Am 11. November 1918 schwiegen die Waffen. Der Erste Weltkrieg endete. Er hinterließ nicht nur in der Ferne an der Front und im Staatswesen der Verlierer Spuren, sondern auch in der Heimat der Soldaten, beim "kleinen" Bürger.

Alexander Süß, der Museologe der Stadt Kronach, zeigt Stücke aus dem damaligen Leben, die Geschichten und Geschichte erzählen. Er berichtet von einer anfangs gewinnbringenden Rüstungsproduktion und einer glücklichen Begebenheit, ebenso von Toten und Verletzten und der späteren Notlage: "Es war schlimm auf dem Land. Die Menschen waren ohnehin nicht wohlhabend, die Männer fehlten und die Lebensmittel wurden knapp."

Auf Krieg umgeschaltet

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Die heimischen Betriebe mussten auf den Beginn des I. Weltkrieges reagieren. In so mancher Firma, die zuvor zivile Güter hergestellt hatte, legten die Verantwortlichen den Hebel auf Kriegsproduktion um.

Ein Beispiel hierfür ist die frühere Maschinenfabrik Endres, die plötzlich Hülsen für Granaten fertigte. Alexander Süß liest in seinen Quellen von "200 Granaten und Schrapnells", die das Werk täglich verließen. Das Gebäude am Zusammenfluss der Haßlach und der Kronach wurde aus dem gleichen Grund auch als "Granatenvilla" bezeichnet. Die ganze Region, die unter anderem für ihre Korbwaren bekannt war, lieferte plötzlich Geschosskörbe (im Bild), Uniformen und Bretter für Schützengräben an die Front. Zu Beginn des Krieges wurde damit auch ordentlich Geld verdient.

Menschen improvisieren

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So schnell ab 1914 für den Krieg produziert wurde, so schnell fanden die Menschen 1918 wieder zum Alltag in Friedenszeiten zurück - wenn auch im Zeichen der Niederlage unter erschwerten Umständen.

"Noch vor Kriegsende wurde die Produktion wieder auf Frieden umgestellt", berichtet Alexander Süß. Wo in den Jahren zuvor oft die Frauen und Kinder die Plätze der als Soldaten dienenden oder gefallenen Männer einnehmen mussten, um Geld und Brot für das tägliche Leben zu erwirtschaften, kehrten nun die Überlebenden des Krieges zurück. Der Arbeitsmarkt in der Region konnte sie gut aufnehmen, weshalb die Lage verhältnismäßig ruhig blieb. Dabei hatte es im Vorfeld bereits Gespräche für die Bezirke Kronach und Teuschnitz gegeben, wie die Leute im Feld wieder in das zivile Leben eingegliedert werden können, um Unruhen zu verhindern. Die Demobilisierung gelang jedoch friedlich, die Stahlhelme wurden gegen Arbeitskleidung getauscht.

Dennoch war es eine sehr schwere Zeit. Weil viele Güter und Rohstoffe während des Krieges an die Front gebracht worden waren, "musste man hier improvisieren", so Süß. Hinzu kam, dass der Kronacher Raum im Jahr 1918 neben dem verlorenen Krieg auch unter Ernte-Ausfällen Brennstoffmangel, einer schweren Grippe-Epidemie und der Hundetollwut litt. In dieser Zeit der "Verknappung an allem, was eine moderne Gesellschaft ausmacht," waren Schmuggel, Schwarzmarkt und Schwarzschlachtungen in der Region gang und gäbe. Es ging darum, über die Runden zu kommen.

Mit Nägeln die Not lindern

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Eine Mark kostete ein gewöhnlicher Nagel, der in das Eiserne Wappen geschlagen wurde, die versilberten und vergoldeten waren teurer. Trotz der schwierigen Lage kauften die Kronacher Bürger die Metallstifte, um damit ihr Stadtwappen nachzubilden. Das Geld sollte dazu beitragen, die Not zu lindern.

An allen Sonn- und Feiertagen konnte genagelt werden. Die Einnahmen aus dem Verkauf kamen den Invaliden und den Hinterbliebenen zugute. Davon gab es viele, weil dieser Krieg ein anderes Gesicht zeigte als vorangegangene Konflikte. "Es war ein Industriekrieg mit Waffen, die man so noch nicht kannte. Ich meine damit, er war Menschen vernichtend, eine Materialschlacht", erklärt Museologe Süß.

Waffe fängt die Kugel ab

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Ein Bild, ein Schreiben und ein zersplittertes Bajonett mit durchlöcherter Scheide erinnern bis heute an ein Ereignis, das für einen Kronacher Soldaten einen Glücksfall bedeutete. Der Bäcker Georg Pfaffenberger war im Ersten Weltkrieg an der Front. Der Jäger der Landwehr geriet unter Beschuss und wurde getroffen.

Zur damaligen Zeit hätte ihm der Einschuss das Bein kosten können. Doch die Kugel traf ihn genau an seinem Seitengewehr, wie die Bajonette seinerzeit genannt wurden. Sie durchschlug die Scheide und ließ das Metall der Klinge zersplittern, doch Georg Pfaffenberger kam ohne ernsthafte Verletzung davon und lebte bis ins Jahr 1963. In einem Schreiben eines Vorgesetzten aus Aschaffenburg aus dem Dezember 1914 wurde dem Kronacher offiziell erlaubt, diese Waffe privat behalten zu dürfen.

Andere Soldaten hatten weniger Glück. Viele Kronacher kehrten nicht oder nur schwer verletzt heim. Die modernen Waffen hinterließen grausame Spuren - körperlich wie psychisch. Museologe Alexander Süß erinnert an die "Kriegszitterer", die nach den Erlebnissen an der Front ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle brachten, und an Überlebende, denen der Kiefer oder das ganze Gesicht weggeschossen worden war.

Da nicht alle Verletzten in Frontnähe versorgt werden konnten, kamen viele auch in andere Gebiete Deutschlands. In den Kriegstagen gab es deshalb in Kronach drei Lazarette: im Distriktkrankenhaus, im Saal des katholischen Arbeitervereins (heute Kettelerhaus) sowie im ehemaligen Goldenen Wagen.

Gefangene und Geldstücke

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In einer kleinen Holzkiste bewahrt Alexander Süß Geldstücke auf. Die silbergrauen Münzen sind teilweise noch in Packpapier gerollt und zugebunden. Auf einem der Papiere steht "Rosenberg", in einer alten Handschrift geschrieben. Solche Münzen waren auf der Festung im Umlauf. Doch nicht die Kronacher zahlten dort damit, sondern Kriegsgefangene.

"Sie hatten ihre eigene Währung, aus Zink geprägt", erklärt Alexander Süß. Den Gefangenen in Kronach ging es den Umständen entsprechend gut. Sie waren Offiziere, die ihrem Rang gemäß mehr Freiheiten genossen als andernorts die Kriegsgefangenen aus dem Mannschaftsstand. Ab 1915 wurden die Gefangenen aus Großbritannien, Frankreich und dem zaristischen Russland auf der Festung untergebracht. Unter ihnen taucht ein berühmter Name auf: Charles de Gaulle. Zweimal versuchte der spätere Staatspräsident Frankreichs, damals noch Hauptmann, vergeblich die Flucht. Darauf wurde er verlegt.

Einerseits sahen die Einheimischen die Unterbringung der Gefangenen in Kronach positiv. Sie versprühte den Hauch des Sieges. Andererseits sorgte die gute Behandlung der ausländischen Offiziere für Unmut in der Bevölkerung, die sich teilweise schlechter versorgt fühlte als die Gefangenen auf der Festung.

Nicht nur im Gefangenenlager gab es das Notgeld aus Zink. Auch in Kronach selbst hielten solche Münzen mit der Zeit Einzug. Die Metalle der herkömmlichen Münzen galten nämlich als hochwertiger, weshalb sie für Kriegszwecke einbehalten wurden. Fünf-, Zehn- und 20-Pfennig-Stücke aus Zink wurden in Kronach in Umlauf gegeben.