Natürlich fallen zunächst die vielen Baustellen auf: Unentwegt rollen auf dem Steinbacher Firmengelände der Wiegand-Glas Unternehmensgruppe Bagger hin und her, während Presslufthammer die Geräuschkulisse dominieren. Hier wird gehämmert, da wird geschraubt.
Es ist noch nicht lange her, als der Steinbacher Behälterglashersteller für sein Pilotprojekt "Filterstaubhaus" zur energieeffizienten und innovativen Aufbereitung von Abfallprodukten in der Glasherstellung vom Staatssekretär des Bundesumweltministeriums, Florian Pronold, einen Förderbescheid in Höhe von 1,3 Millionen entgegennahm (wir berichteten). Der Politiker begründete dies damit, dass mit dieser Investition ein wichtiger Beitrag für den Umwelt- und Klimaschutz geleistet wird.


Schlüsselprojekte

Umwelt, Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Innovation - das sind Ziele, welche die Unternehmensführung schon seit Jahren verfolgt. "Wir müssen uns weiterentwickeln und auch bestimmte Risiken eingehen, denn sonst verpassen wir die Chancen, die sich daraus ergeben", betont Geschäftsführer Oliver Wiegand. Zusammen mit seinem Cousin Nikolaus Wiegand führt er seit 1996 das Familienunternehmen inzwischen in vierter Generation.

Damit die Firma auf dem passenden Kurs bleibt, um auch von der nächsten Generation geführt zu werden, gibt es nicht nur einen "Fünf-Jahres-Plan", sondern auch zahlreiche "Schlüsselprojekte", die bis 2022 umgesetzt sein sollen. Der Plan beinhaltet ein millionenschweres Investitionsprogramm.
Neben dem Filterstaubhaus im Steinbacher Werk wird gerade ein neues Gemengehaus gebaut, in dem zukünftig Rohstoffe gelagert und wieder aufbereitet werden sollen. Weiterhin werden permanent bei der erst vor wenigen Jahren in Betrieb genommenen Altglasaufbereitungsanlage Optimierungen vorgenommen, mit dem Ziel, die Scherbenqualität noch weiter zu verbessern und den Anfall von Abfall zu reduzieren.
Schon jetzt gilt Wiegand-Glas als Weltmeister des Scherbe neinsatzes bei der Behälterglasproduktion. Der Altglasanteil beträgt bis zu 97 Prozent. Die in diesem Jahr neu in Betrieb genommene Abgasreinigung setzt neue Maßstäbe bei den Emissionen. Weiterhin ist man auch dabei, ein Notstromkonzept zu entwickeln, um der durch den verhinderten Leitungsbau schlechter werdenden Versorgung Rechnung zu tragen.


Neues Glaswerk

Ein neues Glaswerk mit zwei Schmelzwannen wird am Standort in Schleusingen entstehen. Beginn der Baumaßnahmen soll Ende September 2018 sein. Die Inbetriebnahme ist für das letzte Quartal 2019 geplant. Die Investition sei notwendig, da in dem jetzigen Glaswerk aus DDR-Zeiten eine moderne effiziente Glasfertigung nicht möglich ist, erklärt Oliver Wiegand.
Auch im benachbarten Glaswerk Ernstthal wird investiert. Hier spricht Wiegand von einer Kapazitätserweiterung an der Schmelzwanne 3, von einer neuen Verpackungs- und Lagerhalle sowie von neuen Sozialräumen und Büros.

Am Standort Großbreitenbach werden derzeit zwei neue Lagerhallen, eine Kfz-Werkstatt und ein neues Logistikgebäude mit Sozial- und Ruheräumen für Lkw-Fahrer fertigstellt. Weiterhin investiert die Geschäftsführung dort in eine Energieversorgungszentrale. Damit soll das Unternehmen unabhängiger von Stromunterbrechungen werden.


