Was seine Arbeit anbelangt, ist Peter Kleylein aus Marktrodach ein Pedant. Begriffe wie "mühevolle Kleinstarbeit", "keine Bastelei", "Spezialverfahren" und "keinerlei Massendurchlauf" fallen, wenn er beschreibt, worauf er Wert legt. Der 32-Jährige blickt dabei ernst drein. Anders, betont er immer wieder, können alte Musikboxen gar nicht restauriert werden.



Kleyleins Patienten sind bis zu 60 Jahre alt und haben in ihrem Leben einiges mitgemacht. Generell müsse viel Nikotin gelöst werden, schließlich standen die Musikboxen meist in Kneipen. Ein dunkler, klebriger Belag im Inneren und für Peter Kleylein ist klar: Hier hat jemand Cola reingeschüttet. Ein Reiniger aus dem Baumarkt sei hier vollkommen fehl am Platz. "Das Plastik ist oftmals aus den 60er Jahren", sagt er, "da braucht man verschiedene Reinigungsverfahren, ansonsten kann man das Material unwiederbringlich zerstören." Fehler könne er sich nicht erlauben, weswegen er "Lehrgeld bei meinen eigenen Geräten bezahlt" habe.

Elvis, Queen und die Stones
Plastik, Chrom, Alu, Edelstahl - mit allem muss er umgehen können. "Am schlimmsten ist es, wenn die Box in einem Fischrestaurant stand", sagt Kleylein. Das Fiese dabei sei, dass die Box ihr Geheimnis erst preisgibt, wenn er beginnt, das Gerät zu reinigen. "Dann kommt der Geruch wieder raus". Hilft nichts, Nase zu und durch. "Wenn ein Kunde das Gerät im Wohnzimmer stehen hat", betont er, "will er nichts riechen."

Seine Kunden stammen hauptsächlich aus Deutschland, einige kommen auch aus Österreich und der Schweiz und sind Sammler. Viele von ihnen können sich noch an die Zeiten erinnern, als Musik ausschließlich via Platte gehört wurde. Die war es auch, die die Musikboxen beliebt gemacht hat, erzählt Peter Kleylein, der selbst gern "Abba, Elvis, Queen oder die Rolling Stones" hört. Schallplatten waren damals teuer und ein Plattenspieler für viele unerreichbar.

Eine Mark - sechs Lieder
"Deswegen gingen die Leute in die Lokale zu den Musikboxen." Die spielten die neuesten Hits, für die Gastwirte eine echte Investition. "Die Leute wollten immer die aktuellen Lieder hören." Die Wirte mussten also immer nachkaufen, manchmal die gleiche Platte auch mehrmals. "Es gab Lokale, in denen die Musikboxen 24 Stunden am Stück liefen. Da waren die Platten teilweise nach wenigen Wochen verschlissen."

20 Pfennige kostete ein Lied, wer gleich sechs bestellte, musste eine Mark einwerfen. Geld, für das die Leute laut Peter Kleylein in den 50ern die Platte auch sehen wollte. Daher auch die großen Panoramafenster in den alten Exemplaren. Eine solches steht bei Peter Kleylein im Wohnzimmer. Vor einigen Jahren habe er die Annonce für eine "Rock Ola Empress 200", Baujahr 1962, gelesen. "Eine der letzten Musikboxen mit Panorama und komplettem Abspiel", erklärt er und legt für einen Moment seine Nüchternheit ab.

Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße: "Sie hatte einen Brandschaden, aber ich dachte mir: ,Mensch, ich kann die doch nicht schlachten und schreddern.‘" Sogar die Tasten waren zusammengeschmort. "In mühevoller Kleinstarbeit habe ich alles wieder hergestellt." Das könne er aber nur für sich selbst machen, denn die Reparatur habe Monate gedauert.

Immer wieder auseinander- und zusammenbauen
Um den schnöden Mammon ging es ihm auch nicht. Er möchte herausgefordert werden: Denn es gibt viele Fehlerquellen, was einer Musikbox alles fehlen kann. Danach zu suchen, sie zu finden und zu reparieren, treibt Peter Kleylein an - und brachte ihn zu seinem Hobby, das er im Jahr 2006 zum Beruf machte. "Ich war neugierig auf das, was kaum mehr jemand richtig kennt. Über die Hersteller bekommt man einen Schaltplan und ein Handbuch", erklärt er. "Das ist aber ziemlich wenig."

Es half alles nichts: Auseinanderbauen, reinigen und wieder zusammenbauen - so arbeitete er sich in die Technik ein. "Man kann nicht von heute auf morgen in das Thema Musikboxtechnik einsteigen", betont er. Schließlich biete er "keine Bastelei" an.

Ersatzteilsuche ist schwierig
Damit seien viele der Geräte, die in seiner Werkstatt landen, ohnehin schon malträtiert worden. Falsche Gummis, falsches Öl, das die Lager verharzt und Chrom-Effekt-Lack verwendet, "was in keinem Verhältnis zu einer echten Verchromung steht". Oder ein 220-Volt-Motor, wo eigentlich ein 110-Volt-Motor hineingehört. "Zehn Minuten lief das bestimmt", witzelt Peter Kleylein. Ist eine Box derart verbastelt heißt es für ihn erst einmal: Alles herausnehmen und sehen, was im Lauf der Jahrzehnte alles verschlimmbessert wurde.

Geduld brauche er dafür. Geduld, bis er die nötigen Ersatzteile der hauptsächlich amerikanischen Geräte findet. "Bisher habe ich alles gekriegt, aber es wird von Jahr zu Jahr schwerer." Gute Kontakte, vor allem in die USA, sind nötig. Aber sollte es keine Ersatzteile mehr geben, "muss eben nachgefertigt werden". Dabei folgt er seinem Credo: "So original wie möglich, aber auch so gut wie möglich."

Von der Platte zur MP3
Im Laufe der Jahrzehnte veränderte sich auch die Musikbox. In den 70ern änderten sich die Geräte: Die Schallplatten verschwanden in den Bauch der Maschinen - Sinnbild für ihr späteres Verschwinden. "Man wollte keine Technik mehr sehen, sondern Musik hören", sagt Kleylein. Und das immer stärker Zuhause, denn Plattenspieler waren jetzt erschwinglich und auch im Radio liefen die neuesten Hits. Der Stern der Schallplatte sank allmählich, die Compact Disc eroberte den Markt.

CD-Musikboxen repariert Peter Kleylein ebenso wie deren Vorgängerinnen und vielleicht repariert er in 30 Jahren Musikboxen, die heute hergestellt werden. Deren Musik stammt dann aber sicher nicht mehr von schwarzen oder silbernen Scheiben, sondern von MP3s.