Es ist 10 Uhr am Samstag, als ein recht seltsam anmutender Zug die Hauptstraße in Neufang entlang zieht. Schlotfeger Kai Oliver ist dabei, Scherenschleifer Jonas, Musikant Tobias, Schnapsträger Manuel und Sackträger Tobias sowie Kürassier Stefan, der den Geldbeutel mit sich führt. Dann gibt es noch die Jäger Patrick und Michael sowie die Tänzer Andreas, Lukas und Maximilian.

Dem Zug nähert sich ein Auto. "Halt", ruft es wie aus einem Mund. Gemeinsam verstellen die Burschen der Frau die Fahrbahn. Sich ihrer ausweglosen Lage bewusst, lässt die nette Dame ihre Autoscheibe herunter - wohl wissend, was gleich auf sie zukommt. Schlotfeger Kai Oliver zögert keine Sekunde, sondern reibt sich - im wahrsten Sinne des Wortes - schon einmal die Hände - und zwar mit schwarzer Farbe. Er beugt sich ins Auto und streicht genüsslich mit beiden Händen Brunhilde Kotschenreuther über die Wangen.


Bürger werden "angeschwärzt"

Die Neufangerin bleibt nicht die einzige "Angeschwärzte" an diesem Tag. Autofahrer, Fußgänger, Radfahrer, Verkäuferinnen in den Geschäften oder auch Arbeiter, die ihren Dienst im Bergdorf verrichten: Ihnen allen werden Glückwünsche fürs kommende Jahr mit einer mehr oder weniger sanften, rußigen "Schelln" übermittelt. Mit dem Pfeffern, das nach einem heidnischen Brauch Glück bringen soll, wünscht man den Frauen in jedem Haus ein gutes neues Jahr. Das Pfeffern, das traditionell den Neufanger Burschen im Alter zwischen 18 und 21 Jahren obliegt, sei deshalb eine echte Ehre.

Ihre nächste Station ist die Firma Forst- und Landtechnik Kotschenreuther. Verkäufer Mario Peter steht gerade vor der Eingangstür, als die Pfeffera zielsicher auf ihn zugehen. Als kleine "Wiedergutmachung" fürs Anschwärzen erhält er einen kräftigen Schluck Schnaps aus einem großen Schöpflöffel. Brunhilde Kotschenreuther führt die Burschen auch zu ihren anderen Mitarbeitern, die etwas erstaunt dreinschauen, aber die kleine Zeremonie trotzdem über sich ergehen lassen. Noch ein kleines Schnäpschen, schon ziehen die Pfeffera weiter: Schließlich liegen vor ihnen noch jede Menge anderer Häuser zum Abklappern.


Sie sind spät dran

"Wir sind heute spät dran", meint Stefan tadelnd. Zwei Burschen kamen nämlich eine halbe Stunde später als vereinbart zum Treffpunkt. Deshalb konnte man nicht bereits um 5.30 Uhr, sondern erst um 6 Uhr starten. Für die Burschen ging es erst einmal Richtung Leitsch, Tempenberg und Schäferei. Trotz der frühen Morgenstunde sei ihnen bereitwillig geöffnet worden und auch Sackträger Tobias habe bereits ganz ordentlich zu schleppen bekommen. Um 6.30 Uhr ging es dann in Neufang los.

Begleitet von Tobias auf dem Akkordeon wird zwischen den einzelnen Häusern "Tief im Frankenwald" angestimmt. Obwohl sie keinesfalls zu überhören sind, öffnet sich nicht jede Haustür. Meist hängt in diesem Fall jedoch ein Geldkuvert an der Tür und eine kleine Aufmerksamkeit steht davor - beispielsweise Gebäck oder "ein guter Schluck". Doch die allermeisten Hausbewohner freuen sich auf den alljährlichen Besuch. Auf dem Tisch stehen schon kleine wie große Gläser bereit, Hochprozentiges und Nichtalkoholisches sowie Knabbereien. Da die Burschen von 6 Uhr morgens bis abends etwa 21 Uhr unterwegs sind, muss mit den Kräften und dem Trinkvermögen "gehaushaltet" werden.


