Hat jemand die passende Seitenwand gesehen? Fragend blickt sich Leo Filungieri um - schaut dabei aber keineswegs in ratlose Gesichter. Zwei Minuten später tragen zwei Kollegen die etwa zwei Meter lange wie breite Holzwand vom wenige Meter entfernt liegenden Stapel an den Aufstellort. Am Straßenrand des Marienplatzes.

Ehe die anderen noch fehlenden Teile des überdimensionalen Holz-Puzzles hinzugefügt sind und schließlich eine fertige Hütte ergeben, wird es allerdings noch etwas dauern. "Zu zweit brauchen wir etwa 45 Minuten", erzählt Filungieri, während er gerade prüft, ob der Untergrund auch eben ist. "Wenn man erst mal eine Hütte aufgebaut hat, hat man den Dreh wieder raus."

Eine Woche früher dran

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Neu ist diese spezielle Art des Puzzelns für ihn nämlich nicht. Seitdem der Verein Kronacherleben vor vier Jahren die Organisation des Kronacher Weihnachtsmarkts übernahm und von der Oberen Stadt an den Marienplatz verlegte, ist auch Filungieri mit dabei.

Am Samstag war er einer von neun Helfern, die die markanten Holzhütten und die im gleichen Stil gehaltene Bühne am Fuße des Rosenturms aufbauten. "Dieses Jahr sind wir eine Woche früher dran als letztes Jahr", sagt Steffen Mahr. Der langjährige Zweite Vorsitzende des Vereins ist nach einer Satzungsänderung inzwischen einer von drei gleichgestellten Vorsitzenden und in dem Triumvirat für Events und Veranstaltungen zuständig - worunter auch der Weihnachtsmarkt fällt. Der Grund für den frühen Aufbau liege allerdings nur darin, dass der Transport zu einem späteren Zeitpunkt mangels nötiger Lkw und Fahrer schwierig geworden wäre. "Wir machen das halt alle ehrenamtlich, da muss man genau schauen, wer wann Zeit hat", gibt er zu bedenken.

Schüler entwickelten Konzept

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So sehr sich der 40-Jährige darüber freut, dass die Stadt den frühen Aufbau genehmigte, betrübt es ihn, dass heuer zwei Hütten weniger als noch 2017 aufgebaut werden müssen. Unter anderem, weil der Bamberger Roland Wagner altersbedingt aufgehört hat. Wer auch diesen Advent bei ihm Puppen kaufen wollte, wird danach also vergeblich suchen. "In den letzten zwei Jahren sind uns alters- und krankheitsbedingt vier Fieranten weggebrochen", sagt Mahr.

Während es kein Problem ist, Nachfolger für Stände zu finden, die Speisen oder Getränke verkaufen, sieht es bei Fieranten, die Kunsthandwerk anbieten, bekanntlich längt anders aus. "Wir haben die Standgebühren für solche Fieranten in den Vorjahren schon drastisch gesenkt", sagt Mahr. "Das war zuletzt schon nur noch ein Obulus für Strom und Wasser - und jetzt ist es sogar noch weniger."

Die Kosten waren nur eines von vielen Argumenten, wieder mehr Anbieter von Holzschnitzereien, Kerzen und Co. nach Kronach zu locken - die offenbar alle nicht zogen. Dabei hatten Schüler der Kronacher Tourismusschule eigens zu diesem Zweck ein Konzept entwickelt.

Die Idee: Auf dem Marienplatz sollten nur noch heiße Getränke und Speisen angeboten werden, während in der Kühnlenzpassage Fieranten mit ihrem Kunsthandwerk ein neues Advents-Zuhause finden. "Dass ihnen draußen ihre Sachen davonfliegen, war von Händlern, die Produkte aus Papier anbieten, nämlich ein oft genanntes Argument", berichtet Mahr.

Besser als gedacht

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Mit mehr als 300 Fieranten sei Kontakt aufgenommen worden, um für das neue Konzept zu werben. Das Resultat: acht Anmeldungen. "Damit die Kühnlenzpassage zu bestücken, ist natürlich schwierig", gibt der 40-Jährige zu bedenken. "Es ist gar nicht so leicht, Händler für vier Wochenenden zu finden."

