Eigentlich war es mehr ein Krächzen, als ein sonorer angenehmer Ton, den der Türmer Thomas Baier seinem Horn bei der ersten nächtlichen Turmführung entlockte. Doch das lag einfach nur daran, dass die Nacht extrem heiß war, dass der Türmer ein bisschen aufgeregt bei der Premiere war und dass der Mund einfach zu trocken war. Außerdem funktioniert so ein Türmerhorn natürlich auch nur, wenn es dunkel ist, stellte der Türmer dann im Verlauf der Nacht unter Beweis. Wochenlang hat Thomas Baier in den Archiven für seine neue Führung geforscht. Und er hat viel Wissenswertes über Kronachs Türme gefunden. Im echten Türmeroutfit, gerüstet mit Laterne und Hellebarde, lud er zur ersten Türmerführung durch Kronach ein. Die Führung ist erst einmal nur als Gruppenführung im Sommer buchbar, erklärte Betriebsleiterin der Tourist-Information Kronach Kerstin Löw. "Aber später wollen wir diese Führung auch als Individualführung anbieten", so Löw. Und während auch Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein gespannt auf den nächtlichen Rundgang war, zündeten der Türmer kleine Laternchen für alle Teilnehmer an. Denn alles sollte stilecht sein.

So ein Türmer hatte es einst nicht leicht in Kronach. Denn er musste wachen, wenn die anderen sich zur Ruhe begeben hatten. Die Türmer mussten die Uhrzeit ansagen, sie mussten die Tore schließen und sie mussten auch auf die Felder aufpassen. Außerdem wachten sie darüber, ob ein Brand ausbricht - und im Fall des Falles mussten sie sogar die Löschketten organisieren. Die Türmer waren für die Uhrzeit zuständig, sie mussten die Zecher um kurz vor zehn Uhr nachts aus der Stadt befördern. Denn schließlich wollten die Bewohner der Oberen Stadt irgend wann ihre Ruhe. Und um punkt zehn Uhr nachts gingen die Tore zu. Wer dann in Kronach war, musste bleiben.

Thomas Baier ist ein Stadtführer mit Leib und Seele. Für die Türmerführung hat er sich viel Mühe gemacht. Kurzum: die Teilnehmer der Türmerführer fanden den Türmer richtig gut. Obwohl das früher sicherlich anders war. Denn Türmer gehörten wie Henker und Totengräber zum lichtscheuen Gesindel und waren nicht sonderlich hoch angesehen.

In Kronach gab es übrigens bis ins 20. Jahrhundert Türmer, einige Kronacher erinnerten sich sogar noch an die Turmbewohner. Und die Türmer wurden auch Stadtpfeifer oder Flurer genannt.
Die Turm-Route führte übrigens von der Ehrensäule durchs Bamberger Tor zur alten Büttelei, zum Storchenturm und natürlich auch zum Stadtturm und zum Hexenturm. Und schließlich führte die Route durchs Strauer Tor wieder zurück. Am Strauer Torturm ist übrigens das Wappen von Friedrich von Aufseß angebracht - er wurde im 15. Jahrhundert erbaut.
Unterwegs hatte der Türmer viele geschichtliche Details parat und verblüffte die Kronacher immer wieder mit historischen Details, mit alten Bildern, mit viel Wissen aus den Archiven der Stadt. Die ältesten Wächter waren übrigens keine Türmer, sondern Gänse. Denn sie fungierten schon 387 vor Christus als Wächter und sorgten bei der berühmten Schlacht an der Allia dafür, dass die Römer die Gallier, die in die Stadt eindringen wollten, rechtzeitig bemerkten und sich verteidigen konnten.
Die Turmführung zählt gerade mal 1273 Schritte, das macht exakt 1,6 Kilometer aus.