Zwölf Menschen sitzen am 6. Juni in einem Gasthaus in Neustadt bei Coburg zusammen und fassen den Beschluss, sich politisch zu engagieren. Auch wenn es sich um die Gründung eines Ortsverbands der AfD - und damit der umstrittensten deutschen Partei - handelt: An sich ist die Meldung aus dem Nachbarkreis für die Kronacher Politik nicht relevant.

Wären da nicht zwei Facebook-Einträge: Zunächst am Folgetag von Martin Böhm, dem AfD-Kreisvorsitzenden für Coburg/Kronach. Er schreibt: "Nach der Urabstimmung noch ein gelungener Stammtisch mit vielen neuen Gesichtern, unter anderem auch amtierenden Kronacher Stadträten."

Kronacher Stadträte als Gäste einer AfD-Veranstaltung, bei der auch ein Ortsverband gegründet wurde? Das war der Frankenwald-CSU am späten Montagabend, mehr als eineinhalb Wochen danach, eine offizielle Reaktion wert - wiederum via Facebook: "Die Frankenwald-CSU distanziert sich ganz klar und entschieden von der AfD und jeder Form von Sympathiebekundungen zu dieser. Wir stellen fest: es waren selbstverständlich keine Stadträte der Kronacher CSU-Fraktion."

Am Dienstag konfrontierte die Redaktion Martin Böhm mit seinen Äußerungen. "Es ist ganz normal, wenn politische Mitbewerber vernünftig über Themen diskutieren und ihre Positionen austauschen", meint Böhm, Landtagsdirektkandidat in Coburg. Die Frage, ob und welche Kronacher Stadträte vor Ort waren, beantwortete er nicht.

Auch Detlef Rauh, AfD-Direktkandidat für Kronach-Lichtenfels, sagt nichts. "Ich weiß nicht, ob ein Kronacher Stadtrat dort war. Wenn ich es wüsste, würde ich es auch nicht sagen." Rauh kenne die meisten Stadträte nicht, und er habe den Beitrag nur wegen der Gründung des Ortsverbands geteilt. Die Diskussion um die Anwesenheit der Stadträte versteht er nicht. "Bei uns ist jeder eingeladen, mitzudiskutieren. Und ich selbst gehe auch auf Veranstaltungen anderer Parteien."


"Würde ausgeschlossen werden"

Jonas Geissler, CSU-Fraktionsvorsitzender im Kronacher Stadtrat, schloss am Dienstag nochmals aus, dass es sich um Stadträte seiner Partei handeln könnte. "Ich habe alle gefragt, sie haben es verneint. Wir wissen nicht, ob die Aussage der AfD stimmt. Wenn ja, ist das aber ein starkes Stück. Die AfD betreibt Populismus jenseits der Grenze des Erlaubten." Wäre ein CSU-Stadtrat dort gewesen, würde man versuchen, ihn aus der Partei auszuschließen.

Jürgen Baumgärtner, Landtagsabgeordneter und CSU-Kreisvorsitzender, verteidigt den Eintrag seiner Partei, der dafür gesorgt hat, dass das Thema die Runde machte. "Wenn ich mir eine reine Infoveranstaltung anhöre, ist das etwas anderes. Dort wurde aber ein Ortsverband gegründet. Davon distanzieren wir uns ganz klar."

Ralf Völkl, Fraktionsvorsitzender der SPD sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand aus unserer Fraktion dort war. Beide Parteien haben ja keine politischen Gemeinsamkeiten." Zwar könne er die Motivation nachvollziehen, sich einmal anzusehen, was die machen. "Wir sind uns in der Fraktion aber alle einig, dass es keine politische Zusammenarbeit mit der AfD geben kann." Ohnehin müsse es das Ziel sein, dass die AfD überflüssig wird.

Die Stadträte Peter Witton (Grüne) und Martina Zwosta (Frauenliste) waren am Dienstagabend nicht erreichbar. Wie aus politischen Kreisen verlautet, distanzieren sie sich klar.


Anwesenheit nicht abgefragt

Differenzierter klingt Michael Zwingmann. Der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler habe sich von seinen Kollegen bestätigen lassen, dass "keiner der Gründung beigewohnt" habe. Nicht ausschließen könne er, dass ein FW-Politiker bei dem Stammtisch danach dabei war. "Ich konnte noch nicht alle abfragen", begründet er. Dies will er nachholen. Er sagt: "Vom Grundsatz her muss man jedem Menschen zugestehen, sich zu informieren, auch wenn das bei einer rechtspopulistischen Partei nicht so gut ist."


Kommentar von Redaktionsmitglied Marco Meißner: Stilbruch oder Effekthascherei?

Was bin ich? Wie in dieser alten Rateshow fühlte sich gestern die Redaktion.
Angeblich hatten Kronacher Stadtratsmitglieder bei der AfD im Nachbarkreis vorbeigeschaut. Interessant, wo doch alle Parteien immer wieder predigen, der AfD die Legitimation, die Mitarbeit und die Beachtung im politischen Tagesgeschäft verweigern zu wollen. Warum es dann trotzdem zu einer Stippvisite gekommen sein soll, wollten unsere Reporter erfahren. War es ein zufälliges Zusammentreffen, ein Beobachten der Mitbewerber oder wollte man mit ihnen ein Bierchen trinken?
Aber da stellte sich schon die nächste Frage. Die lautete frei nach Robert Lembke: Welches Schweinderl hätten's denn gerne? Die Hinweise: Von der CSU war's keiner, von der SPD war's keiner, ... Sollte sich nach diesen Aussagen doch noch herausstellen, dass sich ein Stadtrat (heimlich) nach Neustadt verirrt hatte, würde das ein seltsames Bild abgeben.
Auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach der Intention der AfD. Erst mit dem angeblichen Besuch hausieren gehen, auf Nachfrage aber keine Farbe bekennen - das klingt nach Effekthascherei.