Seine Karriere wollte Harun-Veysel Elkol längst beenden. "Ich mag keine Wettkämpfe, bin eher der lockere Typ, wie Thomas Müller", erklärt der gebürtige Türke, der privat Auseinandersetzungen schlichtet, bei der Karate-Weltmeisterschaf aber keine Rücksicht auf seine oft größeren Gegner nimmt.

Bei den Titelkämpfen in London vom 25. bis 31. August tritt Elkol in zwei Kategorien an. "In der Klasse bis 65 Kilo sind meine Konkurrenten teilweise 20 Jahre jünger und entsprechend schneller", erzählt der 42-Jährige. Dennoch hat er 2011 Platz 1 belegt. Mit seiner Erfahrung gleiche er altersbedingte Schwächen wieder aus.

"Ich kämpfe lieber gegen Gleichaltrige, aber die sind meist viel schwerer als ich", sagt der 1,72 Meter große Sportler. Doch auch dieser Nachteil hat ihn nicht vom WM-Sieg in der Kategorie Ü35 bis 75 Kilogramm abgehalten. "Ich wollte in meinem Leben wenigstens eine Meisterschaft gewinnen", sagt er. Vier WM-, drei Vize- und viele weitere nationale und internationale Titel stehen nach mehr als 25 Jahren zu Buche. Ermüdungserscheinungen kennt er nicht.

Beim Fußball spielen verletzt

Ein Bänderriss, den er sich beim Fußball mit dem ASV Kleintettau zugezogen hatte, zwang den von seinen Teamkollegen Flügelflitzer von Ankara genannten Elkol 2005 fast zur Aufgabe. Dann lief ihm Harald Rögner über den Weg. "Ich habe mir meinen Trainer ausgesucht, so wie Samurai ihren Mentor wählen", sagt Elkol philosophisch. Rögner habe ihn überredet, wieder Wettkämpfe zu bestreiten - mit 36 Jahren. "Ich sehe aus wie 25 und fühle mich wie 17", scherzt der zweifache Vater.

Tatsächlich sei es nicht normal, dass er im fortgeschrittenen Karate-Alter noch solche Erfolge feiere. Zumal der gelernte Verfahrensmechaniker in seinem eigenen Fitness-Studio in Ludwigsstadt beruflich eingespannt ist. "Ich trainiere für London weniger als ich mich früher auf die bayerische Meisterschaft vorbereitet habe", behauptet der Ernährungsberater.

Jetzt geht's los: du oder er

Karate sei zum großen Teil Kopfsache. So habe der Träger des sechsten Dan auch seine Verletzung überwunden. "Wenn ich in den Ring steige, habe ich zuerst etwas Angst, aber dann sage ich mir: Jetzt geht's los, du oder er." Eine Einstellung, die Elkol nach dem Verlassen der Matte ablegt.

"Ich komme aus Kleintettau. Wenn du dort deine Geldbörse verlierst, taucht sie spätestens am nächsten Tag im Tante-Emma-Laden wieder auf - mit 100 Euro mehr drin", sagt er und lacht: "Wenn ich meine Fähigkeiten privat anwende, stehe ich mit einem Bein im Knast." Ein guter Kampfsportler habe eine Schlägerei nicht nötig. "Höchstens Mal als Jugendlicher. Aber da haben wir aufgehört, sobald einer am Boden lag", sagt er. In der Pubertät habe ihm der Sport besonders geholfen. Um sich auszupowern oder Aggressionen abzubauen.

Und der Sport wird immer ein Teil seines Lebens bleiben. "Für Karate ist man nie zu alt", glaubt der 42-Jährige. Nach der Ü35, den Veteranen, könne er noch bei den Oldies kämpfen. Dazu betreibe er Kickboxen, eine Sportart, die vor allem durch die ehemalige deutsche Weltmeisterin Christine Theiss populär wurde. "Ich habe Christine in Unterwäsche kennengelernt", erzählt Elkol. "Beim Wiegen vor ihrem Titelkampf 2012 in Karlsruhe", ergänzt er und hofft, dass er ihr durch seine Aufdringlichkeit beim Autogrammholen in Erinnerung geblieben ist. "Einen liebevollen Knuff mit dem Ellenbogen habe ich jedenfalls bekommen."

Eine Ehrung beim Landrat als Preis

Nicht viel mehr als für seine sportlichen Erfolge. Jeder der 23 deutschen Nationalspieler, die in Brasilien Weltmeister wurden, bekam 300.000 Euro. "Für mich sprang eine Ehrung beim Kronacher Landrat Oswald Marr heraus", verdeutlicht Elkol. Nur mit der Hilfe von Sponsoren könne er sich Reisen wie die nach London leisten. "Das nötige Kleingeld, um dort etwas zu erleben, fehlt aber", sagt der Inhaber des C-Trainerscheins.

Vor allem fährt er ja dorthin, um seine Titel zu verteidigen. Noch wichtiger sei ihm mittlerweile, sein Wissen weiter zu geben. In seinem Fitness-Studio gibt er Karate-, Kickbox- und Jiu-Jitsu-Kurse. Als Vize-Präsident des von ihm mitgegründeten Deutschen Budo-Verbands - eine Dachorganisation für verschiedene japanische Kampfkünste - verspricht er sich zumindest etwas Einfluss auf die Entwicklung der Szene. Unter der Anleitung Rögners will Elkol aber erst noch die Größeren und Jüngeren vermöbeln. Natürlich nur auf der Matte, bei der WM in London.