Wenn am 11. September das neue Schuljahr startet, kehren Bayerns Gymnasien zurück zu Altbewährtem. Nach vielen Jahren des Kampfes gegen die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre sind die neuen Fünft- und auch die zukünftigen Sechstklässler wieder G9-Schüler - auch an den Kronacher Gymnasien.

"Lehrer und Eltern haben die Umstellung überwiegend begrüßt", fasst Harald Weichert, Schulleiter des Frankenwald-Gymnasiums (FWG), zusammen. "Die Lehrer haben mehr Zeit, um die Kompetenzen auszubilden, und die Schüler gewinnen Zeit zur Orientierung und zur Reife", sagt Weichert.

"Die meisten Eltern sind froh, es war ja ihr Wunsch", berichtet auch Renate Leive, Schulleiterin des Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasiums (KZG). "Es gab keine großen Diskussionen."

"Die deutlichsten Unterschiede werden erst in späteren Jahren sichtbar", sagt Leive über das neue G9, das mit den heutigen Sechstklässlern durch die Jahrgangsstufen wandert. Die letzten G8-Schüler schreiben 2024 ihr Abitur. In der Ober- und Mittelstufe soll es mehr Informatik und Politik geben, zudem gibt es zusätzliche Module zur Berufs- und Studienorientierung.


Keine Nachmittagspflicht mehr

Der größte Unterschied zum bisherigen G8: In der fünften und auch sechsten Klasse gibt es keinen verpflichtenden Unterricht mehr am Nachmittag. "Das beginnt dann erst in der siebten Klasse mit einer Doppelstunde Sport", erläutert Harald Weichert vom FWG. Das Ziel: den Schülern wieder mehr Raum für Wahlunterricht und für die Aktivität in regionalen Vereinen zu geben.

Doch es gibt für die Schüler auch künftig keine Pflicht, neun Jahre am Gymnasium zu sein. "Wer möchte, kann ein Jahr überspringen", erläutert KZG-Leiterin Leive. Vorgesehen ist dafür die elfte Klasse. Allerdings müssen sich Interessierte schon in der achten Klasse entscheiden. Denn in den Jahrgangsstufen neun und zehn sollen sie zusätzlich unterstützt werden.

Der große Vorteil der Idee ist laut Weichert, dass die Schüler in den prägenden Jahren in ihrem Klassenverbund bleiben und trotzdem die Zeit verkürzen können. "Auch die Variante, die Zeit im Ausland zu verbringen, ist möglich", fügt Leive hinzu.

Doch das ist nicht die einzige Neuerung. Auch der vor wenigen Jahren eingeführte Lehrplan Plus muss für die Mittel- und Oberstufe überarbeitet werden. "Und wir brauchen natürlich in einigen Fächern auch neue Bücher", sagt Weichert über die Herausforderungen, die der Systemwechsel mit sich bringt.


P-Seminare schon in der Elften

Gerade in der Oberstufe soll sich einiges ändern. Die P-Seminare, bei denen Schüler ein Jahr lang zusammen mit außerschulischen Partnern an einem Projekt arbeiten, werden aus der Q12/Q13-Phase herausgezogen und sind Teil der elften Klasse.

Nichts Neues gibt es aber bei der Mittelstufe Plus, die als Pilotprojekt am Frankenwald-Gymnasium läuft. "Solange es das G8 gibt, gibt es auch diese Möglichkeit", betont Weichert. Im Zuge der Mittelstufe Plus konnten Schüler schon jetzt das G8 um ein Jahr ausdehnen.


Neue Lehrer braucht das Land

Renate Leive hofft, dass frühzeitig auf den erhöhten Lehrerbedarf reagiert wird. "Ich wünsche mir, dass der Freistaat zügig das Geld für die benötigten Lehrerstellen in die Hand nimmt." Nur so könne verhindert werden, dass jetzt gute Kräfte an andere Branchen oder in andere Bundesländer abwandern und in einigen Jahren Lehrer mit schwächeren Abschlüssen eingestellt werden müssten.

Julia Graf aus der Pressestelle des bayerischen Kultusministeriums antwortet auf Nachfrage unserer Redaktion: "Die Einführung des neunjährigen Gymnasiums bringt vor allem im Schuljahr 2025/26 einen höheren Lehrerbedarf mit sich. Bereits im Vorfeld sollen entsprechende Maßnahmen ergriffen werden, um personalpolitisch auf diese besondere Situation reagieren zu können."

Hierzu zählen laut Ministerium Einstellungsmöglichkeiten im Rahmen von Zweidrittel-Verträgen und ein "Einschleifen" von Mehrbedarf: "Die Schulen erhalten ab 2018/19 in der G9-Aufwuchsphase einen Budgetzuschlag zur individuellen Förderung an der Schnittstelle zwischen G8 und G9. Damit verfügen sie über zusätzliche Ressourcen, um insbesondere leistungsschwache Schüler des letzten G8-Jahrgangs gezielt und individuell zu unterstützen. Gleichzeitig trägt dies aus personalpolitischer Sicht in den nächsten Jahren dazu bei, den mit dem neunjährigen Gymnasium verbundenen höheren Bedarf vorzuziehen, also einzuschleifen."

Doch Leive hat nicht nur Bedenken, sondern sieht auch viele Vorteile durch das neue G9 - vor allem durch die Entschärfung der Distanzen. "Durch die großen Nord-Süd-Ausdehnung unseres Landkreises war der Nachmittagsunterricht gerade in der Unterstufe eine starke Zusatzbelastung. Oft mussten die Schüler lange auf Anschlüsse warten."


Zusatzbelastung wird weniger

Zwar hätten die Lehrer reagiert und an manchen Tagen keine Hausaufgaben aufgegeben. Aber gerade bei Kindern aus weit entfernten Orten habe ein Schulalltag, der das Vereins- und Privatleben dermaßen einschränkt, bei der Entscheidung pro oder contra Gymnasium eine wichtige Rolle gespielt. Leive: "Wir haben das gemerkt. Die Rückkehr zum G9 wird die Gymnasien wieder aufwerten."