Der Volkstrauertag ist eigentlich ein ganz besonderer Tag des Erinnerns an die Opfer von Krieg und Gewalt. Ein Tag zum Innehalten, ein so genannter "stiller Tag". Jubel und Blasmusik sind da normalerweise verpönt. Nicht so am 19. November 1989, denn da öffnete sich das Tor im Metallgitterzaun der bestens abgesicherten und bewachten DDR-Grenze bei Heinersdorf.

Für den ehemaligen Pressiger Bürgermeister Georg Konrad wird dieser Volkstrauertag unvergesslich bleiben, denn er pendelte zwischen Kranzniederlegungen, Begegnungen mit DDR-Bürgermeisterinnen und Jubel am Grenzzaun hin und her. Konrad, der gerade an einer Chronik seines Heimatorts Welitsch arbeitet, hat den Fränkischen Tag vom 20. November 1989 aufgehoben, in dem die Grenzöffnung des Vortags dokumentiert worden ist.

Ein sonniger Sonntag
Am Volkstrauertag 1989, einem sonnigen Sonntag, lag das Erzwingen der Öffnung des Metallgitterzauns bei Heinersdorf in der Luft, erinnert sich Konrad. Die Leute wollten "rüber und nüber", zu Fuß allerdings. An einen Grenzübergang für Autos, der kurze Zeit später eingerichtet wurde, war gar nicht gedacht. Doch ähnlich wie eine Woche zuvor am Falkenstein überschlugen sich auch bei Welitsch die Ereignisse. Nach dem Gottesdienst in Pressig stand die Judenbacher Bürgermeisterin Margit Trott mit Familie vor der Kirche. Sie war über einen der wie Pilze aus dem Boden sprießenden Übergänge gekommen und traf sich zum Gespräch mit ihrem Pressiger Kollegen Konrad.

Gemeinsam wollte man kurz nach Mittag schauen, was sich bei Heinersdorf tat, aber es gab kein Durchkommen. Die Straße bis zur Grenze und der parallel verlaufende landwirtschaftliche Weg waren total zugeparkt. Hunderte von Frankenwäldern riefen den DDR-Grenzern "Macht das Tor auf!" zu. Also fuhren Konrad und Margit Trott auf den Berg und blickten von dort auf die Menschenmassen an der Grenze. Dort stand der ehemalige Grenzpolizist Manfred Ziereis und bat per Megafon, doch bitte keine Grenzverletzung zu begehen, denn die weiß-blauen Pfähle markierten den Grenzverlauf. Der Metallgitterzaun war zig Meter auf DDR-Territorium zurückgesetzt. Ein Überschreiten der Linie zwischen den weiß-blauen Pfählen hätte deshalb eine Grenzverletzung dargestellt.


Uniformträger weggedrückt
Der Musikverein Pressig hatte mit den Musikerkollegen aus Heinersdorf vereinbart, dass man gemeinsam mit Musik auf die Grenzanlagen zumarschieren wolle. Und so machten sich auch die Heinersdorfer Bürger mit ihrer Blaskapelle gegen 14 Uhr des 19. November 1989 auf den Weg zum Metallgitterzaun. Doch man traf auf eine Kette von Uniformträgern, die sich weigerten, den Weg freizugeben. "Drücken!", lautete das leise Kommando auf Heinersdorfer Seite - und die Staatsmacht musste sich im wahrsten Sinne des Wortes dem Druck der Bürger geschlagen geben. Die Heinersdorfer sah man von westlicher Seite erst, als sie am ersten der beiden Metallgitterzäune angekommen waren. Ab diesem Augenblick gab es kein Halten mehr - auf beiden Seiten!

Der Jubel war grenzenlos und unbeschreiblich, als sich die Heinersdorfer und Welitscher umarmen konnten. Viele der älteren Mitbürger kannten sich noch von früher, denn es gab viele freundschaftliche und verwandtschaftliche Verbindungen.


Feier im Kulturhaus
Zunächst war an eine zweistündige Öffnung des Übergangs für Fußgänger gedacht, aber damit gab sich das Volk nicht zufrieden. Die letzten Welitscher sollen von der Wiedersehensfeier im Kulturhaus von Heinersdorf erst am Montag im Morgengrauen nach Hause gelaufen sein - und die Grenze war immer noch auf! In kürzester Zeit wurde der Übergang auch für Autos passierbar gemacht, Kontrollstellen wurden eingerichtet. In den Baracken befindet sich jetzt die Gedenkstätte Heinersdorf/Welitsch.