Die Strecke von Kronach nach Coburg gehört bei Taxifahrern sicher nicht zu den unbeliebtesten Routen - schließlich hat das Taxameter auf der Fahrt zwischen Festung und Veste rund 40 Minuten Zeit, ein stattliches Sümmchen zusammenkommen zu lassen.

Dementsprechend erfreut dürfte auch Roland Angles vergangenen Mittwoch per Funk den Auftrag entgegengenommen haben, zwei Fahrgäste in die Nachbarstadt zu bringen. Doch in Gehülz war Schluss. Statt Coburg steuerte der 61-jährige Taxifahrer den Kronacher Kaulanger an. Den Sitz der Polizeiinspektion (wir berichteten).

Schrillende Alarmglocken

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Ein Entschluss, der ihn um rund 65 Euro brachte. Soviel hätte die Fahrt wohl gekostet. Seine Fahrgäste bewahrte er allerdings davor, einen hohen fünfstelligen Betrag zu verlieren. So viel Geld in Bar abheben? Weil der Enkel einen Unfall hatte? Der Schaden soll noch am selben Tag bezahlt und repariert werden? Drei Fragen, die bei Angles innerlich mindestens ebenso viele Alarmglocken schrillen und einen sich wiederholenden Gedanken aufkommen ließen: Enkeltrick!

Dabei erfuhr er erst durch Zufall vom Plan des schon betagteren Rentner-Ehepaars. "Ich frage nämlich nicht bei jeder Fahrt nach, wohin mein Fahrgast will, das geht mich ja schließlich nichts an", erzählt Angles. In diesem Fall habe er jedoch eine Ausnahme gemacht. Weil die Kronacher Raiffeisenbank gerade geschlossen habe, müssten sie nun unbedingt zur Coburger Filiale, erzählten ihm die beiden. "Da habe ich gesagt, dass sie doch auch bei einer anderen Bank Geld abheben können. Das kostet vielleicht Gebühren, aber die sind sicherlich nicht so teuer wie eine Fahrt mit dem Taxi von Kronach nach Coburg."

Zurück nach Kronach

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Nein, das reiche nicht, so das Ehepaar. Sie müssten deutlich mehr abheben als üblich. "Ich habe dann natürlich gefragt, wofür sie so viel Geld brauchen", sagt Angles. Die folgende Geschichte vom Enkel, der bei einem Unfall an einem teuren Auto einen erheblichen Schaden verursacht haben soll, kam dem Taxifahrer dann ziemlich bekannt vor. Aus dem Fernsehen, aus dem Radio, aus der Zeitung. "Ich habe die beiden dann überredet, mit mir zur Polizei zu fahren", erzählt der 61-Jährige.

Trotzdem sei er zunächst unsicher gewesen, ob er auch wirklich das Richtige mache. "Aber dann sagte ich mir, falls der Enkel wirklich das Geld braucht und es sich verzögert, dann bin ich halt schuld. Der Polizist war dann aber zum Glück genauso skeptisch wie ich."

Taxifahrer wie Angles seien inzwischen keine Ausnahme mehr, freut sich Alexander Czech, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Oberfranken: "Wir machen ja regelmäßig Aktionen zum Thema Enkeltrick, und inzwischen zeigen die auch Wirkung." Immer mehr Menschen seien schon für das Thema sensibilisiert.

Wie viele Enkeltrick-Fälle es im Kreis Kronach gebe, könne er aber nicht genau sagen, da es keine belastbaren Zahlen gebe. "Allerdings gibt es auch eine Dunkelziffer, weil manche Geschädigte aus Scham ihren Geldverlust gar nicht erst zur Anzeige bringen", gibt Czech zu bedenken. Diesmal konnte eine Anzeige erstattet werden, bevor es einen Schaden gab, gefasst wurden die Täter aber nicht. "Die Sache ist im Sande verlaufen", so Czech.

