Es beginnt im Nacken. Immer tiefer krabbelt der Schauer den Rücken hinunter, ehe er wohlig-warm im Rest des Körpers aufgeht. Geschafft hat das der Hauptchor mit seinem "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine!", dem damit kurz vor dem Ende der Johannes-Passion ein innig-ergreifender Höhepunkt, der von Johann Sebastian Bach so grandios vertonten Leidensgeschichte Jesu geling. Vereinzelt laufen Tränen über die Gesichter der Zuhörer.

Zwei Stunden lang gingen am Karfreitag die ergriffenen Besucher in der voll besetzten Seibelsdorfer Pfarrkirche den Weg des Leidens und Sterbens Jesu mit - machtlos und ohnmächtig gegenüber der wachsenden Erregung der hasserfüllten Menge "Kreuzige, kreuzige!" und dem Jesus entgegen
geschleuderten Hohn und Spott "Sei gegrüßet, lieber Jüdenkönig!" Der Kreuzweg und die Szene am Kreuz, die den Zuhörern die Kehle zuschnürt und bei der man sich der Tränen nicht zu schämen braucht: "Es ist vollbracht!"


Eine Herausforderung für jeden Chor

Die Hohenpriester möchten den ihnen lästig gewordenen Wanderprediger aus Galiläa los werden. Sie verführen Judas zum Verrat. Nach dem Abendmahl wird Jesus am Ölberg festgenommen, vor den Hohen Rat und anschließend vor Pontius Pilatus gebracht, da nur er als kaiserlicher Statthalter ein Todesurteil anordnen darf. Pilatus findet keine Schuld an ihm "Sehet, welch ein Mensch!", wird aber vom aufgebrachten Volk "Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!" zu einem Urteilsspruch genötigt und ordnet schließlich die Kreuzigung an. Jesus tritt den schmerzvollen Gang nach Golgatha an.

Das Leiden Jesu - von der Verhaftung über die Verurteilung bis zur Kreuzigung - präsentierte der Dekanats-Chor Kronach Wort um Wort, Ton um Ton in einer solch eindringlichen, geradezu schmerzhaften Art und Weise, dass man meinte, Teil der Handlung zu sein. Mit rund einem Dutzend Chorsätzen stellt das Meisterwerk jeden Chor vor eine besondere Herausforderung. Nach
dem an Weihnachten aufgeführten Weihnachts-Oratorium brachte der Dekanats-Chor, der heuer sein 15-jähriges Bestehen feiert, nun auch die bereits von ihm vor fünf Jahren schon einmal gesungene Passion zur Aufführung. Dekanatskantor Marius Popp arbeitete dabei die überragende Qualität der von Bach groß angelegten vokalen Komposition bis ins feinste Detail hörbar heraus und führte Chor, Solisten und Orchester in der gewohnten Dramatik.


Überzeugend und klangschön

Meisterlich erfüllte der Chor - ergänzt vom harmonischen Klang der Instrumente - seine gleich doppelte Rolle. Zum einen gab er das aufgebrachte Volk beziehungsweise die gehässigen Hohenpriester. Zum anderen zelebrierte er voller Schönheit die eingestreuten Choräle als kleine
besinnliche Oasen der Ruhe und des Friedens. Das Orchester mit Konzertmeister Norbert Herrmann trug die technischen Feinheiten des Werkes überzeugend und klangschön vor. Sein beseeltes und ausgereiftes Spiel bildete den Grund, auf dem der Chor die Passion Christi gesanglich eindrucksvoll vortragen konnte. Gleiches gilt auch für die durchwegs ausgezeichneten Solisten, deren wunderbaren Stimmen durch die weichen orchestralen Klänge herrlich zur Geltung gebracht wurden. Als rezitierender Evangelist meisterte Sebastian Köchig die Hauptlast der Solostimmen mit
Brillanz. Als tragende Säule des Oratoriums erzählte der Tenor die im Testament zu lesende Geschichte. Neben ihm glänzten im Bass Rainer Grämer mit seinen Christusworten sowie Tobias Germeshausen in seinen Arien mit großer stimmlicher Strahlkraft. Mit großer Hingabe verdeutlichten sie die dramatische Dimension der Handlung.


Ein ergreifender Abschluss

Die weiblichen Stimmlagen setzten dem Ganzen die Krone auf. Höchst einfühlsam gestaltete die Sopranistin Lisa Rothländer vor allem "Zerfließe, mein Herze" in Trauer über den Tod Jesu. Katarina Andersson (Mezzosopran) gab die reuige Sünderin mit "Von den Stricken meiner Sünden" und verband in "Es ist vollbracht" größten Schmerz mit der Erkenntnis des Sieges vom Held aus Judäa. Seitens des Dekanats-Chors gelang Alexander Fröba (Tenor) und Martin Rank (Bass) eine stimmlich
ausdrucksstarke Leistung.

Mit dem lobpreisenden Choral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" fand das hochdramatische, 1724 in Leipzig uraufgeführte Oratorium seinen ergreifenden Abschluss. Gottessohn muss für die Rettung der sündigen Menschheit leiden und den Tod erdulden. Zugleich aber bleibt der "Herr, unser Herrscher" selbst als Geschundener und Erniedrigte allzeit unser König. Das war die tröstende Botschaft einer einmalig schönen Aufführung, die aufgrund des religiösen Gehaltes der Passion am Karfreitag ohne
Schlussapplaus beendet wurde.

Es wirkten mit:

Sopran: Lisa Rothländer
Mezzosopran: Katarina Andersson
Tenor: Sebastian Köchig (Evangelist), Alexander Fröba
Bass: Rainer Grämer (Jesus), Tobias Germeshausen, Martin Rank
Chor: Dekanats-Chor Kronach
Orchester: Popp-Consortium - Norbert Herrmann (Konzertmeister), Carola
Eigenberger (Violine), Birgt Trunk (Viola), Heidrun Rosenberger
(Violoncello), Stefan Klose (Kontrabass), Danielle Maheux, Thomas Vogel
(beide Oboe), Andreas Patterer, Regina Bussmann (beide Flöte), Felix
Rosenberger (Orgel)
Leitung: Marius Popp