Mahr kann die Kunsthandwerker aber auch verstehen. Inzwischen kämen die meisten Besucher nun einmal nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt, um sich mit solchen Produkten für die Weihnachtstage einzudecken: "Wir müssen uns wohl leider damit abfinden, dass wir nicht mehr einen solch traditionellen Weihnachtsmarkt haben wie noch vor 20 Jahren." Er vermutet, dass es irgendwann so sein wird, dass am Marienplatz nur noch Nahrungsmittel angeboten werden. "Und das ist auch ok. Es kommen ja trotzdem Leute."

Dem Gedanken, es so zu handhaben wie Kulmbach, wo jeweils nur am ersten Adventswochenende Märkte angeboten werden (siehe Artikel unten), kann er daher nur wenig abgewinnen: "Dafür ist hier einfach zu viel los!" In sechs der insgesamt 18 Hütten werden heuer handwerklich hergestellte Gegenstände angeboten. Eine Quote, die Mahr selbst überrascht - und gleich noch einmal durchzählt. Doch. Passt. "Das ist ja ein Verhältnis von ungefähr 60:40, das hätte ich gar nicht gedacht. Man sollte es also nicht schwärzer sehen, als es ist", meint Mahr. Natürlich würde er wie vor drei Jahren noch an die 30 Hütten aufstellen. Aber diese Zeiten seien nun einmal vorbei.

Zusammenarbeit mit "Kronach leuchtet"

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Öffnungszeiten: An allen vier Adventswochenenden öffnet der Kronacher Weihnachtsmarkt zu den selben Zeiten: freitags von 14 bis 22 Uhr, samstags von 12 bis 22 Uhr und sonntags wieder von 14 bis 22 Uhr. Die Eröffnung ist am Freitag, 30. November, um 18 Uhr. Neuerungen: Erstmals dabei ist ein Imker, der nicht nur Honig verkauft, sondern auch Honigwein anbietet - jeweils mit und ohne Alkohol. Anders als in den Vorjahren wird die Krippe nicht auf der Zwischenebene am Rosenturm aufgestellt, sondern wandert auf den vorderen Bereich des Marienplatzes zu den Süßwaren-Hütten. "Für einige Leute war es einfach zu beschwerlich, dort hochzukommen", sagt Steffen Mahr. Daher wandert auch der Foto-Point unter die Verbindungstreppe. Für das nötige Ambiente oberhalb der Treppe sollen erstmals drei Weihnachtslichtobjekte sorgen, die "Kronach leuchtet" zur Verfügung stellt. Angedacht ist etwa eine riesige Weihnachtskugel. Veranstaltungen: Nicht nur auf der Bühne unter dem Rosenturm wird den Weihnachtsmarkt-Besuchern ein Programm geboten: Am ersten Adventswochenende werden Schüler der Siegmund-Loewe-Realschule in der Kühnlenzpassage jeweils am Nachmittag ein Theaterstück aufführen. Die genaue Uhrzeit steht allerdings noch nicht fest. Das gilt auch für die Stadtführungen, die speziell auf Kinder ausgerichtet sind.

Blick zu den Nachbarn: Wie Coburg und Kulmbach versuchen, Fieranten anzulocken

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300 Fieranten, die Kunsthandwerk verkaufen, hat der Verein Kronacherleben für sein neues Konzept angefragt (siehe Artikel oben) - nur acht sagten zu. Ein reines Kronacher Problem oder sieht es in der Region ähnlich aus? "Der Anteil an Fieranten, die Glühwein, Heißgetränke mit Alkohol oder Imbiss- und Süßwaren verkaufen, sollte die Marke von 40 Prozent nicht übersteigen", erzählt Frank Briesemeister, der sich für das Coburger City-Management seit elf Jahren um den Weihnachtsmarkt in der Vestestadt kümmert. "Und da kommen wir eigentlich auch immer gut mit hin."

