Kommt eine neue Realschule nach Pressig? Sollte sie noch weiter in den Norden? Braucht es gar keinen neuen Standort? Oder wird gar über die falsche Schulart diskutiert? Seit Jahren macht sich die Politik Gedanken über Sinn und Möglichkeiten einer weiterführenden Schule im nördlichen Landkreis. Der Höhepunkt in dieser Diskussion - für manchen eher ein Tiefpunkt - war die kürzliche Probeeinschreibung für eine neue Realschule in Pressig, mit der sich nun die SPD-Kreistagsfaktion intensiv beschäftigt.

Dass nur 16 von 41 Kindern aus sieben Kommunen im nördlichen Landkreis Interesse gezeigt hatten, ist für die SPD ein Signal. "Nachdem das Angebot offensichtlich von Eltern und Schülern nicht angenommen wurde, muss man das vorhandene Gutachten, das dies auch schon so vorhergesagt hatte, und alle Möglichkeiten noch einmal sachlich diskutieren", stellt SPD-Kreisvorsitzender Ralf Pohl in einer Presseerklärung fest.

Nach Ansicht von Richard Rauh sei generell bisher zu wenig mit den Betroffenen gesprochen worden. Deshalb bezog die SPD den Elternbeiratsvorsitzenden der Maximilian-von-Welsch-Realschule, Heiko Eichhorn, ein. Einstimmig habe sich sein Gremium gegen eine weitere Realschule in Pressig ausgesprochen, stellte Eichhorn fest. Der Grund: Schon jetzt sei es nicht einfach, die Vierzügigkeit an den beiden bestehenden Realschulen in Kronach aufrecht zu erhalten. Vereinzelt würden sogar schon Kombiklassen gebildet. "Wir wollten dem Projekt einer Realschule in Pressig, das von CSU und Kultusministerium vorgeschlagen war, keine Steine in den Weg legen", fasst Rauh die Meinung der SPD-Fraktion zusammen. "Aber wir waren von Anfang an skeptisch."


Viele Fragezeichen

Diese Skepsis gegenüber Pressig macht der Ludwigsstadter Bürgermeister Timo Ehrhardt am Standort fest. Pressig liege nicht nördlich genug, um für die Familien interessant zu sein. Die Zweige, die Lehrerbesetzung, die millionenschweren Kosten für einen Neubau - nach Ansicht der SPD gibt es (zu) viele Fragezeichen hinter der Idee einer Realschule für Pressig. "Wenn man wirklich eine weiterführende Schule direkt in der Rennsteigregion will, funktioniert eigentlich nur ein neuer Schultyp", bringt Ralf Pohl eine schon lange gehegte und ebenso lange an den staatlichen Vorgaben gescheiterte Forderung nach einer Gemeinschaftsschule im Norden erneut ins Gespräch.

Aus Sicht des CSU-Kreisvorsitzenden Jürgen Baumgärtner wird diese Vorstellung ein Wunschtraum bleiben. Die SPD solle endlich erkennen, dass sich Politik an Realitäten halten müsse und auf Sicht keine Mehrheiten für eine Gemeinschaftsschule zu generieren sei.


Entscheidung des Kreistags

Ebenso kritisiert er die grundsätzliche Haltung der SPD, was den Standort Pressig für eine neue Realschule betrifft. "Wenn's nach der SPD im Kreis gegangen wäre, hätten wir diesen Versuch nie unternommen", meint er.

Ob die Idee der Pressiger Realschule nun endgültig zu Grabe getragen werden muss? "Sie ist tot, wenn sie tot ist", antwortet der CSU-Kreisvorsitzende. Und so weit sei die Diskussion noch nicht. Allerdings räumt er ein, dass die Kinder aus dem Norden mehrheitlich lieber nach Kronach als in die Landkreis-Mitte fahren wollen.

Nächste Woche werde es erneut Gespräche mit der Schulleitung geben. Danach müsse gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Er ist sich sicher: "Die CSU wird einen Vorschlag machen." Im Endeffekt werde aber der Kreistag entscheiden.

Das Interesse der Familien müsse bei einer solchen Entscheidung im Mittelpunkt stehen. Einen Grund dafür, dass diesen Pressig nicht schmeckt sieht Baumgärtner darin, dass "viele Protagonisten sagen, Pressig sei nicht nördlich genug". Aber auch eine positive Veränderung auf einer anderen Schiene wirke sich hierbei aus: "Wir haben die Schülerbeförderung signifikant verbessert." Eine zweite Probeeinschreibung will Baumgärtner nicht ausschließen. Ebenso macht er sich Gedanken über einen Vorschlag des früheren Landrats Heinz Köhler (SPD), den Tettauern den Weg an die weiterführenden Schulen in Thüringen zu ebnen. "Wir wollten es zunächst auf dem bayerischen Weg versuchen, aber diese Idee hat's verdient, dass man sie prüft", räumt er ein.
Am Montag wird im Kreisausschuss wieder über das Thema diskutiert.


Kommentar von Marco Meißner


Nicht tot, aber auch nicht mehr am Leben

Im Leben sieht man sich immer zweimal, sagt eine Redensart. Was eine weiterführende Schule im nördlichen Landkreis angeht, scheint man sich im Sterben sogar noch öfter zu treffen. Als über das Schulzentrum in Kronach entschieden wurde, ist der Gedanke vor Jahrzehnten bereits zum ersten Mal zu Grabe getragen worden.

Das Thema "Schülerbeförderung und Schulstrukturen" stieg später pünktlich zu Wahlkampfzeiten immer wieder mal wie der Phönix aus der Asche. Doch die Lebensdauer dieser Idee scheint weiterhin überschaubar zu sein.

Der Gedanke an eine Gesamtschule gibt zwar ab und an noch Zuckungen von sich, doch die bayerische Medizin wird ihn nicht am Leben halten.

Besser schien es da lange Zeit für eine neue Realschule auszusehen. Die Geburtswehen hatten bereits eingesetzt. Aber: Nur wenn alle im Norden sagen würden, dass es eine gute Idee ist, könnte dieses "Kind" lebensfähig sein, hieß es seitens der Politik. Viele haben sich seelisch jedoch von diesem Plan längst verabschiedet.

Dieser gedankliche Wandel lässt sich durchaus nachvollziehen. Wer bis Pressig mit dem Zug fahren muss, dessen Schulweg ist nach Kronach zeitlich nicht viel länger. Wer in Pressig zur Realschule gehen will, weiß noch nicht, was ihn dort an Inhalt, Ausstattung oder Schulgemeinschaft erwartet. Wer möchte schon, dass die eigenen Kinder sich auf ein solches Experiment einlassen, über das selbst politisch Uneinigkeit herrscht? Es scheint also fast so, dass wieder die Schaufeln gezückt werden dürfen. Und vielleicht ist es nach einem Jahr ohne greifbarem Ergebnis auch an der Zeit dafür ...