Lara* ist kein Kind mehr. Wenn sie auf dem Sofa liegt und in die Leere starrt. Wie betäubt von den eigenen Gedanken. Wenn sie nachts auf dem Fußboden liegt und nicht im Bett schlafen will. Nicht schlafen kann. Wenn sie jede Berührung scheut und zusammenzuckt. Immer dann wird ihrer Mutter bewusst, dass Laras Kindheit vorbei ist. Dabei ist das Mädchen gerade einmal drei Jahre alt.

"Das ist kein Kind mehr. Das ist nicht mehr mein Kind", sagt Laras Mutter Stefanie*. Schuld daran soll der Vater haben. Sicher kein Vorwurf, den eine Mutter leichtfertig macht. Doch dieser Gedanke an das Undenkbare verfolgt sie seit Wochen. Seit ihr Kind nach Hause kam und plötzlich kein Kind mehr war. Seit Lara das widerfahren sein soll, was sich eine Mutter nicht am schwärzesten Tag der Welt vorstellen vermag: Dass der eigene Vater sich am gemeinsamen Kind vergangen haben soll. Seitdem eine verstörte Dreijährige mit ihren unbedarft kindlichen Worten das beschrieb, was sich juristisch auf wenige Silben bringen lässt: sexueller Missbrauch.

Täter oft bekannt

"Missbrauch passiert oft im engsten Familienkreis", weiß Anke Pertsch vom Kreisjugendamt in Kronach. Laut Kriminalstatistik sind das rund 25 Prozent der Fälle. In rund zwei Drittel aller Fälle kannte das Kind den Täter - es war der Cousin, der Trainer, ein Nachbar, der gute Bekannte der Familie. Oder die gute Bekannte, Tante oder Trainerin. In zehn bis 20 Prozent der Übergriffe werden Frauen zu Täterinnen. Bei Lara soll es ausgerechnet der eigene Vater gewesen sein.

Die Eltern von Lara leben getrennt. Die Beziehung belastet, die Vergangenheit kompliziert. Das Sorgerecht teilen sich die beiden, jedes zweite Wochenende ist das Kind bei ihm. Die Regelung scheint zu funktionieren, Stefanie vertraut ihm. Bis Lara nach einem Wochenende bei ihm nach Hause kommt. Und anders ist. "Wir durften sie nicht umarmen, wir durften sie nicht anfassen", erinnert sich Stefanie heute. Alle Ablenkungs- und Aufheiterungsversuche scheitern. "Ich habe mir nicht viel dabei gedacht." Schließlich habe die Tochter schon früh ihren eignen Kopf entwickelt, sei auch mal bockig. Doch etwas ist anders.

Das Kind öffnet sich zuerst dem Lebensgefährten, nicht der Mutter. "Ich denke, sie hatte Angst, dass ich ihren Vater direkt anrufe", vermutet Stefanie. Offenbar war das Vertrauen zu dem Ersatzvater groß. Doch was er sieht und hört, als er der Kleinen die Windeln wechselt, hinterlässt ihn sprachlos und verzweifelt. Das Mädchen hat Schmerzen. Der Papa habe ihr wehgetan, soll die Dreijährige gesagt haben.

Gerade im Familiensystem sei ein Missbrauch nur schwer aufzudecken, erklärt Pertsch. "Das Kind kennt, liebt und vertraut dem Täter ja in der Regel", sagt sie. Doch genau dieses Vertrauensverhältnis und ein gewisses Machtgefälle mache es dem Täter leicht, Druck auf das Kind auszuüben. Er schürt Selbstzweifel: Du wolltest das doch auch. Du hast doch damit angefangen. Er droht dem Kind, schüchtert es ein. "Es entsteht eine hohe emotionale Hürde, sich jemandem anzuvertrauen."

Kindliche Worte

Doch Lara öffnet sich. Sie spricht von Dingen, die sich eine Dreijährige nicht ausdenken kann. Mit ihren naiven, kindlichen Worten beschreibt sie, was der Vater mit ihr gemacht haben soll. "Wo hätte sie so etwas aufschnappen können?", fragt sich die Mutter. "Ein Kind lügt bei Missbrauch nicht", sagt Pertsch aus ihrer Erfahrung. Allein weil es die Erfahrungswelt gar nicht habe. "Ich kann als Dreijährige keinen Missbrauch fantasieren."