Dazu beigetragen, dass die Quote eingehalten wird, hat ein neues Konzept, das 2007 eingeführt wurde - und eine wichtige Richtlinie beinhaltet. "Die sieht vor, dass wir nur fünf Glühweinbetreiber zulassen und fünf mit Heißgetränken und Alkohol", erklärt Briesemeister. Jeder Betreiber, der einen solchen Stand anbieten möchte, muss sich zudem verpflichten, noch ein Zweitsegment anzubieten. "Also entweder noch einen Imbiss oder kunstgewerbliche Artikel", sagt Briesemeister.

"Radikaler Schnitt"

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Während der Coburger Weihnachtsmarkt auch unter der Woche geöffnet hat und bis zum 23. Dezember etwa 70 000 Besucher anziehen wird, setzt man in Kulmbach auf ein anderes Modell. Dort gibt es lediglich am ersten Adventswochenende großen Trubel - dafür aber gleich an drei verschiedenen Stellen.

Die Diakonie organisiert einen reinen Kunsthandwerkermarkt, die evangelische Kirche einen auf Kinder ausgerichteten Weihnachtsmarkt und die Stadt schafft am Marktplatz ein Angebot, das in etwa mit dem in Kronach zu vergleichen ist. "Fieranten sind eher für ein Wochenende zu kriegen - gerade, wenn sie eine längere Anreise haben", sagt Helmut Völkl, der als Betriebsleiter des Kulmbacher Tourismus- und Veranstaltungsservice für den Weihnachtsmarkt der Stadt verantwortlich ist. Zähle man die Fieranten aller drei Märkte zusammen, komme man auf etwa 60 Prozent an Händlern, die Kunsthandwerk anbieten.

Vor sieben Jahren traf die Stadt die Entscheidung auf einen Markt am zweiten bis vierten Advent zu verzichten. "Weil wir festgestellt haben, dass dieses unsägliche vier Wochen lange Geziehe und Gezerre, bei dem dann irgendwo zehn Buden rumstehen, nicht wirklich attraktiv ist", erklärt Völkl. "Weder für die Besucher noch für die Fieranten."

Der "radikale Schnitt" auf nur noch drei Tage (Freitag bis Sonntag) habe sich daher längst bewährt. Er glaube nicht, dass sich die Zahl der Besucher vervierfacht, würde der Kulmbacher Weihnachtsmarkt wie in Kronach an allen vier Adventswochenenden angeboten.

Kommentar von Marian Hamacher: Die Qualität muss passen!

Und täglich grüßt das Murmeltier: 1993 hing Bill Murray in der gleichnamigen Filmkomödie in der Rolle des Wetteransagers Phil Connors in einer Zeitschleife fest - die ihn einen vorweihnachtlichen Tag immer wieder erleben ließ.

So sicher sich Connors sein konnte, dass er auch am Folgetag wieder mit dem Song "I Got You Babe" aus dem Schlaf gerissen wird, ist inzwischen auch, dass es Kritik am Kronacher Weihnachtsmarkt hageln wird, sobald die ersten Hütten stehen. Meist in digitaler Form auf Facebook. Es gebe doch nur noch "Fressstände" und in der Oberen Stadt sei der Weihnachtsmarkt ohnehin besser aufgehoben gewesen, lautet die gefühlte Mehrheitsmeinung.

Mal ehrlich: Tragen wir nicht alle dazu bei, dass Kunsthandwerker nicht nach Kronach kommen? Wer nicht schon Weihnachtsdeko im Internet bestellt hat, werfe den ersten Dominostein. Und wäre das Geschrei nicht groß, wenn Verkaufsstände in der Oberen Stadt Parkplätze blockieren würden?

Konzepte wie in Coburg und Kulmbach haben beide Charme. Vielleicht ist das Interesse der Händler, die Getränke verkaufen würden, so groß, dass sie sich auf die Verpflichtung zum Zweitsegment einlassen. Ein Versuch wäre es wert.

Und wenn nicht? Dann eben nicht! Ein kleiner Weihnachtsmarkt kann auch ohne Kunsthandwerk punkten. Wenn wie in Kronach die Qualität der angebotenen Produkte stimmt.