Nachtwächter - sie sollten für Ruhe und Ordnung sorgen. Lange ist's her. Außer in Kronach. Dort streift Rosi Ross noch heute mit ihrer Hellebarde in der Hand durch die Innenstadt. Doch ihre Aufgabe ist eine andere. Sie soll die Besucher der Alten Crana auf lebendige Weise in die Stadtgeschichte eintauchen lassen. An dieser touristischen Stellschraube will die Kreisstadt weiter drehen.

"Wir haben eine breit aufgestellte Museumspädagogik", stellt der Kronacher Museologe Alexander Süß fest. Steinmetz, Bronzezeit, Erlebnisführungen, ... - die Angebote würden gut nachgefragt. Trotzdem will die Kreisstadt aus gutem Grund noch eins draufsetzen. Auslöser für die geplante Ausweitung des Programms ist die bald bevorstehende Aufnahme des Betriebs im Jufa-Hotel, also der früheren Festungsherberge.

"Jufa wünscht sich - und das tun wir auch - Angebote, die länger als 90 bis 120 Minuten dauern", stellt Süß fest. Wenn die Gäste einen längeren Aufenthalt auf dem Kronacher Bollwerk haben, wollen sie bei den Führungen und Aktionen vermutlich noch tiefer in die Historie der Stadt eintauchen. Und auch andere Besucher als die Jufa-Gäste sowie geschichtsinteressierte Einheimische sollen mit neuen, authentischen und praxisbezogenen Angeboten angesprochen werden.

Vier Köpfe, sieben Gedanken

Neue Ideen, die diesen hohen Ansprüchen gerecht werden, fallen natürlich nicht vom Himmel. Deshalb wurden die Köpfe zusammengesteckt. Mit den Gästeführern Rosi Ross, Thomas Baier und Philip Kraus entwickelte Süß sieben Gedanken, die nun bald in die Tat umgesetzt werden. "Mit viel Liebe und Kreativität" seien Pläne entstanden, die den Festungsbesuch noch erlebnisreicher werden lassen und mit etwa zwei bis drei Stunden Dauer als Halbtagsaktivitäten gelten. 1. Thomas Baier schwebt eine Festungsrallye vor. Für eine größere Zahl an Teilnehmern wird dabei der Spaß im Vordergrund stehen. In einem spielerischen Wettkampf können erste Eindrücke von der Festung und ihrer Geschichte vermittelt werden. "Am Ende steht ein Gemeinschaftserlebnis", geht Süß auf das Heben eines kleinen "Schatzes" ein. 2. Gleich fünf Gedanken für neue Programmpunkte brachte Rosi Ross ein. Beispielsweise soll die Stadt abendlich unter dem derzeitigen Arbeitstitel "Geister, Glut, Geheimnisse" zu einer Abendwanderung einladen, die den Festungswald mit einbezieht. Bei Spielen und Geschichten soll eine abenteuerliche Atmosphäre entstehen. Ausklingen wird das Programm am Lagerfeuer. 3. Aus was besteht Papier? Wo kommt es her? Wie wird aus altem Papier wieder neues? Diese Fragen sollen beantwortet werden. Dabei darf der Brückenschlag zur Bedeutung dieses Werkstoffes für Cranachs Werkstätten natürlich nicht fehlen. Schließlich dürfen die Teilnehmer selbst zu Federkiel und Tusche greifen. 4. "Die Festung in Farbe" lautet der Arbeitstitel für einen Blick in den Farbkasten der Natur. Die Teilnehmer sollen erfahren, welche Pflanzen dazu dienen können, Farbstoffe zu gewinnen. Abschließend dürfen die Gäste selbst gestalterisch tätig werden. 5. Die Natur steht auch beim nächsten Programmpunkt im Blickfeld. "Für unsere Vorfahren waren Kräuter und Pflanzen generell ein wichtiges Thema. Das Wissen darum ist heute bei vielen verloren gegangen", sagt Süß. Deshalb soll im Bereich des Kommandantengartens eine Art Kräutergarten entstehen. Gedanklich zieht der Museologe eine Verbindung zu den typischen Klostergärten. Aber auch wild wachsende Pflanzen im Umfeld der Festung sollen unter die Lupe genommen werden. 6. Bei Rosi Ross' fünfter Themenidee dreht sich alles um den "Baumarkt Natur" . Dabei soll das Holz als Baustoff entdeckt werden. Schließlich findet dieser Rohstoff vielerorts an der Festung seine Verwendung. Aus Fundholz darf am Ende sogar selbst etwas gebaut werden. 7. Der Gedanke von Philip Kraus für ein neues Programmangebot greift das Thema "Belagerung, Angriff und Verteidigung" auf. Der Blickwinkel auf die militärische Bedeutung der Festung soll hierbei vergrößert werden. Es soll nicht nur um die tapferen Kronacher gehen; das Programm soll zwischen der Perspektive der Angreifer und der Verteidiger wechseln und so die Entwicklung des Bollwerks über die Jahrhunderte nachvollziehbar machen. Der Höhepunkt: Es soll ein Katapult nachgebaut werden, mit dem sich die Belagerungstechnik hautnah erleben lässt.