Getanzt, getrunken und gepfeffert

Nächster Halt ist bei Franziska Müller. Der Besuch in den Häusern läuft immer gleich ab: Es wird getanzt, getrunken und natürlich gepfeffert. Zunächst wird ein Schneewalzer mit der Hausherrin und den anderen weiblichen Mitbewohnerinnen getanzt. Anschließend vertreibt man durch das Hauen mit dem Pfefferstrauß (geschnittene Tannenzweige) auf die Beinrückseiten der Damen die bösen Geister fürs kommende Jahr. Man spricht dabei auch von "Fitzeln". Gepfeffert werden in Neufang nur die Frauen. "Es gibt auch die Tradition, dass am letzten Tag im Jahr die Männer von den Frauen gepfeffert werden. Das ist in anderen Gegenden vielleicht noch so üblich, bei uns hat sich das aber nicht durchgesetzt", erzählt der Kürrassier. Beim Pfeffern wird ein Pfefferspruch aufgesagt - beispielsweise: "Ich bin der kleine König, drum gebt mir nier zu wenig, gebt mir lieber gleich mein Lohn, dess ich wieder weiter koo." Es gibt aber auch noch andere Pfeffersprüche wie "Pfeffer, pfeffer Reue - der Branntwein, der ist teuer. Drum schenk uns noch a Schnäpsla ein. Dou will ich heut dein Schätzla sein." Nach dem Pfeffern wird gemeinsam etwas getrunken. Auch das ist Tradition - ebenso wie das Anschwärzen durch den Schlotfeger. Abschließend wünscht man einander ein gutes neues Jahr und weiter geht's mit dem Lied "Muss i denn zum Städtele hinaus".


Da sagt keiner Nein

Eine weitere Station ist bei Hans und Loni Müller. Loni - eigentlich Apollonia - bietet leckeren selbstgemachten Eierlikör an, bei dem niemand Nein sagt. Derweilen schärft Scherenschleifer Jonas die Scheren der Familie mit einem Wetzstein - eine weitere Tradition.

Gleich in der Nachbarschaft wird der Zug von der kleinen Sophie und ihrer Mama Sandra erwartet. Selbst Sophie wagt dabei - auf dem sicheren Arm ihrer Mama - ein Tänzchen mit Lukas, was ihr sichtlich Spaß macht. Bei der Familie Kukowski freuen sich gleich drei Damen auf den Besuch der Pfeffera - Mama Monika sowie ihre Töchter, die siebenjährige Maria und ihre elfjährige Schwester Paula.


"Pfefferhafer" als Lohn

Neben dem einen oder anderen guten Tropfen in den Kehlen und etwas zu Essen erhalten die Pfeffera in den Häusern auch Geld in ihre Kasse, den sogenannten "Pfefferhafer". Mit dem Geld finanzieren sie alljährlich einen Pfeffertanz für die gesamte Bevölkerung, der üblicherweise im Sportheim stattfindet. Da dieses derzeit umfassend renoviert wird, wird er heuer im Feststoudl abgehalten.

Die Erlöse spenden die Pfeffera - ebenfalls traditionell - wohltätigen Zwecken in Neufang aber auch im Landkreis. So wurden beispielsweise schon der örtliche Kindergarten, die Dorfgemeinschaft und die DJK/SV Neufang sowie die Lebenshilfe Kronach mit stattlichen Spendensummen bedacht. Normalerweise dauert das Pfeffern bis um circa 20 Uhr, heuer wird es aufgrund der Verzögerung wohl 21 Uhr werden - ein langer Tag, der aber auch Spaß macht. "Zudem halten wir damit die Tradition aufrecht", sind sich die Pfeffera einig.

Ähnlich sehen es auch die Hausbewohner, die voll des Lobes über die traditionsbewussten jungen Burschen sind. Für diese gibt es nun erst einmal Mittagessen im Musikheim. Die Pause wird jedoch eher kurz ausfallen. Abschließend noch die Frage, ob es bisweilen auch "Ausfälle" zu verzeichnen gibt. Ein bestimmtes "Nein" ist die Antwort und die Aussage: "Egal ob Schnee, Glätte, Regen oder eisige Temperaturen und wie das persönliche Wohlergehen ist: Wer am Morgen angefangen hat, muss das auch durchziehen - bis zum Ende."

Der Pfeffertanz findet am 18. Januar 2014 ab etwa 20 Uhr im Feststoudl statt. Es spielt die Gruppe "Ghostriders". Die gesamte Bevölkerung ist eingeladen.


Das Pfeffern

Die Ursprünge für dieses heidnische Fruchtbarkeitsritual finden sich bereits im 18. Jahrhundert, wobei der Brauch am "Tag der unschuldigen Kinder" (28. Dezember) heutzutage in nur noch wenigen fränkischen Dörfern aufrecht erhalten wird. In Landkreis Kronach kann man diese Ortschaften an einer Hand abzählen. Nach einem Aberglauben gehen beim so genannten "Pfeffern" Kraft, Frische, Gesundheit und besonders die Fruchtbarkeit auf die Gepfefferte über. Außerdem soll dieses für Glück und gute Ernte sorgen.