Auf Helmut Schiffner kommen unruhige Zeiten zu. Eigentlich hat es schon angefangen. Er wirkt gehetzt, wie auf der Jagd. Es ist nicht klar, ob er Jäger oder Beute ist. Sein Ziel ist dafür umso klarer: Der Unternehmer will den im Koalitionsvertrag vereinbarten flächendeckenden Mindestlohn in dieser Form verhindern. Schiffner weiß, dass er sich mit seiner Meinung nicht viele Freunde machen wird, aber er will "die Birne hinhalten".
Deshalb ist es dem 60-Jährigen wichtig, seine Position genau zu erklären: "Ich will nicht missverstanden werden. Ich bin nicht generell gegen einen Mindestlohn, aber er muss modifiziert werden. Kommt er in dieser Form, dann ist unser Firmenkonzept nicht mehr tragbar."

Von einer Modifizierung will Jürgen Jakob, der Regionsvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für Oberfranken-Ost, nichts wissen: "Ich hoffe, dass da nichts mehr verändert wird."


200 Mitarbeiter beschäftigt

Die Firma von Helmut Schiffner heißt Datex-Perfekt und ist Dienstleister für Datenerfassung und Telefondienste. Den Begriff Call Center versucht Schiffner zu vermeiden. Vielleicht, weil er weiß, dass das Image der Branche in der Öffentlichkeit schlecht ist.

200 Mitarbeiter, viele davon in Teilzeit und zu 98 Prozent Frauen, arbeiten an drei Standorten in Küps, Mitwitz und Steinbach. Viele wohnen in unmittelbarer Nähe zu ihrem Arbeitsplatz. Ein Faktor, den Schiffner durch den Mindestlohn gefährdet sieht. Ein anderer sei sein flexibles Zeitmodell.

"Unsere Mitarbeiter füllen an allen drei Standorten regelmäßig einen Zettel aus, auf dem sie eintragen, wann sie arbeiten wollen und können", sagt Schiffner. Alle Wünsche zu erfüllen und zu koordinieren, sei aufwendig und personalintensiv. Auch dieser Punkt sei bei 8,50 Euro nicht mehr machbar.

Mit dem Mindestlohn würde es auf einen zentralen Standort, vielleicht in Kronach, hinauslaufen, vermutet Schiffner. "Familienfreundlichkeit ade und Wohnortnähe ade. Wertschätzung besteht nicht nur aus Lohn. Wohnortnähe und selbstbestimmte Arbeitszeiten sind auch eine Form", sagt Schiffner.


Aufträge gehen in die Türkei

Der Grundlohn beträgt bei Datex Perfekt sieben Euro. Ein Zeitzonen-Modell lässt den Stundenlohn je nach monatlicher Arbeitsleistung auf bis zu 7,80 pro Stunde steigen. "Einige unserer Mitarbeiter kommen mit Prämien jetzt schon über den geplanten Mindestlohn", sagt Schiffner.

Hauptsächlich übernimmt Datex-Perfekt für das Versandhaus Baur den Bestell- und Kundenservice. "Ruft jemand bei Baur an, dann kommt er zu 60 Prozent bei uns raus, der Rest geht inzwischen in die Türkei", erklärt Schiffner. Und dahin, so befürchtet der Geschäftsführer, werden wohl bald noch mehr Arbeitsplätze aus seiner Branche ausgelagert, wenn der Mindestlohn von 8,50 Euro kommt.

Dann müsse Datex Perfekt seine Preise um einen zweistelligen Prozentbetrag erhöhen. "Das werden unsere Auftraggeber nicht mitmachen. Die Branche unterliegt einfach einem irren Preisdruck", sagt Schiffner. Eine Möglichkeit wären geringere Erhöhungen, aber Einsparungen bei der Organisation. Heißt: keine Teilzeit und Ortsnähe mehr.


"Keine Begründung zu erkennen"

Jürgen Jakob kennt zwar die Details des Firmenkonzepts von Datex Perfekt nicht, aber die grundlegenden Ideen, wie Teilzeitarbeit oder Wohnortnähe sind dem Gewerkschaftler bekannt. "Ich sehe in dem Modell dieser Firma keine Begründung für ein Abweichen vom Mindestlohn. Wenn die Kunden nicht bereit sind, diesen Preis zu bezahlen, wird die Leistung anscheinend nicht gebraucht."

