-Unterricht in Mannheim und besuchte später die Theaterschule von Max Reinhardt in Berlin. 1925 debütierte sie am Nationaltheater Mannheim in kleineren Rollen und war mit mehreren deutschen Theatern verbunden. Ab 1932 lebte sie wieder bei ihren Eltern, um eigene Texte für literarisches Kabarett zu schreiben. Gerade als sich erste Erfolge einstellten, flüchtete sie - nach der Machtergreifung - nach Den Haag. Dorell´s Drei Damen Kabarett Im November 1934 lernte sie die Pianistin Rosa van Hessen kennen, mit der sie von nun an zusammenarbeitete. Im Februar 1935 hatte das Duo seinen ersten Auftritt in Den Haag. Ihr Programm mit selbst geschriebenen deutschen und niederländischen Liedern und Texten kam gut an. "Dorell lernte fleißig Niederländisch und konnte schon 1935 passable Texte in niederländischer Sprache schreiben", würdigte Zaich. Den beiden schloss sich die Kabarettistin Anna Prins an und das "Dorell´s Drie Dames Cabaret" war geboren. "Es war das erste Kabarett in den Niederlanden, das ausschließlich aus Frauen bestand", erklärte die Germanistin. Es gab viel Aufmerksamkeit und Lob in den Medien. 1936 trennte sich das Trio und Dorell gründete "Die Laterne" mit neuen talentierten, aber unerfahrenen" Mitgliedern. Darüber hinaus wurde es immer schwieriger, politische Satire auf die Bühne zu bringen. Der finanzielle Erfolg blieb aus. Dorells Antwort darauf war eine politische Satire unter dem Titel "Alice im Wunderland". Dieses Stück erhielt vielversprechende Kritik, aber die allgemeine Öffentlichkeit blieb weg. Es gab zwei weitere große Theaterprogramme: "Warenhaus" und "Weltstadt".
"Der ersehnte Erfolg stellte sich ein, als Dorell 1938 mit der Tänzerin Cilli Wang zusammenarbeitete", erzählte Zaich. In November 1939 trat das Ensemble als Cabaret "Pinguin" für den niederländischen Beamtenverband auf und eroberte die Amsterdamer Öffentlichkeit. Aber der Erfolg kam zu spät. 1939 starb ihr Mitautor und nach der deutschen Invasion wurden ihr weitere Auftritte verboten. Ende 1940 erschien in einer Zeitschrift ein letzter Artikel über Dorell. Soweit bekannt, gab sie während der Besetzung nur eine Aufführung: im Sommer 1941 im Niederländischen Theater in Amsterdam.

Am 15. Juli 1942 wurden sie und ihr Bruder Oskar im allerersten Transport mit dem Zug vom Judendurchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert. Dort wurden beide im September 1942 getötet. Einige Jahre später kamen auch ihre Eltern Julius und Emma sowie ihr jüngster Bruder Franz Joachim in Konzentrationslagern um.
Freiwillige Spenden der Benefiz-Veranstaltung kamen der Willi-Zaich-Stiftung zugute, der Katja Zaich vorsteht. Die 2010 von der Familie Zaich und dem "Aktionskreis Kronacher Synagoge" ins Leben gerufene Stiftung setzt sich für den Erhalt der Synagoge ein und fördert die Aktivitäten des Aktionskreises. Laut Schriftführer Dietmar Lang habe man schon einiges Geld ansammeln und Projekte mitfinanzieren können - so insbesondere die Ausstellung "Die Bambergers". "Die Kasse unserer Stiftung ist jetzt leer", bedauerte er. Dringend müsse neues Geld aufgebaut werden, weswegen man auf Spenden und Unterstützung angewiesen sei.