Dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit einen Menschen stark prägen, zeigte sich am Dienstagmittag vor dem Kronacher Jugendgericht. Ein 19-Jähriger musste sich vor Jugendrichter Jürgen Fehn verantworten, weil er sich als Heranwachsender kinderpornografische Bild- und Videodateien beschafft haben soll. Darauf zu sehen: erschreckende Szenen mit wehrlosen Kindern, manche davon gefesselt oder geknebelt.

"Zum überwiegenden Teil geht es um den schweren sexuellen Missbrauch von Jungen im Alter ersichtlich unter 14 Jahren", las Staatsanwältin Dominique Amend aus der Anklageschrift vor. Der Angeklagte zeigte sich von Beginn der Verhandlung an einsichtig: "Das stimmt so", sagte er nach dem Verlesen der Anklageschrift leise.


Urteil: Geldstrafe und Therapie

Nach einer rund einstündigen Verhandlung verurteile Jugendrichter Fehn den Angeklagten zu einer Geldauflage von insgesamt 900 Euro zu drei Raten von je 300 Euro. Außerdem muss sich der Angeklagte psychiatrisch behandeln lassen, um seine traumatischen Erlebnisse aus der Kindheit aufzuarbeiten.

Denn: Als Jugendlicher soll sein damaliger Erziehungsbeistand den Angeklagten gezwungen haben, kinderpornografische Videos anzusehen. Schreckliche Bilder, die den 19-jährigen Arbeiter bis heute verfolgen. Zwischen August und September 2016 soll der Angeklagte gezielt Internetseiten aufgerufen haben. Auf diesen betrachtete er mindestens 75 Bilddateien mit kinderpornografischem Inhalt. Nachdem der Angeklagte die Fotos angesehen hatte, schloss er die Internetseiten wieder, die Bilder wurden automatisch auf dem Laptop gespeichert.
Bis zur Sicherstellung des Laptops im September 2016 sollen sich auf diesem 63 Bilddateien und eine Videodatei mit kinderpornografischem Inhalt befunden haben.


Sexuelle Übergriffe in Kindheit

Die Frage von Jugendrichter Fehn, was die Beweggründe für seine Tat waren, beantwortete der 19-Jährige ohne Umschweife. In Kontakt mit Kinderpornografie sei der Angeklagte bereits als Elfähriger gekommen, als sein Erziehungsbeistand ihn zwang, kinderpornografische Videos anzusehen. "Mit dem habe ich damals auch schon solche Videos geschaut", erklärte der Angeklagte. Sein Erziehungsbeistand habe ihm dann an die Hose gegriffen und an seinem Glied manipuliert. Zu fünf bis sechs solchen Vorfällen soll es in der Wohnung des Erziehungsbeistands gekommen sein.

Gesprochen hat der 19-Jährige damals mit keinem über die traumatisierenden Erlebnisse. "Es war mir zu peinlich, darüber zu reden", sagte der Angeklagte. Wie Jugendrichter Fehn erklärte, hätten zu der Zeit noch mehrere Mütter gegen jenen Erziehungsbeistand Anklage erhoben. Als er in der siebten Klasse war, sei der Angeklagte deshalb ebenfalls vor Gericht befragt worden. Weil sich der Erziehungsbeistand umbrachte, kam es zu keinem Verfahren mehr.

Zwischen 2012 und 2013 habe sich der Angeklagte aufgrund der Erlebnisse einer Therapie in Kronach unterzogen, die er aber abbrechen musste, weil er in ein Kinderheim in Sonnefeld musste. "Aktuell bin ich in keiner Therapie. Ich würde aber sehr gerne eine machen, weil mich das immer wieder einholt", erklärte der Angeklagte.


Angeklagter ist nicht pädophil

Weil der Angeklagte durch die Kinderpornos nicht sexuell erregt werde, sei er noch kein Pädophiler, wie Jugendrichter Fehn erklärte. "Sie sind traumatisiert durch Erlebnisse, die nicht ausreichend aufgearbeitet sind", sagte Fehn. Das sexuelle Trauma müsse aufgearbeitet werden. Fehn mahnte, dass es bei weiteren Straftaten zu einer stationären Therapie kommen könne. "Ich stehe nicht auf kleine Kinder", sagte der Angeklagte mit Nachdruck.


Bereits Einträge im Erziehungsregister

In ihrem Plädoyer betonte Staatsanwältin Amend, dass sich die vorliegende Anklage bestätigt habe. "Der Angeklagte hat sich schuldig gemacht", sagte Amend. Positiv zu bewerten sei, dass der Angeklagte geständig war. Negativ sei ihm anzulasten, dass er bereits fünf Einträge im Erziehungsregister (darunter Diebstahl und Konsum illegaler Substanzen) hat und es sich bei der Anklage um viele pornografische Bilder handle. Eine Therapie bei einem Psychiater sei deshalb zwingend erforderlich. Als einzige Zeugin wurde eine Ermittlungsbeamtin geladen, die genauer zur Sicherstellung des Computers befragt wurde.

Jugendrichter Fehn verurteilte den Angeklagten wegen des Beschaffens und Besitzens von kinderpornografischen Inhalten. Der Angeklagte ist angewiesen, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben. "Sie brauchen eine psychiatrische Behandlung, damit Sie die Erlebnisse, die Sie im Kindesalter hatten, aufarbeiten können", erklärte Richter Fehn. Ferner muss der Angeklagte eine Geldauflage von 900 Euro zugunsten des Kronacher Saftmobils zahlen und die Kosten für das Verfahren tragen.