Aber die Schuld einfach auf seine Auftraggeber zu schieben, ist Unternehmer Schiffner zu einfach: "Selbstverständlich schäume ich vor Wut, wenn ich mit ansehe, dass unsere Aufträge in die Türkei wandern. Aber unsere Auftraggeber stehen in Konkurrenz mit Unternehmen wie Ebay oder Amazon, die in Deutschland keine Steuern zahlen."


Nur ein Aufstocker in der Firma

Mindestlohn sei ein hoch sensibles und komplexes Thema, so Schiffner. Argumente wie das Ende von Aufstockern, also Menschen, die trotz einer Arbeit, Zuschüsse von der Arbeitsagentur bekommen, hält er für unglaubwürdig. In seiner Firma gebe es unter 200 Mitarbeitern nur eine einzige Person, die trotz Arbeit noch Geld von der Arbeitsagentur bekommt. Helmut Schiffner befürchtet eher das Ende der Teilzeitarbeit und vieler Hinzuverdiener.

Schiffner hat sich inzwischen warm geredet, da klingelt sein Telefon. "Ich werd' mich in der Mindestlohn-Debatte so weit aus dem Fenster lehnen", sagt Schiffner seinem Gesprächspartner. Er schießt seine Argumente raus, die er mit Äußerungen von Wirtschaftsexperten und Uni-Professoren begründet. Am Telefon entwickelt sich eine Diskussion.

Zeit, den Blick durch das Büro von Helmut Schiffner schweifen zu lassen. Ein bedruckter Zettel, mit einem in der Mindestlohndebatte viel zitiertem Satz, fällt auf: "Wer ganztags arbeitet, muss von seiner Hände Arbeit leben können." Nach fünf Minuten ist das Telefonat beendet. Auf den Satz an seiner Bürowand angesprochen, antwortet Schiffner: "Ich würde diesen Satz sofort unterschreiben." Er steht auf, nimmt sich einen Stift und unterschreibt.


Interessenverein mobilisieren

In dem Telefonat ging es um "Big Number", einem Verein zur Förderung des Call-Center-Standorts Bayern. Schiffner ist mit seiner Firma Mitglied. Eigentlich wollte man den Verein einstellen, aber jetzt will ihn Schiffner vielleicht für sein Anliegen nutzen, um mit kräftigerer Stimme auf Politik und Gewerkschaften einzuwirken.

Da wird der Geschäftsführer beim DGB wohl auf Granit beißen. Jürgen Jakob wirft die Frage nach der Höhe der Gewinne der Firma und dem Gehalt der Geschäftsleitung in den Raum. Seien diese zu hoch, sei das ein Grund, warum die Löhne der Arbeiter niedrig bleiben müssten. Auf diese Vermutung angesprochen, entgegnet Schiffner: "Wir machen schon seit drei oder vier Jahren keinen Gewinn mehr. Wir gehen mit plus minus null raus. Heißt auch, dass wir kein Geld für Investitionen haben." Sein Gehalt habe Schiffner bereits Anfang des vergangenen Jahres halbiert. "Ich bin nicht mehr der Topverdiener im Unternehmen", sagt Schiffner.

Aber nicht nur für sein eigenes Unternehmen sieht er Gefahren durch den geplanten Mindestlohn. In vielen Niedriglohnbereichen, wie beim Friseur, befürchtet Schiffner die Zunahme von Scheinselbstständigkeit, um das Preisniveau vieler Dienstleistungen niedrig zu halten.

"Der Mindestlohn in seiner jetzigen Form ist ein gigantisches Lohnerhöhungsprogramm mit fatalen Wirkungen für unsere Wettbewerbsfähigkeit", sagt Schiffner.


Gespräche mit den Mitarbeitern

Den Zettel mit dem viel zitierten Satz hat er auch bei den drei Betriebsversammlungen, die er in den vergangenen Tagen an allen drei Standorten seiner Firma zum Thema Mindestlohn durchgeführt hat, aufgehängt. Viele seiner Mitarbeiter habe er von seinen Argumenten überzeugt. Politiker und Gewerkschaftler zu überzeugen, dass will er in den nächsten Wochen und Monaten erreichen. "Ich bin mir ganz sicher, dass der Mindestlohn modifiziert wird. Daran werde ich arbeiten", sagt Schiffner.

Diese Hoffnung teilt Gewerkschaftler Jürgen Jakob nicht: "Ich denke nicht, dass die Koalition nach wochenlangem Ringen wieder ein Fass aufmacht."