Planungen

Die Pfingstferien sollen als Testlauf für die neuen Programmangebote dienen. Als Zeitfenster in den Ferien wird 9.30 bis 12 Uhr anvisiert. Das Programm ist ausdrücklich nicht nur für die Hotelgäste gedacht. Ob beziehungsweise in welchem Umfang die neuen Angebote auch außerhalb der Ferienzeiten buchbar sein werden, ist noch nicht entschieden. Alexander Süß erhofft sich, dass die neuen Angebote dazu beitragen, viel nach draußen zu gehen und auch die äußeren Anlagen der Festung kennen zu lernen. Um das nun bald noch umfangreichere Programm stemmen zu können, wird gerade eine "neue Generation" an Gästeführern ausgebildet. Süß verdeutlicht, dass es erfreulich viele Interessenten hierfür gebe.

Interview mit Rosi Ross

Rosi Ross ist mit Leib und Seele Gästeführerin. Ihre Gedanken für die neuen Angebote sprudelten regelrecht. Sie haben fünf von sieben neuen Führungen angeregt. Waren das spontane Ideen? Rosi Ross: Ich bin schon seit Jahrzehnten in diesem Bereich aktiv. Da kommt dann eines zum anderen. Ich habe die Schublade immer voller Ideen - und jetzt hat es sich angeboten, darin zu kramen. Schließlich tat sich die Situation mit dem neuen Pächter, der Jufa, auf. Die ist sehr interessiert an einem größeren Programmangebot, sie will Unterhaltung und Erlebnis bieten. Die Natur spielt in Ihren Vorschlägen eine wichtige Rolle. Ist das ganz bewusst so? Ja, ich denke, das Draußensein macht die Sache spannend - sich dort mit Holz zu befassen oder sich orientieren zu müssen und die Sinne bewusst zu erleben. Oder natürlich, in der Dunkelheit unterwegs zu sein. Ich gehe mit den Leuten richtig raus in den Wald. Einerseits lernen die Teilnehmer dabei etwas, andererseits haben sie bestimmt Spaß daran. An welche Zielgruppen richten sich Ihre neuen Führungen? Ich bin überzeugt, dass sie Erwachsene wie auch Kinder ansprechen. Eigentlich sind sie für alle Generationen geeignet. Als Führerin sind Sie ja keine Unbekannte in Kronach. Hilft diese Erfahrung bei den Planungen? Schon. Ich gebe ja seit vielen Jahren Führungen. Das Wissen ist deswegen da. Was bereitet Ihnen an dieser Aufgabe besondere Freude? Seit zehn Jahren mache ich die Nachtwächter-Führung. Am Abend ist es besonders schön, Kronacher G'schichten und G'schichtla preiszugeben. Aber ich befasse mich auch gerne mit der Flößerei, dem alten Handwerk und der Tradition. Stimmt es, dass Sie gerne mit Kindern etwas unternehmen? Ja, die haben so viel Fantasie. Da kann ich mir viel einfallen lassen. Aber: Ich bleibe immer bei der Wahrheit, ich will keinen Klamauk. Am Ende soll schon etwas zu Kronach oder der Festung bei ihnen hängen bleiben.