Der Blick geht weit über die Stadtgrenze hinaus: Vom höchsten Punkt der Festung Rosenberg ist mit dem Staffelberg am Horizont sogar ein Teil des angrenzenden Landkreises Lichtenfels zu erkennen. Gleich hinter einer vielfarbigen Komposition aus Häusern, Wiesen, Wäldern und Feldern. Nur ab und zu übertönt ein über das Kopfsteinpflaster holperndes Auto das melodische Zwitschern der Vögel.

Falls sich Melanie Eichhorn demnächst auf den höchsten Punkt ihrer neuen Umgebung stellt, dürfte es nicht ganz so beschaulich zugehen. Ein aus Motorengeräuschen gewebter Klangteppich wird in der Luft liegen; die Stadtgrenze nicht mal im Ansatz zu erahnen sein. "Ich habe mir sagen lassen, dass man da auf einem Hochhaus stehen kann, sich am Horizont aber trotzdem immer noch mehr Hochhäuser auftürmen", sagt die 19-jährige Kronacherin und lacht.


Projekte zur Auswahl

Doch selbst wer nicht im Frankenwald, sondern einer deutschen Großstadt aufgewachsen ist, dürfte wohl zunächst Probleme damit haben, den Mund vor lauter Staunen gleich wieder zu schließen. Denn mit 6,8 Millionen Einwohnern, im Ballungsraum sogar 7,7 Millionen, ist Hyderabad die viertgrößte Stadt Indiens - und von Sonntag an für acht Monate Melanie Eichhorns Zuhause.

Möglich macht das der entwicklungspolitische Freiwilligendienst "weltwärts". 2008 rief das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Programm ins Leben. Eichhorn gehört zu einem von zehn Zweier-Teams, die die "Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie" zu Projekten nach Indien oder auf die Philippinen entsendet.


Finanzielle Förderung

Die Freiwilligen haben dabei die Wahl, ob sie sich lieber für ein Bildungs-, Gesundheits-, Umwelt-, Landwirtschafts-, Kultur- oder Menschenrechts-Projekt engagieren wollen. "Die sind uns alle vorgestellt worden und wir durften uns dann unsere Präferenzen angeben", erzählt die Abiturientin des Frankenwald-Gymnasiums. Sie entschied sich für das indische Frauenschutz-Projekt "Bhumika Women's Collective". "Das ist seit seiner Gründung Mitte der 90er Jahre richtig schön gewachsen", so Eichhorn. "Die fingen mit einer feministischen Zeitschrift an und haben inzwischen Büros, in denen Frauen mit sämtlichen Problemen hingehen können. Etwa, wenn sie nicht wissen, wie sie eine Scheidung angehen können."

75 Prozent der anfallenden Kosten von Eichhorns Freiwilligendienst trägt das BMZ, die restlichen 25 Prozent die Stiftung. Bezahlt werden davon aber nicht nur Flug und Unterbringung in einer Gastfamilie, sondern noch zahlreiche weitere Posten. Wie die Stiftung mitteilt, beinhaltet das Programm unter anderem eine pädagogische Begleitung, Versicherungen oder Taschengeld. Es auch langfristig durchführen zu können, sei daher nur möglich, wenn jeder Freiwillige in Form eines Förderkreises finanziell unterstützt wird.

Auch für Eichhorn hat die Stiftung ein Konto eingerichtet (siehe Hinweis am Ende des Artikels). "Wenn ich kein Geld sammele, hat das für mich keine Auswirkung, da die diesjährigen Stellen alle schon finanziert sind", erklärt die 19-Jährige. Zukünftig könnte es aber dazu führen, dass Stellen gestrichen werden müssen. Das will sie vermeiden.


Belastetes Trinkwasser

Ebenso, wie sich mit einer der Krankheiten anzustecken, die auf Europäer in Indien lauern. "Eine meiner Vorgängerinnen hatte keine Cholera-Impfung, trank Wasser, das aus dem Hahn kam und hat dann Cholera bekommen", sagt Eichhorn, die in den vergangenen Wochen nahezu jede mögliche Impfung mitgenommen hat.