Gezielte Namenssuche

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Inzwischen sei gut zu beobachten, dass die Täter meist tageweise vorgehen. "Die telefonieren einen bestimmten Bereich ab, und dann ist wieder Funkstille, weil sie wissen, dass wir warnen", erklärt der Polizei-Pressesprecher. Ihre Opfer wählen die vermeintlichen Enkel meist über Telefonbuch-CD oder Telefonbücher aus, in denen sie gezielt nach Vornamen suchen, die auf ältere Jahrgänge schließen lassen. Wer Erna, Klara, Hedwig, Josef oder Alfred heißt, läuft verstärkt Gefahr, auf einer der Anruflisten der Täter zu landen. Die Polizei rät daher dazu, im Telefonbuch nur den Anfangsbuchstaben des Vornamens eintragen zu lassen.

In die Enkeltrick-Suppe spucken können allerdings nicht nur Taxifahrer. Zur meist letzten Hürde werden für die Betrüger die Angestellten bei Banken und Sparkassen. "Unsere Mitarbeiter sind angehalten, beim Kunden nachzufragen, wenn ihnen Transaktionen auffallen, die nicht zum Kunden passen", teilt die Sparkasse Kulmbach-Kronach mit.

Seien es hohe Abhebungen oder Überweisungen ins Ausland. "Wenn uns da etwas komisch erscheint, sprechen wir den Kunden darauf an."

Aber es sei immer noch das Geld der Kunden - und wenn dieser nicht sagen wolle, was er mit dem Geld vorhat, könne man leider nichts mehr machen. Intern gebe es weitere Sicherungsmaßnahmen, über die aus Sicherheitsgründen aber nicht gesprochen werden dürfe.

Erster Versuch

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Im Fall des Kronacher Rentner-Ehepaars hätte Taxifahrer Angles womöglich gar nicht eingreifen müssen - hätte es zuvor auf den Rat von Dorit Dauer gehört. Auch beim Taxiunternehmen ihres Mannes Karl-Heinrich hatte das Ehepaar angerufen, um einen Wagen für eine Fahrt nach Coburg zu bestellen. "Weil sie Stammkunden sind und ich sie kenne, haben sie mir erzählt, was sie vorhaben", erzählt Dauer, die an diesem Tag den Telefondienst übernommen hatte.

"Ich habe ihnen gesagt, dass das Betrug ist und sie es der Polizei melden müssen." Eigentlich habe sie gedacht, dass sie mit ihren Worten durchgedrungen sei. "Aber dann habe ich aus dem Radio erfahren, dass sie es wohl doch noch einmal probiert haben." Und konnten von Glück reden, dass sie an Roland Angles gerieten.

Enkeltrick: So reagieren Sie richtig

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Die Polizei hat konkrete Verhaltenstipps zusammengestellt, die Betroffene bei verdächtigen Anrufen unbedingt beachten sollten:

- Seien Sie misstrauisch, wenn sich Personen am Telefon als Verwandte oder Bekannte ausgeben und Geldforderungen stellen.

- Lassen Sie sich sowohl zeitlich als auch emotional nicht unter Druck setzen.

- Rufen Sie bei ihrem Enkel an und vergewissern Sie sich, ob dieser tatsächlich angerufen hat und Geld benötigt!

- Geben Sie keine Auskunft über Ihre familiären oder finanziellen Verhältnisse.

- Stellen Sie dem Anrufer gezielt Fragen nach seinem familiären Umfeld (nach dem Namen der Mutter oder dem Wohnort). Bestehen Sie auf die Beantwortung. - Halten Sie nach einem Anruf mit finanziellen Forderungen mit anderen Familienangehörigen Rücksprache. - Übergeben Sie niemals Geld oder Wertgegenstände an unbekannte Personen - auch nicht, wenn sie angeblich im Auftrag von Verwandten handeln. - Informieren Sie Verwandte, Bekannte und Kunden über die Betrugsform. - Informieren Sie die Polizei über den Notruf 110 sofort, wenn Ihnen etwas verdächtig vorkommt.