Stefanie lässt lang vergangene Unterhaltungen Revue passieren lassen. Versucht, im Verhalten ihres Kindes Anhaltspunkte für einen Missbrauch zu finden. "Was für eine Mutter bin ich eigentlich?", fragt sie sich oft, quält sich damit. Wie lange ging das schon? Hätte sie nicht früher etwas merken können? Jede Erinnerung wird auf die Goldwaage gelegt.

"Ich muss registrieren, dass mein Kind sich verändert", sagt Anke Pertsch. Denn in den allermeisten Fällen ist es genau das: Das Kind verändere sich. Doch nicht jedes Missbrauchsopfer leide plötzlich an Schlaf-, Ess- oder anderen Entwicklungsstörungen. "Es gibt nicht Eins und Eins gleich Zwei", sagt Pertsch. Die Rechnung ist hier nicht einfach. Denn auch wenn es viele Indizien, vielen möglichen Verdachtsmomente im Verhalten des Kindes gebe, können diese nur auf einen Missbrauch hindeuten. Können, müssen allerdings nicht. "Wenn ich registriere, dass mein Kind sich verändert, kann das viele Gründe haben - Missbrauch ist nur einer davon."

Spezifische Symptome

Während es viele nicht spezifische Symptome gebe, seien eindeutige Verletzungen etwas anderes. Laut Stefanies Schilderungen zeigte Laras Kinderkörper nach dem Wochenende beim Vater Spuren des Missbrauchs. "Du weißt nicht, was du tun sollst. Fährst du jetzt da hin und bringst ihn um oder versuchst du, ruhig zu bleiben", sagt sie.

Auch für diese Gefühle - für Wut, Verzweiflung, Rache und Selbstvorwürfe - seien die verschiedenen Beratungsangebote da, sagt Pertsch. Dazu zählen unter anderem das Jugendamt, die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien und der Frauennotruf in Coburg. "Die Mutter muss mit der eigenen Situation auch erstmal klarkommen", sagt sie. Dann bespreche man das weitere Vorgehen, stellt unter Umständen ein Schutzkonzept auf.

"Im Mittelpunkt steht der Schutz des Opfers und die Frage: Was ist zu tun, um den Missbrauch zu beenden?" Dabei muss sich das Elternteil auch fragen, wie weit es bereit ist, zu gehen und ob beispielsweise das Sorge- oder Umgangsrecht gerichtlich geklärt werden soll. Das Jugendamt berät, leitet aber nicht automatisch Schritte ein. "Wir haben keine Anzeigepflicht", erklärt Pertsch.

Hohe Aufklärungsquote

Laras Mutter entscheidet sich für die Anzeige - schaltet die Kriminalpolizei, einen Anwalt und das Jugendamt ein, lässt das Kind beim Arzt untersuchen, versucht, den Kontakt zum mutmaßlichen Täter zu unterbinden. Als das Familiengericht dem Vater betreutes Umgangsrecht zuspricht, weigert sich Stefanie, ihre Tochter zu ihm zu bringen. Lieber riskiere sie ein Bußgeld. Ermittlungen gegen den Vater von Lara laufen aktuell. Der Ausgang ist offen.

Ein Blick in die Satistik zu Kindern als Gewaltopfer zeigt: Die Aufklärungsquote im Bereich des sexuellen Missbrauchs ist mit 80 Prozent relativ hoch. Da die Täter meist aus dem sozialen Umfeld ihrer Opfer stammten, sei die Bereitschaft zur Anzeigenerstattung geringer. Das spricht im Umkehrschluss für eine hohe Dunkelziffer. Doch schon die offiziellen Zahlen sind deutlich. In Deutschland waren 2018 insgesamt 14 606 Kinder von sexueller Gewalt betroffen - durchschnittlich 40 Kinder am Tag. Viele weitere Taten bleiben wohl unbemerkt. Von der Familie. Von der Polizei.

Laras Leiden blieb nicht im Dunklen. Die Folgen spürt Stefanie jeden Tag "Ich komm' nicht mehr so an sie ran, wie früher", sagt sie.

