Wenn sich Ullrich Mann an seinem Arbeitsplatz von Raum zu Raum bewegen will, dann braucht er einen dicken Schlüsselbund - oder Kollegen, die einen solchen haben. Jede Tür, jeder Zugang zu einem Korridor ist verschlossen. Sicherheit ist oberstes Gebot. Ulrich Mann hat keinen normalen Arbeitsplatz, denn er ist neuer Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bamberg und damit auch für die Haftanstalt in Kronach zuständig.

Einen Tag pro Woche ist er in Kronach. Vieles kann er vom Computer in Bamberg aus erledigen, aber das Gespräch unter vier oder sechs Augen ist ihm wichtig. Unter vier Augen mit den zwei Dutzend Bediensteten in Kronach, unter sechs Augen, wenn einer der über 100 Gefangenen vorgeführt wird.

Die Kronacher Justizvollzugsanstalt hat 100 Haftplätze, zurzeit sitzen 106 Männer ein. Das ist halt manchmal so, "denn wir kriegen keine Buchungen wie ein Hotel", sagt der Regierungsdirektor. Meist bringt die Polizei die Neuzugänge. Manche Verurteilten melden sich spontan zum Antritt der Haftstrafe. "Wir weisen niemanden wegen Überbelegung ab. Wer verurteilt ist, darf auch einrücken", verdeutlicht der Gefängnisdirektor. Gelegentlich tauscht man Gefangene mit anderen Haftanstalten aus.

In Kronach werden Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren abgesessen. Die gibt es für kleinere und mittlere Kriminalität. Auch Untersuchungshäftlinge "mit jeglicher Straferwartung", sogar später als Mörder Verurteilte, saßen in Kronach ein.

Ullrich Mann hat beobachtet, dass Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz stark zunehmen. Vor allem aus Richtung Tschechien schwappt die Crystal-Welle nach Bayern. Das sorgt für eine Überfüllung der ostoberfränkischen Haftanstalten, weshalb diese gerne Insassen an andere Gefängnisse abgeben.


Aus verschiedenen Ländern

Die 106 Männer in Kronach stammen aus verschiedenen Ländern. Und die allermeisten führen sich nicht ungebührlich auf. Der Alltag in bayerischen Gefängnissen ist nämlich viel unspektakulärer als manche Fernsehsender glauben machen wollen. "Der ,Frauenknast‘ ist bar jeglicher Realität", weiß Ulrich Mann und erntet Zustimmung von seinen Kronacher Kollegen.

In Bamberg verbüßen 210 Insassen eine Haftstrafe. Bamberg hat auch eine Frauenabteilung. Dort ist es so wie in anderen Haftanstalten mit weiblichen Gefangenen und in der JVA Aichach: Der Frauenknast platzt aus allen Nähten. Es ist nicht so, dass die Kriminalität der Damenwelt zugenommen hat, aber die Hemmschwelle der Richter und vor allem Richterinnen, eine Frau hinter Gitter zu schicken, ist in den vergangenen Jahren gesunken.


An Ort und Stelle verhandelt

Wer in der JVA Kronach aufmuckt, der handelt sich ein Disziplinarverfahren ein. Wenn Gefangene nach Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz den Urintest verweigern, sich Weisungen der Bediensteten widersetzen, der Arbeitspflicht nicht nachkommen oder randalieren, dann haben sie ein Disziplinarverfahren zu erwarten. "Da haben wir laut Gesetz Sanktionsmaßnahmen. Das wird an Ort und Stelle verhandelt", sagt Ullrich Mann. Die Maßnahmen reichen vom Verweis bis zum Arrest. Letzterer kann bis zu vier Wochen dauern. Üblich sind fünf bis sieben Tage. Der Arrest wird in einer besonders spartanisch ausgestatteten Zelle verbüßt. Mitnehmen darf der Gefangene dorthin nur ein Glaubensbuch, die Bibel oder den Koran. In der Arrestzelle ist er 23 Stunden pro Tag eingesperrt. Die eine Stunde Hofgang muss er auch alleine, abgesondert von den anderen, absolvieren.


Handy in der Wurstdose

"Es gibt kaum ein Delikt, das ich nicht gesehen habe", zeigt Ullrich Mann die Bandbreite der Verurteilungen zu Haftstrafen auf. Er hatte schon Gefangene, die wegen Fischwilderei verurteilt wurden. Das waren sicherlich keine Ersttäter.

Und Ullrich Mann zeigt auch die Sammlung der verbotenen Gegenstände, die seine Beamten bei Gefangenen gefunden haben. Die verbotenen Sachen werden gut versteckt. Dabei entwickeln die Gefangenen viel Fantasie. Vor allem Handys werden in den Knast geschmuggelt und dort verborgen. Die Justizvollzusbeamten haben schon Handyverstecke in Stühlen, hinter Türscharnieren, hinter Spiegeln und in einer Wurstdose gefunden. Richtig gelesen: in einer Wurstdose. Der entsprechende Gefangene war folgendermaßen vorgegangen: Beim erlaubten Gefängniseinkauf eine Dose mit Rindswürsten gekauft, den Deckel so abgelöst, dass der Zugring unbeschädigt blieb, die Würste raus, ein Handy samt Dämmmaterial und einem Stein rein, dazu noch eine Plastikröhre halb gefüllt mit Flüssigkeit, so dass man das typische Geräusch der Flüssigkeit beim Schütteln der Dose hören konnte. Und die getürkte Dose war bis auf zehn Gramm so schwer wie die Originaldose. Doch das fast perfekt gemachte Versteck wurde doch entdeckt, das Handy konfisziert.