Es ist nicht viel los im Ludwigsstadter Fitnesscenter. Eine Handvoll Gäste trainiert an den Geräten, macht eine kurze Pause am Tresen oder im Massagestuhl. Zur Ruhe kommt Harun-Veysel Elkol dennoch nicht. Der Betreiber des K-Fit muss sich um zwei Neulinge kümmern. Er flitzt hin und her zwischen den Geräten, hat ihren Trainingsplan im Blick und gibt ihnen Tipps. "Wieviel Gewicht hast du?", fragt er den einen. "Acht", antwortet dieser. "Acht?", fragt Elkol erstaunt, zieht die Mundwinkel nach unten und nickt. "Ok, Respekt."

Vor 15 Jahren hat er angefangen, hier zu arbeiten. Damals war er noch ein unbekannter Karate-Kämpfer. Heute hat er Fans in der ganzen Welt. Der 47-Jährige ist mittlerweile neunfacher Karate-Weltmeister. Schon vor Jahren wollte er seine Karriere beenden. Weiter gemacht hat er trotzdem.

"Es ist eine Sucht", gibt er zu. "Wenn du in die Halle gehst, wenn du dort angefeuert wirst von 2500 Fans, Leute aus der ganzen Welt triffst, die dich dann nach deinem Trainingsanzug fragen", schwärmt er von der Weltmeisterschaft. Die Nationen laufen nach Alphabet wie bei Olympia in die Halle ein. "Ein Wahnsinnsfeeling! Du schwebst einfach nur. Bei vielen Kämpfen weiß ich gar nicht mehr, wie ich sie gewonnen habe."

Die letzte Weltmeisterschaft

Nun soll aber wirklich Schluss sein. Ab heute nimmt er bis zum 21. Oktober an der Weltmeisterschaft der World Kickboxing and Karate Union (WKU) in Bregenz teil. Sein Ziel: "Ich will auf jeden Fall noch die Zehn voll machen."

In Österreich wird er in den Klassen Ü35 und Ü45 bis 70 Kilogramm antreten. Seine Chancen auf einen Titel schätzt er 50:50. "Ich weiß, dass ich die Fähigkeiten dazu habe. Ob ich es mental schaffe, das ist eine andere Frage. Du selbst bist immer dein größter Gegner und darfst dich nicht aus der Ruhe bringen lassen."

Das wurde ihm gerade bei der WM 2018 bewusst. Mit Ischiasproblemen war er nach Athen gereist. Im Halbfinale lag er gegen einen Österreicher haushoch vorn. "Ich wollte ihn noch fegen, aber plötzlich zieht es. Ich konnte nicht mehr", erinnert sich Elkol. "Ich habe dann alles auf eine Karte gesetzt und den letzten Punkt gemacht. Danach lag ich am Boden und habe mein Bein gehalten. Ich war fertig. Und am nächsten Tag war das Finale." Durch die Behandlung des Physios und die Unterstützung des Bundestrainers Harald Rögner wurde er rechtzeitig wieder fit - und holte Titel Nummer 9. "Das war für mich die schwerste WM."

Der Mentor Harald Rögner

"Die Chancen sind auf jeden Fall da, dass er den Titel verteidigen kann", sagt Harald Rögner. "Wobei es bei ihm immer eine Kopfsache ist. Er braucht eine starke Hand hinter ihm, einen lauten energischen Impuls, damit er das rauslässt, was er wirklich kann. Er kann vieles, sonst hätte er das alles nicht erreicht. Aber er braucht immer einen Tritt in den Arsch."

An Elkol schätzt der Bundestrainer aus Ebern (Kreis Haßberge) - neben seiner Grundgeschwindigkeit und seinem guten Auge im Kampf - besonders seine menschliche Art und Loyalität. "Ich lege im Nationalteam viel Wert darauf, dass die Leute loyal und auch sozial sind. Ich kann keine Individualisten brauchen, sondern Leute, die zusammenhalten", betont er.

Rögner war es auch, der den zweifachen Vater Elkol nach einer längeren Verletzungspause im Jahr 2008 davon überzeugte, wieder an Wettkämpfen teilzunehmen. Zusammen gründeten sie den Deutschen Budo-Verband (DBV). 2010 fuhr Elkol erstmals zu einer Weltmeisterschaft nach Schottland. Ein Jahr später holte er in Karlsruhe seine ersten beiden Titel.

Eine weitere Herausforderung

In Bregenz ist Elkol diesmal auch als Trainer gefragt. Neben dem Kleintettauer haben sich mit Dorin Adam, Leon Fehn und Nico Büttner noch drei weitere Kämpfer des Shotokan Karate Rennsteig für die Wettkämpfe qualifiziert und gehen dort für die Kampfsportschule Rögner an den Start. "Ich will natürlich auch sie zum Erfolg führen. Die mentale Belastung ist da aber sehr hoch, wenn du noch drei andere betreuen musst. Das habe ich schon bei den Qualifikations-Turnieren gemerkt", sagt Elkol.

Im Coachen sieht der 1,72 Meter große Kampfsportler seine Zukunft. Nach der WM will er diese Rolle vermehrt ausüben, aber nicht nur als Fitness- und Karatetrainer. Als Mentalcoach möchte er "die Menschen auf den Weg zu ihrem Ziel begleiten", erklärt er. "Ich möchte mein Wissen einfach weitergeben und Hilfestellungen fürs Leben geben."

Und wenn es mit dem zehnten Titel doch nicht klappt? Kommt dann erneut der Rücktritt vom Rücktritt? "Das ist die einzige Variable", sagt Elkol. "Aber ich denke schon, dass ich aufhören werde. Wenn es nicht reicht, dann reicht es halt nicht."