Hoher Umsatz

Bei der PET-Verpackungen GmbH Deutschland in Großbreitenbach wird derzeit eine Kunststoffrecyclinganlage geplant - mit Ziel, den Recyclinganteil von derzeit knapp 30 Prozent auf über 50 Prozent zu steigern. All diese Investitionen sollen laut Wiegand zusätzlich zu den Wannenbauten und anfallenden Reparaturen durchgeführt werden. Was die genaue Investitionssumme betrifft, hält sich der Geschäftsführer allerdings bedeckt. Der Jahresumsatz der Gruppe beträgt rund eine halbe Milliarde Euro pro Jahr.
Acht Millionen Flaschen werden täglich in den Glaswerken der Wiegand-Glas-Unternehmensgruppe in Steinbach, Großbreitenbach, Schleusingen und Ernstthal produziert. Hinzu kommen täglich mehr als sieben Millionen spritzgegossene Vorformen der bekannten PET-Flasche und bis zu einer Million PET-Behälter.

Der Transport der Behälter erfolgt derzeit ausschließlich über die Straße. Rund 300 Lkw voll beladen nur mit Glas- und Kunststoffprodukten, verlassen täglich die Produktionsstandorte. Ein Transport über die Schiene ist wegen mangelndem Bahnanschluss derzeit nicht möglich. Absatzprobleme hat das Unternehmen momentan keine. Im Gegenteil: "Der Sommer ist der beste Verkäufer", freut sich Oliver Wiegand.


Branche im Wandel

Seit er mit seinem Cousin die Leitung übernommen hat, habe er einen Wandel erlebt: den Trend, weg von Glas, hin zu Kunststoffflaschen bei Wasser und Softdrinks, die Veränderung der Branche, die Entwicklung der Fertigungsprozesse, das Auslandsinvestment bei Nampak Wiegand Glass in Südafrika. Und auch die Veränderung, was die Fachkräfte betrifft. Die Zeiten, als sich die Bewerbungen auf dem Schreibtisch des Personalchefs stapelten, seien vorbei.

Für Bürgermeister Thomas Löffler gehören Wiegand-Glas und Steinbach fest zusammen. Er weist darauf hin, dass das Unternehmen nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber ist, "sondern sich auch mit vielen Projekten in der Region engagiert".


Wichtiger Arbeitgeber

Mittlerweile hat auch bei Wiegand-Glas der Kampf um die Fachkräfte und Auszubildenden begonnen. Derzeit sind rund 2000 Mitarbeiter in der Wiegand-Glas Unternehmensgruppe beschäftigt, darunter 570 in Steinbach.

Wiegand-Glas ist somit auch für die Gemeinde Steinbach am Wald nicht nur der wichtigste Arbeitgeber, sondern auch der wichtigste Steuerzahler. Hinzu kommen noch die "indirekten Arbeitsplätze", beispielsweise im Handwerk und in der Gastronomie.

Auszeichnung: "Oscar" der Glasbranche für Oliver Wiegand

Der Geschäftsführer von Wiegand-Glas, Oliver Wiegand, wurde dieses Jahr zur "Glass Person of the Year" nominiert und wird mit dem "Phoenix Award" ausgezeichnet. Letzterer ist eine Auszeichnung in der Glasbranche, die mit dem Oscar in der Filmbranche vergleichbar ist. "Ich war sehr überrascht", erzählt Oliver Wiegand über den Moment, als er durch das Phoenix-Komitee von seiner Nominierung erfuhr. "Es ist eine große Ehre, diese Auszeichnung zu erhalten!" Verliehen wird diese einmal im Jahr an weltweit eine Person, die besonderes auf dem Gebiet der Technologieentwicklung, Innovation oder Herstellung von Glas geleistet hat.

Preisträger in den vergangenen Jahren waren nicht nur Persönlichkeiten aus der Glasindustrie sondern auch Wissenschaftler, Künstler oder Architekten, die sich um den Werkstoff Glas verdient gemacht haben. Wiegand hat sich bei Forschungs- und Entwicklungsprojekten im Glasbereich und bei innovativen und umweltfreundlichen Technologien in der Fertigung weltweit einen Namen gemacht, schreibt das Phoenix Komitee in seiner Begründung. Bei Wiegand-Glas werden viele neu entwickelte Anlagen und Technologien sowie modernste Umwelttechnologien eingesetzt, um die strengen deutschen Umweltstandards einzuhalten.

Die Verleihung findet am 5. Oktober in Konstanz (Baden-Württemberg) statt. Dazu werden Vertreter aus der Glasbranche, Wissenschaft und Forschung aus der ganzen Welt erwartet.