Die grüne Lampe blinkt, die Kamera zeichnet auf. Michael Scholz zieht an seiner Zigarre. Behält den blauen Dampf kurz im Mund. Und entlässt ihn mit einem leichten hauchen - damit die Zungenspitze den Geschmack aufnehmen kann. Dann beginnt er mit der Analyse der Zigarre, einer "Claro" aus Ecuador mit besonders feinem Deckblatt. Von der Wand beobachtet Prinz Edward der VII. die Szene.

Hunde in Uniform
Im Obergeschoss eines Kronacher Hauses lebt Michael Scholz inmitten britischen Flairs des 17. und 18. Jahrhunderts. Mehrere Repliken von Vorderlader-Pistolen hängen an der Wand zwischen Gemälden, meist von britischen Adligen zu Pferd, die zu Fuchsjagden aufbrechen. Queen Elizabeths Haupt blickt von einem weißen Kissen auf dem dunklen Chesterfield-Sofa. "Das Jagdzimmer", sagt Scholz. Er hat noch ein Seefahrerzimmer am Ende des Flurs - mit altem Globus, Kompassen und Seekarten. Der Kronacher nimmt das nicht zu ernst, hat bei der kurzen Wohnungsführung ein Lächeln auf den Lippen. Manche würden seine Einrichtung kitschig nennen - etwa die kleinen Büsten von Hunden in Uniform - aber er nennt sie "Anglophil", ins Englische verliebt. Infiziert hat Scholz die Lektüre von Sherlock-Holmes-Büchern in der Jugend. Flohmärkte und Antiquariate versorgten den Kronacher seither mit schicken und schrägen Stücken.

Neben England liebt Michael Scholz vor allem Zigarren. Vor mehr als zehn Jahren rauchte der 39-Jährige seine erste. "Ich hatte das Glück, dass es eine Gute war", sagt er. Als er kurz danach zu einer Tagung nach Nürnberg reiste, ging er in einen Zigarrenladen nahe des Bahnhofs. "Wie ein Kind im Süßwarenladen", sagt Scholz, fühlte er sich da. Im Beruf Leiter der Stadtbücherei in Rödental im Kreis Coburg ist Scholz ein belesener, kritischer Mann und keiner, der über alles ins Schwärmen gerät. Aber wenn es um Zigarren geht, blüht er auf.

Mit Klischees aufräumen
"Entschleunigung" und "Belohnung nach einem stressigen Arbeitstag" sind Attribute, die Scholz zum Zigarrerauchen einfallen. Eine am Tag gönnt er sich. Stilecht im Chesterfield-Sessel und manchmal - aber eher selten - auch mit einem guten Glas Whisky.

Seit fünf oder sechs Jahren teilt Scholz seine Leidenschaft für die Zigarren im Internet. "Es gibt so viele Klischees und Vorurteile, die von angeblichen Experten in die Welt gesetzt werden. Und viele stimmen einfach nicht", sagt der Kenner. Auf seinem Youtube-Kanal ("Kleine Welt der Zigarren") räumt er damit auf, teilt seine Meinung zu Geschmack, Zugwiderstand, Abbrand und Preis-Leistungsverhältnis in kurzen Videos mit seinen Zuschauern. Mehrere Dutzend sehen ihn im Monat. Einige melden sich nach jeder Sendung, fragt den Experten etwa nach Geschenktipps aus der Welt der Zigarren. Nach Berühmtheit oder werbefinanziertem Einkommen strebt der 39-jährige Kronacher nicht mit seinem Kanal. "Wenn ich eine besondere Zigarre rauche, dann bespreche ich sie danach. Ohne besondere Hintergedanken", sagt er. Besonders gute oder schlechte Zigarren? "Beide".

Jüngst wurde ein international bekannter Zigarrenhersteller über die Internetvideos auf den Kronacher aufmerksam. Er wurde eingeladen zur Gründung eines Zigarren-Kompetenz-Zentrums in Belgien und zum "Ambassador", zum Botschafter, ernannt. Für die Zukunft plant Scholz auch Seminare rund ums Thema Zigarren. Besprechungen ohne kommerziellen oder werblichen Charakter will er machen und über die Geschichte und Entstehungsorte der Zigarren sprechen. "Was ich bislang online getan habe, will ich dann persönlich tun", sagt er.

Bei 68 Prozent Feuchtigkeit
Die Erfahrung des Kronachers belegt der kleine gläserne Humidor im Wohnungsflur. Dutzende Zigarren bewahrt Scholz in dem Kasten bei 68-prozentiger Luftfeuchtigkeit auf. Seine derzeit liebste Zigarre ist die "Anejo 18 Torpedo Mk-52" mit brasilianischem Tabak. "Das Deckblatt ist 18 Jahre alt", erklärt der Kenner. Die Haltbarkeit ist der gleich bleibenden Luftfeuchtigkeit im Humidor - zwischen 68 und 72 Prozent - zu verdanken.

Vergeblich sucht man im Bestand des 39-Jährigen die wohl bekanntesten Zigarren, "Cohiba" oder "Monte Christo" aus Kuba. "Die sind nicht schlecht, aber überbewertet. Wie wenn man einen Mercedes erwartet, aber unter der Fassade Golf-Technik ist", sagt Scholz. Lieber raucht er Tabake aus Ecuador oder aus der Dominikanischen Republik. "Verspielte Sorten", sagt er. Letztens hatte er eine, die schmeckte erst erdig, dann mild, dann nussig und zuletzt schokoladig. Die musste Michael Scholz einfach besprechen.


Der Kanal
Hier finden Sie den Youtube-Kanal von Michael Scholz und einen kleinen Vorgeschmack gibt's im Video: