Wie viele Stunden hat Finn (8) mit dem Verbinden von "U"s und "A"s verbracht?! Erst solo und dann gekoppelt zu Worten. Das kleine "E" der Vereinfachten Ausgangsschrift hat dem Grundschüler anfangs Schwierigkeiten gemacht: Der obere Schwung halb hin, dann zurück und nach unten durch zum nächsten. Anstrengend.

Finns Mühen lassen fragen: Muss Schrift verbunden sein? Nein, meinen die Finnen und schaffen zum Herbst 2016 die Pflicht zur Schreibschrift ab. Schulen können dann entscheiden, ob sie weiter Schreibschrift oder ausschließlich Druckschrift lehren. Die Grundschullehrer in Kronach sind durch den Lehrplan verpflichtet, ihren Schülern eine verbundene Schrift beizubringen. Wir haben Schulleiter nach ihrer Meinung gefragt: "Verbindung ist Kulturtechnik", meint einer. "Hauptsache Schrift" eine andere.

An alle, die an der Schreibschrift hängen - keine Angst: Im deutschen Bildungssystem steht sie nicht auf dem Prüfstand. Die Überlegungen in diesem Text sind rein hypothetisch.

Bangen um eine Kulturtechnik

Ulrich Weiß, Leiter der Grundschule Wilhelmsthal, hält die Schreibschrift für wichtig. "Sie ist eine grundlegende Kulturtechnik und sollte als solche in der Grundschule eingeführt werden", findet er. Zwar reiche es, Druckschrift zu lernen, um gedruckte oder computergenerierte Texte zu lesen - aber man dürfe die feinmotorische Entwicklung nicht vergessen. Die werde beim Lernen verbundener Schriften besonders trainiert.

Schriftart wird immer simpler

Die Finnen sind der Ansicht, Schreibschrift zu lehren dauere zu lang, gemessen an ihrem Nutzen. Es sei in Zukunft wichtiger, schnelles Tippen zu lernen. Viele finnische Lehrer sollen zudem beklagt haben, dass gerade Jungen motorische Schwierigkeiten mit dem Erlernen der Schreibschrift hätten.

"Ich glaube, dass man Computer dosiert einsetzen sollte", meint Ulrich Weiß. Zudem sei genügend Zeit, um Schülern die Schreibschrift beizubringen. Auch denen, die länger bräuchten. Die Schüler mit großen motorischen Schwierigkeiten seien zum einen an einer Hand abzuzählen, meint Weiß. Und zum anderen dürften die bei der Druckschrift bleiben oder mit dem Bleistift statt dem Füller schreiben.

Auch in Deutschland gibt es immer mal wieder Diskussionen um die Schreibschrift. Und immer mehr wird auf komplizierte Schwünge und Kringel verzichtet. Die als komplex geltende Lateinische Ausgangsschrift wird nur noch an wenigen Grundschulen gelehrt. Seit einigen Jahren propagiert der gemeinnützige "Grundschulverband" sogar eine neue Grundschrift, die aus zu verbindenden Druckbuchstaben besteht. Im Kreis Kronach wird in der Regel die Vereinfachte Ausgangsschrift gelehrt. Sie ist komplexer als die verbundene Druckschrift, aber simpler als die Lateinische Ausgangsschrift. Prinzipiell dürfen Grundschulen zwischen den drei Schriftarten wählen.

Hauptsache Handschrift

Für Anita Neder, Chefin der Lucas-Cranach-Grundschule in Kronach, zählt der Wert der Schrift an sich. Erst an zweiter Stelle sei relevant, in welcher Schreib- oder Druckschrift geschrieben werde: "Ziel der Grundschulen ist, dass die Schüler nach der 4. Klasse eine individuelle, gut lesbare Handschrift entwickelt haben", sagt Neder. Ob die mit Schnörkeln und mit oder ohne Verbindung zwischen den Buchstaben geschrieben werde, sei sekundär.
Den Aufwand, der zum Lehren der Vereinfachten Ausgangsschrift notwendig ist, hält Anita Neder dennoch für "nicht immens". Auf ein Vierteljahr schätzt sie die Lehrzeit. Sie hat nichts dagegen, die verbundene Schrift beizubehalten. Aber als wichtige Kulturtechnik sieht sie nicht die Schreibschrift, sondern die Schrift an sich. "Seien wir ehrlich: In zehn Jahren wird man kaum noch Handschrift zu Gesicht bekommen."

Neder führt ein Beispiel an, für eine verschwundene Schrift, die wohl nur wenige vermissen werden: Sütterlin.

Digitale Demenz?

Wilfried Holzmann, Rektor der Grundschule Steinwiesen, sieht den Vorzug, dass verbundene Schrift "wesentlich schneller" sei. Auch brächten Kinder, die in einer Verbundschrift schreiben, ihre Gedanken oft fließender aufs Papier als Kinder, die nach jedem Buchstaben den Stift absetzen und neu anfangen. Holzmann sieht zudem einen Zusammenhang zwischen der Intensität des Schreiben-Lernens und der Lesekompetenz. Frei nach dem Motto: Durch die Hand in das Gedächtnis.

Mit Blick auf Finnland, wo dem Tippen am Computer mehr Raum gegeben werden soll, ist er skeptisch. "Einige deutsche Hirnforscher sind der Meinung, dass zu viel Arbeit mit digitalen Medien sogar schädlich sein kann." Holzmann verweist auf den Psychologen und Hirnforscher Manfred Spitzer. In seinem Buch "Digitale Demenz" wendet sich der Wissenschaftler gegen Initiativen von Politik und Industrie, "alle Schüler mit Notebooks auszustatten und die Computerspiel-Pädagogik zu fördern".

Es könne eine Belastung für Schüler sein, zwei Schriften zu lernen, aber nur selten eine Überlastung, meint Holzmann. Wie sein Kollege Ulrich Weiß aus Wilhelmsthal sieht er die Schreibschrift als "ein Kulturgut, das man nicht wegrationalisieren sollte."