Den ersten akustischen Vorgeschmack gibt eine Leiter. Lediglich für den Bruchteil einer Sekunde schrammt sie über den grauen Betonboden der Kronacher Kühnlenzpassage - die aber blitzartig von dem scheppernden Geräusch ausgefüllt wird.

Wie es ist, wenn die roten Backsteinwände nicht nur das blecherne Scheppern einer Metallleiter reflektieren, sondern gar den inbrünstigen Torschrei aus knapp 300 Fan-Kehlen, erlebte das alte Industriegemäuer zuletzt vor zwei Jahren: Als Linksverteidiger Jonas Hector im Viertelfinale der Europameisterschaft im Elfmeterschießen den entscheidenden Strafstoß mit etwas Glück an Italiens Torwart-Ikone Gianluigi Buffon vorbei brachte.


Seit Samstag im Einsatz

Während sich Buffons Italiener gar nicht erst für die am Donnerstag gestartete Weltmeisterschaft in Russland qualifizierten, steht Hector erneut im deutschen Kader. Dem Steffen Mahr durchaus zutraut, den goldenen Weltpokal zu verteidigen. "Das Zeug dazu hat die Mannschaft. Denn ich glaube nicht, dass die beiden letzten Spiele gegen Österreich und Saudi-Arabien den derzeitigen Leistungsstand wiedergeben", sagt der Organisator des Public Viewings "Kronacher Fußballfieber". Der Fränkische Tag begleitet die Veranstaltung als Medienpartner.
Seit Samstag arbeiten Mahr und seine Mitstreiter von der Rosenbergalm sowie dem Verein "Kronacherleben" daran, dass die Bewohner der Cranach-Stadt dem Team von Bundestrainer Joachim Löw gemeinsam dabei zusehen können, was es wirklich zu leisten imstande ist. Auf einer eindrucksvollen Leinwand. Es habe nicht nur einige Kraft, sondern noch mehr Nerven gekostet, sie mitsamt des nötigen Metallrahmens am endgültigen Platz knapp unter der Decke zu befestigen, erzählt der 40-Jährige.


"Das Bild ist Bombe"

Mit sieben Metern ist die weiße Fläche, auf die von der Rückseite ein Kinoprojektor das TV-Bild werfen wird, nur 32 Zentimeter schmaler als ein Fußballtor - dafür aber mit 4,40 Metern fast zwei Meter höher. Die ersten Sportler, die über die Leinwand flitzten, waren übrigens gar keine Fußballer. "Zum Test haben wir uns ein Tennisspiel angesehen", erzählt Mahr. "Und das Bild ist Bombe. Noch besser als vor zwei Jahren."
Finanziell sei die Veranstaltung nur aufgrund der Unterstützung der Sponsoren zu stemmen, sagt Mahr. Würde man Eintritt verlangen, stiegen im gleichen Maße auch die Gema-Gebühren. "Und das kann man dann nicht finanzieren", betont er. "Man glaubt gar nicht, womit man sich im Vorfeld alles beschäftigen muss." Dennoch opfern er und seine Kollegen täglich drei bis vier Stunden ihres Feierabends, um in der Kühnlenzpassage zu schwitzen, zu hämmern und zu sägen.

Da braucht es schon einen guten Grund, um die passende Motivation zu finden. Doch nach der müssen weder Mahr noch seine Kollegen sonderlich lange suchen. "Wir schauen einfach gerne in Gesellschaft Fußball und feiern auch gerne zusammen, und die letzten beiden Male haben gezeigt, dass dieses Bedürfnis auch bei anderen Menschen da ist", betont er. Außerdem habe sich der Verein "Kronacherleben" auf die Fahnen geschrieben, genau solche Veranstaltungen möglich zu machen. Die Location sei aber auch einfach traumhaft, da man komplett unabhängig vom Wetter sei.


Besondere Herausforderung

Längst hängen kleine Deutschlandfahnen an den Wänden, der Ton ist installiert und inzwischen auch ein Vip-Bereich sowie drei Bars eingerichtet. Eine komplette gastronomische Infrastruktur mit Spülmaschine, Kühlschrank und Co. "Die Bierbänke und Stühle kommen dann erst ganz zum Schluss rein", sagt Mahr.

Vor eine besondere Herausforderung stellt die Organisatoren die zum Teil frühe Anstoßzeit. Das dritte Vorrundenspiel gegen Südkorea startet am kommenden Mittwoch etwas arbeitnehmerunfreundlich bereits am frühen Nachmittag. "16 Uhr ist eine Wahnsinnszeit", findet Organisator Mahr, der hofft, dass das Fußballfieber der Kronacher dadurch ebenso wenig heruntergekühlt wird wie bei der EM vor zwei Jahren, als das deutsche Team seine Partie gegen Nordirland (1:0) um 18 Uhr an einem Mittwoch bestritt. "Da haben wir von den Zuschauerzahlen gar keinen Unterschied zu den späten Anstoßzeiten gemerkt", erinnert sich Mahr.
Wen die Arbeit nicht von einem Besuch abhält, soll auch vom grellen Sonnenlicht nicht ausgebremst werden. Daher haben die Arbeiter die gläserne Kuppel mit schwarzer Folie abgeklebt und nahmen im Bereich der Leinwand auch die Seitenfenster in Angriff. Um an die in neun Metern Höhe angebrachten Glasscheiben zu gelangen, reichte die Metallleiter dann aber doch nicht aus. Da musste schon der sogenannte Hubsteiger ran - der akustisch ebenfalls einiges zu bieten hatte.


Zwei Stunden vor Anpfiff geht es los

Freier Eintritt: Immer zwei Stunden vor dem Anpfiff der Spiele der deutschen Mannschaft öffnen sich die Tore in der Kühnlenzpassage. Der Eintritt ist frei.

Auftakt: Ihre Auftaktbegegnung bestreitet die Nationalmannschaft am Sonntag um 17 Uhr gegen Mexiko. In Sotschi wartet dann am Samstag, 23. Juni, um 20 Uhr das schwedische Team, ehe es am Mittwoch, 27. Juni, zum Abschluss der Vorrunde gegen Südkorea (16 Uhr) geht.

Achtelfinale: Für die Anstoßzeit des Achtelfinals ist es übrigens egal, ob Jogis Jungs den ersten oder zweiten Platz ihrer Gruppe belegen. In beiden Fällen (entweder am 2. oder 3. Juli) würde es nämlich wie schon gegen Südkorea bereits um 16 Uhr losgehen.