"Ein Kind ist nach einem Missbrauch nicht mehr wie vorher", bestätigt Pertsch. Oft könne man diese Veränderung nicht wirklich an etwas festmachen, schwer in Worte fassen.

Vertraute Atmosphäre schaffen

"Das Leuchten, das Strahlen in den Augen ist weg", beschreibt es Stefanie. Doch wenn sie ihre Tochter heute ansieht, merke sie, dass das Mädchen langsam zur Ruhe kommt, sich öffnet. Sie versuche, ihr ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Der richtige Weg, so Pertsch. "Ich muss dem Kind zeigen: Du kannst mit allem zu mir kommen." Man müsse zuhören, sich Zeit nehmen, eine vertraute Atmosphäre schaffen und natürlich Gesprächsbereitschaft signalisieren. Eine begleitende Therapie mache oft Sinn, doch auch ein Kind müsse zunächst therapiebereit sein. "Das Kind wird ein Leben lang einen Teil der Geschichte mit sich tragen." Es sei üblich, dass sich Opfer sexueller Gewalt erste Jahre später damit auseinandersetzen.

"Ich hoffe und hoffe einfach weiter", sagt Stefanie. Darauf, dass sie ihre Tochter schützen kann. Und darauf, dass Lara wieder Kind sein kann.

*Namen von der Redaktion geändert

Wo Missbrauch beginnt

Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.

Der Täter nutzt dabei seine Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen. Die Handlungen, die als sexuelle Gewalt oder Missbrauch bezeichnet werden, weisen eine große Bandbreite auf. Nicht jede sexuelle Gewalt ist strafbar, aber jede sexuelle Gewalt verletzt Mädchen und Jungen. Sexuelle Gewalt beginnt bei sexuellen Übergriffen wie verbaler Belästigung, anzügliches Beobachten des kindlichen Körpers, aber auch flüchtigen Berührungen des Genitalbereichs oder der Brust über der Kleidung. Passiert die Berührung aus Versehen, spricht man nur von einer Grenzverletzung.

Um strafbaren Missbrauch handelt es sich, wenn sexuelle Handlungen am Körper des Kindes stattfinden oder der Täter sich entsprechend anfassen lässt, z.B. ihm Zungenküsse gibt, sich vom Kind befriedigen lässt. Zu den schweren Formen zählen Vergewaltigungen aller Art. Es gibt auch Missbrauchshandlungen, die den Körper des Kindes nicht direkt einbeziehen, z.B. wenn jemand vor einem Kind masturbiert, sich exhibitioniert, dem Kind pornografische Darstellungen zeigt oder es zu sexuellen Handlungen an sich selbst auffordert.

Quelle: Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Beratungsangebote

Frauennotruf: Der Frauennotruf Coburg ist eine Einrichtung des Vereins "Keine Gewalt gegen Frauen " und richtet sich an Frauen und Kinder. Unter 09561/ 90155 findet eine telefonische Beratung statt, auch persönliche Beratungsgespräche können vereinbart werden.

Caritas und Diakonie: Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien wird von Caritas/Diakonie getragen. Die Beratung erfolgt persönlich in der Klosterstraße 3 in Kronach, telefonisch unter 09261/93730 oder per E-Mail an info@eb-kronach.de. Die Berater stehen unter Schweigepflicht.

Weißer Ring: Die Organisation hilft Menschen, die Opfer von Gewalt oder Verbrechen geworden sind und deren Angehörigen. Ansprechpartner der Kronacher Außenstelle des Vereins sind unter 09263/975910 oder per E-Mail an wr-kronach@t-online.de erreichbar.

Opferhilfe Oberfranken: Der Verein unterstützt und berät Gewaltopfer unter 0171/ 30 32 827 oder per E-Mail an info@opferhilfe-oberfranken.de. Die Opferhilfe bietet direkte Hilfestellung am Telefon, es können auch persönliche Termine vereinbart werden.

Kreisjugendamt: Die Mitarbeiter des Jugendamtes in Kronach (Güterstraße 18; Telefon 09261/ 6780) stehen für Beratungsgespräche zur Verfügung.