In Hyderabad sei die Pharmaindustrie stark vertreten, entsprechend belastet sei auch das Trinkwasser. "Dafür sind wir aber in den Vorbereitungsseminaren sensibilisiert worden."

Dort gab es zudem einige Tipps, die sie in den kommenden Monaten konsequent umsetzen will. Etwa, die Zähne nur mit gekauftem Wasser zu putzen oder den Mund nach dem Händewaschen nicht zu berühren. "Ich nehme aber mal an, dass es ziemlich schwierig sein wird, das nicht unbewusst zu machen", vermutet Eichhorn.

Natürlich sind ihr die Risiken bewusst. Aber ohne Risiko gibt es bekanntlich kein Abenteuer. Keine neuen Erfahrungen, von denen sie noch in der Zukunft zehren kann. "Ich denke, dass es mir auch für mein Psychologie-Studium helfen wird", ist Eichhorn überzeugt. Einen Studienplatz in Bamberg hat sie bereits sicher.

In der Beratung werden sie und ihre Mitstreiterin aber nicht eingesetzt. Zunächst gilt es, die tägliche Arbeit in Form von Filmen und Texten zu dokumentieren. Dennoch komme sie in Kontakt mit Fallstudien von Frauen, die überfallen wurden, erklärt die junge Frau mit den braunen Locken. "Außerdem lernt man dort sicherlich, gut zuzuhören und auch mal die Perspektive zu wechseln."

Es sind klare Vorstellungen, mit denen sie ihre Reise antritt. Will Illusionen gar nicht erst mitnehmen. "Ich habe nicht den Anspruch, dass ich mit meinem Aufenthalt alles ändern kann und den Feminismus nach Indien bringe." Vielmehr wolle sie "die indische Kultur auch wieder mit nach Kronach nehmen".

Das dürfte schon mit der Kleidung beginnen. Denn Jeans, Shirt und Co. landen gleich nach der Ankunft im Koffer. "Uns ist empfohlen worden, eine Churidar zu kaufen", sagt Eichhorn. Mit dieser traditionellen Tunika steche man nicht so schnell aus der Masse heraus.


Was falsch ist

Als Hilfe will sie ihren Aufenthalt in Südasien nicht verstanden wissen. Denn Hilfe sei immer etwas, was von oben kommt. "Aber das ist falsch", sagt Eichhorn. "Man muss sich bewusst machen, dass man selbst etwas lernen kann." Was denn zum Beispiel? Lange muss sie nicht überlegen: "In Hyderabad leben viele Religionen friedlich zusammen. Ich bin nicht sehr gläubig, aber ich finde es interessant, das kennenzulernen."

Auslandserfahrung hat sie bereits in der 10. Klasse gesammelt, als es 2013 bis 2014 für zehn Monate nach Ohio (USA) ging. "Aber das ist natürlich viel näher an unserer Kultur, als an der in Indien." Wie sehr sich die Kulturen unterscheiden, dürfte wohl gleich nach der Landung in Mumbai deutlich werden - wenn es mit dem Zug 30 Stunden quer durch Indien ins südlich gelegene Hyderabad geht.

Vielleicht wird die Fahrt durch die Landschaft und hinein in die indische Mentalität das Thema von Eichhorns erstem Artikel. Denn für den Fränkischen Tag wird sie regelmäßig von ihren Erlebnissen berichten. Womöglich ja sogar über die Aussicht über das laute Treiben in Hyderabad. Ihrem Zuhause für acht Monate.

Spenden

Förderbetrag: Wer die Karl-Kübel-Stiftung - die Entsendeorganisation von Melanie Eichhorn - finanziell unterstützen möchte, kann einen Förderbeitrag auf folgendes Konto überweisen:

Kontoinhaber: Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie

Kreditinstitut: Sparkasse Bensheim

IBAN: DE56 5095 0068 0002 0888 05
BIC: HELADEF1BEN

Verwendungszweck: "Spende für KKS - BMZ Freiwilligenprogramm weltwärts - gesehen im Fränkischen Tag"

Spendenbescheinigung: Wer eine Spendenbescheinigung wünscht, wird gebeten, sich mit einer E-Mail an bbp17-hyderabad@t-online.de an Melanie Eichhorn zu wenden. Dort beantwortet sie auch mögliche Fragen. red